Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Zur Problematik der Stammzellforschung

Dirk Große, Pastor in Altenholz

Hinführung
Was sich gegenwärtig in der medizinischen und biologischen Forschung abspielt,  ist atemberaubend. Die medizinischen Möglichkeiten haben in einem für frühere Zeiten unvorstellbare Maße zu genommen. Krankheiten, die früher als Schicksal hinzunehmen waren, sind oftmals kaum noch eine Bedrohung. Sie können therapiert oder zumindest weitestgehend gelindert oder aber in ihrer Lebensbedrohung eingeschränkt werden.

Die Grundlagenforschung der Zellbiologie, insbesondere die Stammzellforschung hat in den letzten Jahren dabei eine zentrale Stellung eingenommen. Innerhalb dieser Forschung verbindet man aufgrund bahnbrechender neuer Methoden und Erkenntnisse die  Hoffnung, bisher unheilbare Krankheiten wie z.B. Krebs, Alzheimer, MS, Herz – und Organerkrankungen wie u.a. Diabetes  erfolgversprechend therapieren zu können.

Im Zuge dieser verheißungsvollen biomedizinischen Forschung ist jedoch eine intensive und zum Teil sehr leidenschaftliche Diskussion um deren ethische Implikationen entbrannt, die bis heute andauert und die im Vorfeld des Bundestagbeschlusses zum Stammzellgesetz am 11. April 2008 ihren Höhepunkt hatte.

Um die bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch innerhalb der ev. Kirche (EKD) z.T. kontrovers geführte ethische Legitimation bzw.  Ablehnung von einer bestimmten Form der Stammzellforschung zu verstehen, müssen wir in einem ersten Schritt klären, was in der sog. Stammzellforschung geschieht. In einem zweiten Schritt geht es  um die ethische Reflektion dieser Forschung. In einem dritten Schritt wollen wir sodann überlegen, was diese ethischen Überlegungen für den Fortgang der Stammzellforschung für Konsequenzen haben. In einem weiteren  Schritt werden wir Alternativen aufzeigen und dann abschließend Folgerungen daraus ziehen.

Die Stammzellforschung
Stationen der pränatalen Entwicklung des Menschen
Am Anfang unserer Menschwerdung beobachten wir eine eindrucksvolle Entwicklung. Was wir sehen, ist die Entwicklung nach der Geburt. Aus einem Baby mit Primärbedürfnissen (Nahrungsaufnahme, Schlaf, Stoffwechsel) entwickelt sich in nur wenigen Wochen ein soziales Wesen. Es lernt z.B. die Hand-Mund Koordination, Voraussetzung für die eigene Nahrungsaufnahme und damit die „Abnabelung“ von der Mutter hin zu einem eigenständigeren Menschen. Um das zu können, macht das menschliche Gehirn eine atemberaubende Entwicklung durch. Immer mehr Nervenbahnen bilden sich und verbinden sich zu einem weitverzweigten Netz. Eltern sehen ihr Kind das erste Mal lächeln, sie hören die ersten Laute, sie beobachten die ersten zielgerichteten Bewegungen
…… und staunen. Sie sind sozusagen Zuschauer eines Schöpfungsvorgangs. Was sie nicht sehen, sind die Vorgänge im Organismus. Sie sind mindestens ebenso staunenswert.

Noch weniger sichtbar und zugleich ebenso faszinierend  ist allerdings die Entwicklung des Menschen vor der Geburt. Diese Entwicklung wollen wir nun etwas genauer betrachten, denn diese macht sich die Stammzellforschung zunutze.

Mit der Vereinigung von Samen- und Eizelle ist der Grundstein für den Beginn eines neuen Lebens gelegt.Ca.30.000 Gene umfasst der architektonische Bauplan dieser Zelle, aus der mit fortschreitender Entwicklung schließlich über 200 verschiedene Zelltypen des menschlichen Organismus hervorgehen.

Die befruchtete Eizelle teilt sich mehrmals. Aus dem Zwei-Zell-Stadium wird das Vier-Zellen-Stadium, eine weitere Teilung führt zum  Acht-Zellen-Stadium. Erreicht die pränatale, menschliche Entwicklung das Blastocystenstadium, den man sich als Zellklumpen mit einem Zellrand und einem inneren Kern vorstellen kann, kommt es zur Einnistung (Nidation). Bis zu dem Zeitpunkt der Einnistung sind die Zellen totipotent.  Das heißt, dass die bis zu diesem Stadium entstandenen Zellen alles können. Sie können aus sich selbst heraus also auch die Plazenta bilden.

Nach der Einnistung sind die Zellen nicht mehr totipotent, sondern pluripotent. Sie können immer noch nahezu alles, nur eben nicht mehr die Plazentabildung. Diese und die folgende Phase ist für die Stammzellforschung von großer Bedeutung. Denn die pluripotenten und die durch weitere Teilung entstehenden multipotenten Zelle bilden die Voraussetzung für spätere Spezialisierungen. Sie enthalten also das Potential, alle der über 200 Zellenarten/Typen des Körpers zu bilden; so zum Beispiel für den Knochenbau und dessen Regeneration, Blut-, Haut-, Organ-, Nervenzellen …usw. Von nun an beginnen sich die Zellen durch weitere Zellteilungen zu spezialisieren, deren  Entwicklungsmöglichkeiten mit zunehmendem Spezialisierungsgrad abnehmen. Ein Beispiel: aus der embryonalen Stammzelle bildet sich die erste Stufe der Spezialisierung, z.B. die Blutstammzelle. Diese wiederum spezialisiert sich in einem weiteren Schritt zur Bildung der roten Blutkörperchen, der Blutplättchen und der weißen Blutkörperchen. Diese weiterentwickelten Stammzellen enthalten zwar immer noch das gesamte genetische Material, wie deren Vorgängerzellen. Jedoch kann durch ihre Spezialisierung nur ein Ausschnitt der genetischen Informationen aktiv werden. Darin ist die Spezialisierung begründet. Sie ist insofern logisch, als dass eine Blutstammzelle nun mal die Aufgabe hat, Blut „herzustellen“ und nicht Haut oder Lebergewebe.

Wenn es also gelingt, sog. embryonale – also pluripotente –  Zellen  zu gewinnen und sie zu vermehren, dann könnte man mit diesen „Alleskönnern“ neue und vor allem gesunde Körperzellen züchten. Für die medizinischen Therapiemöglichkeiten und die Heilungsaussicht bei Erkrankungen  weckt das gerade für Betroffene hohe Erwartungen.

Die Gewinnung von embryonale Stammzellen  
Mit der Vereinigung von Ei und Samenzelle entsteht  „genetisches Material“ oder der genetischen Bauplan, aus dem sich durch Teilungen und spätere Spezialisierungen der Mensch entwickelt. In der Stammzellforschung entnimmt man embryonale Stammzellen (aus dem inneren Zellkern der Blastocyste). Diese ES legt man in einer Petrischale in eine Nährlösung und kultiviert sie und kann sie genetisch manipulieren. So hat man an Mäusen die in der Petrischale kultivierten und manipulierten ES in eine andere Blastocyste re-implantiert. Diese Zellen entwickeln sich in der neuen Blastocyste und können so zu allen entstehenden Geweben beitragen.
Der enorme Vorteil der ES in der Forschung besteht also darin:
Sie haben unbegrenzte Vermehrungsfähigkeiten (Selbsterneuerung)
Sie verfügen über Differenzierungspotenzial (Pluripotenz)

Grundsätzlich lässt sich dieser Vorgang auch an der menschlichen ES vollziehen. Dabei  kommt allerdings die ethische Brisanz ins Spiel. Denn eine Blastocyste ist faktisch bereits ein Embryo in einem frühen Stadium. Zwar sind in Deutschland Experimente mit menschlichen Stammzellen nicht untersagt, aber sie dürfen dennoch in unserem Land (s.u. Stichtaglösung) nicht erzeugt werden, weil die übriggebliebene Blastocyste dem Embryonenschutzgesetz unterliegt. D.h. sie darf nicht getötet werden. Wie kann man also Stammzellen gewinnen, ohne die Blastocyste, aus der sie entnommen werden zu töten?

So stellen sich folgende ethische Fragen:
–    Soll der frühe Embryo zum bloßen Produkt oder Objekt gemacht werden?
–    Ist die Blastocyste nur ein biologischer Zellhaufen oder als potenzielles menschliches Wesen  schützenswert?
–    Besitzt die Blastocyste Menschenwürde?
–    Soll die Nutzung des Embryos im Labor bzw. dessen kultivierte Zellen für Wissenschaft und Forschung                    zulässig sein?

Ethische Herausforderungen
Es besteht  in der christlichen Ethik Konsens, dass es auf der Grundlage eines christlichen Menschenbildes  geradezu geboten ist, Menschen, die von Erkrankungen betroffen sind, durch neue Therapiemöglichkeiten zu helfen.
Die ethische Brisanz entsteht vielmehr dann, wenn ethische „Güter“ oder Gebote miteinander in Konkurrenz geraten.  Wenn also die Chance der Therapie einerseits in Kollision mit dem Schutz des Lebens andererseits  gerät. Letztlich geht es also um die Frage, wann das Leben beginnt und wann menschliches Leben in seiner biologischen Entwicklung den Status einer Würde erlangt.

Die christliche Sicht des menschlichen Lebens
Nach  christlichen Grundsätzen unterscheiden wir zwischen Schöpfer und Geschöpf. Alles, was lebt, verdankt sich dem schöpferischen Akt des Schöpfers. Wenn man so will, hat Gott in jedem Geschöpf seine Spuren hinterlassen.
In christlicher Sicht hat der Mensch im „Konzert“ aller Geschöpfe eine herausgehobene Stellung, die sich theologisch aus der Gottebenbildlichkeit ableitet und den Menschen daher in der Schöpfung eine besondere Verantwortung zukommen lässt. Diese besondere Stellung ist gerade nicht in seinen biologischen Eigenschaften begründet, sondern im Personsein des Menschen. D.h. menschliches Leben steht vom Anfang bis zum letzten Atemzug unter dem Schutz der schöpferischen Liebe Gottes. Es ist unbedingt schützenswert!
Hier kommen nun zwei unterschiedliche Weltbilder zum Vorschein. Aus der biologischen Perspektive wird der Mensch in seiner biologischen Entwicklung betrachtet. Erst in einem fortgeschrittenen Entwicklungsstadium ist daher dessen Personsein in bestimmten Eigenschaften wie Bewusstsein oder dem Haben von Interessen begründet. Lebewesen, die über diese Eigenschaften nicht verfügen, sind demnach nicht als Personen zu betrachten. Das gilt dann  auch für den Menschen ohne Bewusstsein. Auch innerhalb dieser biologisch-naturwissenschaftlichen Perspektive argumentiert man also  durchaus ethisch. Aber sie geht von ganz anderen ethischen Voraussetzungen aus. Demnach ist ein Mensch ohne Bewusstsein nicht als Person zu verstehen und unterliegt somit auch nicht dem unbedingten Schutz. Für unsere Fragestellung nach den Grenzen der Stammstellforschung bedeutet das: ein Embryo im Blastocystenstadium verfügt über kein Bewusstsein, kann daher nicht als Person betrachtet werden.

Ganz anders dagegen die christliche Perspektive. Hier gründet das Personsein des Menschen nicht in Eigenschaften und Fähigkeiten, sondern in einem Schöpfungsakt und einem voraussetzungslosen (!) Anerkennungsverhältnis durch Gott, das wiederum zur wechselseitigen Anerkennung der Menschen untereinander verpflichtet. Personales Sein ist hiernach nicht naturgegeben, wie dies die genetische Ausstattung des Menschen ist. Die schöpferische Liebe Gottes begründet also das Personsein des Menschen, und zwar in jedem neuen Werden des Menschen. Das  hat als Entsprechung zur Folge, dass Menschen sich (relational) aufeinander als Personen beziehen und als solche in Liebe achten. D.h. Embryonen im frühen Entwicklungsstadium sind in der christlichen Perspektive immer mehr als biologisches Zellmaterial oder Menschen ohne Bewusstsein. Dieses Mehr bildet die Grundlage  weiterer ethischer Überlegungen.

Ethische  Konsequenzen aus christlicher Sicht
Vom christlichen Standpunkt besteht also Klarheit, dass die Menschenwürde und der Lebensschutz bis in die allerersten Anfänge des Menschseins reicht und einen ethischen Schutzanspruch begründet. Bei einem Embryo handelt es sich demnach um einen sich zur Geburt hin entwickelnden Menschen.
Innerhalb der EKD (s. EKD Texte 71) gab es allerdings unterschiedliche Auffassungen, wann das Leben beginnt und von welchem Zeitpunkt man von einem zu schützenden Menschen auszugehen hat.

Position A:
Bei einem Embryo handelt es sich immer um einen sich entwickelnden Menschen, unabhängig von dessen Entwicklungsstand und dessen Entwicklungsmöglichkeiten. Vom Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle an ist demnach von der Entwicklung eines Menschen auszugehen. Diesem kommt als einem Geschöpf der Liebe Gottes Gottesebenbildlichkeit und Menschenwürde zu.

Position B:
Die Entwicklung zu einem Menschen ist gebunden an äußere Voraussetzungen, die für eben diese konstitutiv sind. Man könne also erst von einem sich entwickelnden Menschen reden, wenn die Interaktion des Embryos mit einer entsprechenden Umgebung (vor allem die Einnistung in die Gebärmutter) vorhanden ist. Das Leben eines Menschen beginnt demnach erst, wenn die äußeren Entwicklungsvoraussetzungen gegeben sind. Bei der Mehrzahl der Embryonen, die auf natürlichem oder gezielt künstlichem Wege entstehen, kann davon nicht die Rede sein.

Ethische Verlautbarungen seitens der EKD:
Innerhalb der EKD vertrat man in den zurückliegenden Jahren die Auffassung, dass dem menschlichen Embryo von Anfang an Menschenrecht und Lebenswürde zukommt. Der menschliche Embryo ist keine bloße Biomasse. Eingriffe an menschlichen Embryonen, die ihre Schädigung oder Vernichtung in Kauf nehmen, sind daher nicht zu verantworten – und seien die Forschungsziele noch so hochrangig. In den Jahren 2000-2001 vertrat die EKD daher die Forderung nach einem vollständigen Einfuhrverbot embryonaler Stammzellen.
Aufgrund des Mehrheitsbeschlusses des Bundestages vom 30. Januar 2002, der den Import von embryonalen Stammzellen unter strengen Restriktionen zuließ, sah sich EKD im Sinne einer Verantwortungsethik genötigt, nunmehr als Reaktion auf das Stammzellgesetz (Stichtag für Import v. ES: 1.Januar 2001) dessen Überschrift einzufordern: „Keine verbrauchende Embryonenforschung: Import humaner embryonaler Stammzellen grundsätzlich verbieten und nur unter engen Voraussetzungen zulassen“.

Inzwischen hat sich die gesetzliche Ausgangsituation noch einmal geändert. Aufgrund der verunreinigten embryonalen Stammzelllinien hatte der Bundestag im April 2008 erneut über den Umgang mit embryonalen Stammzellen zu entscheiden. Der EKD Ratsvorsitzende Bischof Huber vertrat im Vorwege des Gesetzgebungsverfahrens die Auffassung den Stichtag vom 1.1.2001 auf den 31.12. 2005 zu verschieben. Das würde den Import der meisten derzeit weltweit bestehenden Stammzelllinien nach Deutschland ermöglichen und trotzdem an dem Grundsatz festhalten: um der Forschung in Deutschland willen darf kein menschlicher Embryo getötet werden. An dem Ausschluss dieses möglichen Motivs und seiner Auswirkungen liegt dabei alles.
Man spürt dabei, wie sehr die theologisch-ethische Position in die Defensive geraten war und wie sich daraus dieser Kompromissvorschlag entwickelt hat.
Ob man darin die Aufweichung ethisch theologischer Grundsätze erkennen will, oder vielmehr den angemessenen Umgang mit demokratischen, sich verändernden Urteilsbildungen und den daraus folgenden  Entscheidungen, sei dahingestellt.
Ich zitiere diesbezüglich die Erklärung des EKD Ratsvorsitzenden Huber vom 11. April 2008: „ Ich habe großen Respekt dafür, wie der Bundestag in dieser schwierigen Frage entschieden hat. Ziel muss es sein, die Grundlagenforschung mit embryonalen Stammzellen so schnell wie möglich hinter uns zu lassen, um den Schwerpunkt auf die Forschung mit adulten Zellen zu legen. Menschliche Embryonen dürfen nicht zu wissenschaftlichen Zwecken hergestellt und verbraucht werden. Für die Glaubwürdigkeit der getroffenen Entscheidung ist es nun entscheidend, dass sich die Wissenschaft und Politik klar für die Einmaligkeit der Stichtagverschiebung einsetzen.“

Zusammenfassung
Die Forschung mit embryonalen Stammzellen eröffnet bisher ungeahnte Therapiemöglichkeiten in der Medizin.
Die Nutzung von ES zu Forschungszwecken widerspricht christlich ethischen Grundsätzen. Der menschliche Embryo hat nach christlichem Menschenbild von Anfang an Menschenwürde und Lebensrecht. Eingriffe an menschlichen Embryonen, die ihre Schädigung oder Vernichtung in Kauf nehmen, sind daher nicht verantwortbar.
Unterschiedliche Auffassungen, Weltanschauungen, Interessen  und der ethische Konflikt haben zu einem Ausgleich der gegensätzliche Überzeugungen in den Beschlüssen des Bundestages vom 01/2001 und 04/2008 geführt, die unter strengen Auflagen den Import von überzähligen ES aus dem Ausland zulassen.
Die EKD akzeptiert die o.g. Beschlüsse bei Beibehaltung ihrer ethischen Grundsätze (b.). Die katholische Kirche dagegen lehnt die Beschlüsse des Bundestages kategorisch ab.

Ausblick
Die deutsche Bundesforschungsministerin Annette Schavan, bekennende Katholikin, wurde wegen Ihrer zustimmenden Haltung zu der Stichtagverschiebung für den Import von Stammzelllinien auf den 1. Mai 2007 von ihrer Kirche vehement kritisiert. Sie begründete ihre für sie selbst äußerst schwierigen Entscheidung wie folgt: Sie habe durch ein Gespräch mit einem Bioethiker einen Wendepunkt in ihrer eigenen Urteilsfindung gefunden, der ihr die großen Chancen von der Reprogrammierung von Körperzellen nahegebracht hat. Zur Erforschung der Reprogrammierung seien jedoch embryonale Stammzellen nötig.
Unter Reprogrammierung versteht man sozusagen die Rückbildung von bereits spezialisierten Körperzellen (adulte Stammzellen) in frühere Entwicklungsstadien. Das bedeutet, dass gerade die Erkenntnisse der Stammzellforschung mit ES  deren Einsatz in absehbarer Zukunft überflüssig machen könnte.  Genau das forderte ja auch die Erklärung des EKD Ratsvorsitzenden: die Verlagerung der Stammzellforschung auf adulte Stammzellen.

Adulte Stammzellen
Adulte Stammzellen sind leicht zu gewinnen. Sie  lassen sich aus jedem menschlichen Gewebe  gewinnen. Der große Vorteil besteht in ethischer Perspektive darin, dass man dabei keine Embryos im Frühstadium verbraucht und vernichtet. Die Forschung mit adulten Stammzellen ist deswegen ethisch also absolut unbedenklich.
Allerdings hat die Forschung mit adulten Stammzellen auch erhebliche Nachteile:
Geringe Verfügbarkeit wegen erheblich geringerer Teilungsfähigkeit (6-8x, also nicht unbegrenzt)
Geringere Plastizität
Funktion und Biointegrität?

Dennoch gibt es einige Zellen (Haut, Dünndarm, aus dem Knochenmark…)  die teilungsaktiver sind, als andere adulte Stammzellen.  Auch weiß man inzwischen, dass bestimmte Zellen die Fähigkeit haben sich zu reprogrammieren,  also auf ein früheres Entwicklungszellstadium zurückzugehen. So liegen beispielsweise Myoblasten im Muskelgewebe, aus denen bei Bedarf Muskelzellen gebildet wird. Offenbar besitzen diese Myoblasten das Differenzierungspotenzial , um aus ihnen auch Herzzellen, Nervenzellen und Blutzellen herzustellen.

Auch an der Uni Klinik in Kiel hat man mit einer Untergruppe der Leukozyten, den Monozyten, bereits vielversprechende Fortschritte in der Forschung mit adulten Zellen durch die Methode der Dedifferenzierung gemacht.  Die adulten Zellen der Monozyten werden dabei im Labor mit einem hormonellen Wachstumsfaktor zusammengebracht, worauf sich die Zellen zu teilen beginnen und sich dabei in frühere Entwicklungsstadien zurückbilden (Dedifferenzierung). Mit Hilfe dieser  so gewonnen Zellen lassen sich u.a. Knorpelzellen, insulinbildende Zellen der Bauchspeicheldrüse, neuronale Zellen und Knochenzellen züchten.

Schlussbemerkung
Eine ethische Urteilsfindung im Umgang mit der Stammzellforschung ist unverzichtbar. Der Einsatz von „überflüssigen“,  embryonalen Stammzellen scheint jedoch für den  Einsatz von adulten Stammzellen unverzichtbar zu sein. Die ES liefern nämlich die Informationen, wann und wie und unter welchen Bedingungen und Umständen  Gene aktiv werden (Biointegrität).
Folgende Herausforderungen scheinen mir in der ethischen Auseinandersetzung um die Stammzellforschung zu lösen zu sein:
Wie lassen sich die ethischen Schlussfolgerungen des christlichen Menschenbildes allen Andersdenkenden in einem offen zu haltenden und zugleich kritischen Dialog vermitteln?
Wie lassen sich allgemein gültige, ethische Grenzen in  einer global orientierten  Forschung  international  verbindlich aufstellen?
Wie können sich ethisch orientierte Forscher gegen „schwarze Schafe“ in ihrer Zunft wehren und welche Unterstützung benötigen sie dazu?

Sollte dieser Vortrag für die ethische Urteilsbildung der Zuhörer/Leser einen erkenntniserweiternden Beitrag im Sinne eines  verantwortbaren Umgangs mit der Stammzellforschung geleistet haben, würde es mich freuen!