Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Wie verläuft das Leben? Gesundheit als Wahn?

Propst Knut Kammholz

Vor einem Jahr erschien in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“  ein Artikel von Manfred Lütz mit dem provozierenden Titel: „Erhebet die Herzen und beuget die Knie“. Untertitel: „Gesundheit als Religion: Vorsorge, Enthaltsamkeit, Sport – das ist die neue Dreifaltigkeit. Ein Gotteslästerer, der dies bezweifelt.“ Dieser Artikel hat uns in der Gruppe, die sich diese Vortragsabende  überlegt hat, so beschäftigt, dass wir meinten, wir sollten die Thesen von Lütz zur Diskussion stellen.
Manfred Lütz, Autor mehrerer Bücher, ist Mediziner, Philosoph und Theologe und leitet als Chefarzt ein Krankenhaus in Köln-Porz.
Lütz polemisiert in seinem Artikel dagegen, dass die Gesundheit in unserer Gesellschaft inzwischen geradezu verklärt wird. Gesundheit ist zu einem Zauberwort geworden und sie bestimmt allmählich unser ganzes Leben. „Hauptsache gesund“, so heißt es immer wieder.  Die Art, wie die Menschen sich für ihre Gesundheit aufopfern, erinnert an Religion. So wird zum Beispiel der Begriff Sünde heute fast nur noch gesundheitsreligiös verwendet. Etwa beim Verzehr von Sahnetorte. Man müsste darum vielleicht gar nicht so viel Aufhebens machen, wenn die Gesundheitsreligion nicht eine solche „gigantische Anleitung zum Unglücklich-Sein“ wäre, wie Lütz es ausdrückt. Lütz schreibt: „Um den Tod zu vermeiden, nehmen sich die Menschen das Leben, nämlich unwiederholbare Lebenszeit. Es gibt Menschen, die leben von morgens bis abends nur noch vorbeugend, um dann gesund zu sterben. Doch auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot.“

Interessant ist, was für eine Vorstellung vom Menschen zu diesem Gesundheitskult führt. Bei dem Gesundheitsgläubigen dreht sich alles nur um sein Wohlergehen und sein Wohlbefinden und seine Zukunft.  Er verhält sich total egoistisch und seiner Meinung nach ist nur der Gesunde Mensch im eigentlichen Sinne. Die chronisch Kranken oder Behinderten sind Menschen zweiter oder dritter Klasse. Auch wenn diese Auswüchse der Gesundheitsreligion unter ethischen Gesichtspunkten schon schlimm sind, das größte Übel jedoch, das aus ihr erwächst, ist ihr Fundamentalismus, der sich im Begriff der „Ethik des Heilens“ niederschlägt. Denn wer wagt Widerspruch, wenn es um das Heilen geht? Wer heilt, hat doch wohl recht? Oder? Lütz zeigt auf, wie die „Ethik des Heilens“ dem Menschenbild des Grundgesetzes radikal widerspricht, weil das Grundgesetz die gleiche Würde eines jeden Menschen voraussetzt. Wenn aber nun Föten, also Lebewesen mit allen menschlichen Erbanlagen, allein deshalb produziert werden, damit man ihre Stammzellen benutzen kann, vielleicht einmal heilend einsetzen kann, dann verdeutlicht schon dieses Beispiel, wie zu Heilungszwecken bis dahin bestehende Grenzen überschritten werden. Und wohin solche Grenzüberschreitungen führen und dass damit auch bald jegliche Hemmung der Tötung von Menschen gegenüber fallen können,  dafür liefert Lütz in seinem Artikel Beispiele aus Holland oder Belgien, die unter die Haut gehen. Heute geht es darum, sagt Lütz, „die Kunst wieder zu entdecken,  in den von der Gesundheitsreligion bloß als defizitär angesehenen Grenzsituationen menschlicher Existenz, in den unvermeidlichen Krankheiten, Behinderungen und Leiden eines Lebens, im Alter und sogar im Sterben Quellen des Glücks zu finden.“ Es geht also darum, die unvermeidlichen Grenzsituationen anzunehmen; denn darin, so sagt Lütz, bestehe die wahre Lebenskunst und er verweist zum Schluss auf Heinrich Schipperges, den großen Arzt und Philosophen aus Heidelberg, der einmal gesagt hat, „um gesund zu sein, muss man der Welt im Ganzen zustimmen.“
Lütz schreibt wie gesagt nicht nur als Mediziner, sondern auch als Philosoph und Theologe. Ihm geht es darum darzustellen, auf welche Schiefebene wir kommen, wenn wir diesem Gesundheitskult weiterhin so unkritisch folgen. Es ist ein Weg, der in die Irre führt. Warum das so ist, möchte ich im Folgenden versuchen darzustellen.

Zunächst: was ist eigentlich Gesundheit? Das deutsche Wort „gesund“ leitet sich vom germanischen (ga)sund ab. Es bedeutet „stark, kräftig“. Es ist verwandt mit dem lateinischen sanus, sanare. , das wiederum höchstwahrscheinlich eine etymologische Beziehung zu sancire, sanctus hat, was  „heiligen, heilig“ heißt. Die indogermanische Sprachgruppe um die Worte „heil, heilen, heil machen, Heilkunde“ wiederum haben eine Verbindung  zum griechischen Wort holos, was „ganz, heil“ bedeutet. Etymologisch assoziiert bedeutet das deutsche Wort „Gesundheit“ also so viel wie „stark, kräftig, heil, ganz“ und sogar „heilig“.
Auch neuere Definition dessen, was Gesundheit ist, haben dem nicht wesentlich Neues hinzuzufügen. Die allgemeingültige Definition dessen, was „Gesundheit“ ist, gibt es nicht. Es gibt nur Annäherungen, auf die man sich einigen kann. Wenn man zum Beispiel „Gesundheit“ so definieren möchte, dass man sagt: „Gesundheit ist das perfekte Funktionieren aller Organe“, dann muss man schon genauer sagen, was denn eigentlich mit „perfekt“ gemeint ist. Kleine Störungen wie gelegentliche Magenschmerzen weisen auf nicht ganz perfekte Magenfunktion hin, aber trotzdem kann man eigentlich noch nicht von einer Krankheit reden. Störungen im Organismus sind etwas ganz Natürliches. Eine gewisse Imperfektion ist im Leben gewissermaßen mit eingebaut. Ordnung und Chaos zusammen bestimmen das, was wir Gesundheit nennen.

Darum kommt eine andere Definition der Realität schon etwas näher, wenn wir zum Beispiel sagen: „Gesundheit ist die Fähigkeit des Menschen, trotz körperlicher oder seelischer Mängel arbeiten und das Leben genießen zu können“. Im Gegensatz zur ersten Definition  (das perfekte Funktionieren der Organe) wird hier eher das perfekte Funktionieren der Seele betont, gesund ist vor allem seelische Gesundheit, seelische Robustheit.
Die Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation WHO nimmt daher beide Definitionen zusammen und erweitert sie sogar noch um den sozialen Aspekt. Und so spricht sie also von „Gesundheit“, wenn „körperliches, seelisches undsoziales Wohlsein“ vorhanden ist. Sie bemüht sich mit dieser Definition um einen inklusiven, ganzheitlichen Begriff.

Gesundheit ist eigentlich ein Indiz für „richtiges Leben“ und da Leben einen Prozess beschreibt und keinen Zustand, sollte auch der Gesundheitsbegriff nicht statisch sondern dynamisch ausgerichtet sein. Der bereits oben erwähnte Schipperges hat daher folgende Definition vorgeschlagen, an der ich mich im Folgenden orientieren werde: Gesundheit ist kein Zustand, sondern eine Verfasstheit, ist kein Ideal und nicht einmal ein Ziel: „Gesundheit ist ein Weg, der sich bildet, indem man ihn geht.“ Ich folge der Definition von Schipperges vor allem deswegen, weil bei ihm der Gesundheitsbegriff an den Lebensbegriff gekoppelt ist. Dabei soll Leben nicht nur in seiner physischen (materiell organisierten), sondern auch in seiner psychischen (immateriellen) und auch sozialen Spielart Berücksichtigung finden. Neben den Erbanlagen ist es eben auch immer wieder die Umwelt, die den Menschen  gesund erhält oder krank macht. Insbesondere ist es die Art und Weise,  wie der Mensch bei seiner ererbten Disposition mit diesen Umwelteinflüssen umgeht, wie er sie meistert, ihnen unterliegt und wie im lebenslangen Prozess der Erfahrung und Persönlichkeitsbildung die Umwelt sogar die Persönlichkeit geformt hat. „Gesundheit muss als Lebenskultur verstanden werden“, hat Schipperges daher betont.   „Gesundheit ist die Summe von Wechselwirkungen zwischen uns und unserer Lebenswelt, die uns bald freundlich, bald feindlich gegenüber steht und deren Einfluss dann letztlich bestimmt, wie wir gesunden oder erkranken.“

Es ist weniger die Frage „gesund woher“ als die Frage „gesund wozu“, die uns beschäftigen sollte: Gesundsein hat immer auch zu tun mit Lebenssinn.“
Gesund ist demnach, wer aus Erfahrung lernt und seine Meinung äußert und ändert, wer die Kraft hat und den Mut gewinnt, etwas ins Leben zu investieren und sich einzusetzen, wer Spannungen aushält, Konflikte löst und den Stress meistert. Gesund ist, wer jeden Tag als geschenktes Lebens und als Chance nehmen kann, Neues zu gestalten und Schönes zu erleben.  Ein Mensch ist dem Leben vor allem dann gewachsen, wenn er für sich eine Grundlage und einen Anhalt für Lebenssinn gefunden hat. Diesen Lebenssinn zu realisieren, ist die eigentliche Aufgabe des Erwachsenseins.

In seinen autobiographischen Aufzeichnungen hat Carl Gustav Jung bemerkt: „Sinnlosigkeit verhindert die Fülle des Lebens und bedeutet darum Krankheit. Sinn macht vieles, vielleicht alles ertragbar.“ Und dann kommt er auf einen weiteren Gedanken, der unseren Überlegungen einen neuen wichtigen Aspekt hinzufügt: „ Wenn man versteht und fühlt, dass man schon in diesem Leben an das Grenzenlose angeschlossen ist, ändern sich Wünsche und Einstellungen. Letzten Endes gilt man nur wegen des Wesentlichen, und wenn man das nicht hat, ist das Leben vertan.“
Ich glaube, dass dieser Gedanke für unser Thema von immenser Bedeutung ist: „Wir sind schon in diesem Leben an das Grenzenlose angeschlossen“ wie Jung es nennt. Wer diesen Gedanken existentiell in Lebensgestaltung umsetzen kann, wird den Verlauf des Lebens in Richtung Alter und Verfall gelassener leben können, als jemand, dem dieser Gedanke fremd ist.
Alles Leben trägt von seinem Entstehen, von seiner Geburt an, den Keim des Todes in sich. Man könnte geradezu sagen: Alles Leben ist tödlich. Der Tod gehört zum Leben dazu. Aber der Lebenswille sträubt sich gegen den Tod, weil der Tod als etwas dem Leben  Fremdes und Feindliches empfunden wird.

Paul Tillich hat gefragt: „Wer nicht fähig ist zu sterben, ist der fähig zu leben?“ Aber wie wird man fähig zu sterben? Indem man vorher sinnvoll gelebt hat und indem man schon im Leben dem Tod etwas entgegen zu setzen hat. Das aber, was man dem Tod entgegen setzen könnte, so hat es der Theologe Traugott Koch ausgedrückt, „das kann ja nur etwas Unbedingtes sein, ein Glaube, ein Geist, der vom Tod nicht bedingt wird und in ihm nicht zergeht. Es geht darum, sein Leben so zu leben, ohne dass man den Tod verdrängt, aber ihm trotzdem nicht entgegen lebt. Ohne Todesfurcht zu leben, heißt ohne die Angst, Entscheidendes zu versäumen. …Wem sein zeitliches Leben vom Ewigen Gottes durchdrungen  ist, dem raubt der Tod nicht den Gehalt, den Fundus seiner selbst; dem vernichtet der Tod nicht das Wahre, sein Ureigenes und Persönliches – es wäre sonst Gott selbst vernichtet. Aus der Stärke eines in diesem Sinne erfüllten Personseins heraus – einfach weil er weiß, wofür er lebt – kann er folglich dem eigenen Tod gelassen entgegensehen. Kierkegaard hat diesen Gedanken so ausgedrückt: „Denn die Ewigkeit, sie gibt Füße, darauf zu gehen.“ “

Weil dieser Glaube aber so weithin nicht mehr vorhanden ist, kommt es zu dem eingangs dargestellten Gesundheitswahn.  Weil der Glaube an Auferstehung und ewiges Leben den Menschen in der Neuzeit  weithin abhanden gekommen ist, bleibt ihnen jetzt nur die so knapp bemessene und  – je älter man wird -, geradezu dahin rasende Lebenszeit hier und jetzt.  Wenn dem Leben der Aspekt der Ewigkeit fehlt, ist dies Leben die einzige und damit auch schon  letzte Gelegenheit. Was jetzt nicht gelebt wird, ist verpasst. Wo die Zeit so begrenzt ist, wird sie knapp. Man muss hineinpacken, was hinein geht. Daher die Beschleunigung in allen Bezügen unseres Alltags. Da hat man keine Zeit mehr zu verschenken. Sie muss unter allen Umständen genutzt werden.  Dafür muss man sich fit halten und dafür wiederum gibt es Wellness-, Diät- und Sportprogramme.

So weit so gut, könnte man sagen, wenn diese Gegebenheiten nicht mit einer nicht mehr zu übersehenden Schattenseite verbunden wären, die sich niederschlägt in einer in den hochentwickelten Ländern weltweit festzustellenden Zunahme von Erkrankungen an Depressionen. Die WHO geht von 121 Millionen depressiv Kranken aus. In Deutschland sollen es ca. fünf Millionen sein. 80% von ihnen  haben Suizid-Gedanken. Dazu kommt noch, dass uns schon vor Jahren die „Erschöpfung der utopischen Energien“  wie Jürgen Habermas es genannt hat, diagnostiziert worden ist und Sozialpsychologen eine besorgniserregende Fixierung der Menschen auf ihre Alltagsbewältigung festgestellt haben, ohne dass sie noch von irgendeiner übergreifenden Idee bewegt würden. Wir haben es mit einer tiefen Krise im gesellschaftlichen Selbstverständnis zu tun, das sich nicht einmal mehr über unterschiedliche mögliche Zielvorstellungen streitet, sondern einfach keine mehr hat. In allen gesellschaftlichen Bereichen, in der Politik, in der Wirtschaft und zunehmend auch in den privaten Welten geht es nur noch ums „Überleben“, ums „Durchhalten“. Hier zeichnet sich eine Gesamtsituation ab, die man mit dem Begriff „erschöpfte Gesellschaft“ überschreiben könnte.

Viele Menschen erleben ihren Alltag wie ein Auto in rasender Fahrt, in dem ständig das Gaspedal gedrückt wird und  in dem es ein Bremspedal nicht zu geben scheint.
Aber haben die Menschen eine Wahl? Ist es nicht so, dass der neoliberale Durchschnittsmensch sich in seinen Lebensformen der unaufhaltsamen Beschleunigungsdynamik immer weiter anpassen muss? „Trotz Wellness-Industrie ist hier keine Chance, eine Ökologie der eigenen Ressourcen zu betreiben, sondern in einem unaufhaltsamen Steigerungszirkel läuft alles aufs Scheitern und einen Erschöpfungszustand zu“ diagnostiziert der Psychologe Heiner Keupp aus München. Und er fährt fort: „Unsere Kultur wird zunehmend eine Winner-Kultur, sie will vor allem Sieger- und Erfolgsgeschichten hören und sie verdrängt die andere Seite der Medaille. Was uns daher Not tut, ist eine  Kultur des Scheiterns. Scheitern ist die Basis für Lernprozesse. Wir müssen die eigenen  Ressourcen und Kräfte ernst nehmen. Das heißt auch, sich von den dominierenden ideologischen Menschenbildvorgaben des neoliberalen Herrschaftsmodells  ebenso zu befreien wie von der Hoffnung auf eine obrigkeitliche Lösung.“

Dieser kleine gesellschaftspolitische Exkurs hat mit der Frage nach dem Verlauf des Lebens mehr zu tun, als man zunächst vermutet. Ich sprach eben von den ideologischen Menschenbildvorgaben, die unser Leben prägen. Sie sind wesentlich dafür mit verantwortlich, wie unser Leben verläuft, ob wir gesund sind oder nicht. Nach Reiner Keupp hängt ein positiver Lebensverlauf davon ab, ob wir mit den  eigenen Ressourcen ökologisch umzugehen wissen oder nicht.  Ob ein Leben erfolgreich ist, bemisst sich eben nicht allein an seinem äußeren Erfolg, sondern mindestens ebenso, wenn nicht noch mehr, am Erfolg im inneren Umgang mit sich selbst. Wie gut der innere Umgang mit sich selbst funktioniert, lässt sich ganz gut daran messen, ob man sich glücklich fühlt oder nicht.   Wie oft stößt die Meisterung der äußeren Wirklichkeit auf Hindernisse, die von innen kommen, zum Beispiel, wenn man seine eigenen Möglichkeiten überschätzt oder unterbewertet. Selbstüberschätzung oder Selbstzweifel können sich als Hemmnis der Meisterung der äußeren Bedingungen entgegenstellen.
Welche Umstände dazu beitragen, dass uns ein langes oder kurzes Leben geschenkt wird, ist nicht immer genau auszumachen. Natürlich gibt es genetische Disponiertheiten, erbliche Faktoren, die einem ein stabiles Herz oder einen hohen Blutdruck bescheren. Aber es setzt sich doch  – jetzt auch in der medizinischen Wissenschaft – immer mehr die Erkenntnis durch, dass zur Gesundheitserhaltung und Lebensverlängerung nicht nur biochemische und physiotherapeutische Maßnahmen beitragen, sondern von mindestens gleicher Bedeutung in diesem Zusammenhang die psychologischen Voraussetzungen  der Lebenseinstellung zu sehen sind.

Die Fragen, wie ich mein Leben sehe, was ich verwirklichen möchte und worin ich den Sinn meines Lebens sehe, haben mehr Gewicht, als meist vermutet wird. Je nachdem, wie diese Fragen beantwortet werden, verhält sich die Stabilität der eigenen Gesundheit. Sie hängt  davon ab,  ob mein Leben genügend Impulse und Anregungen erhält. Nur wenn das passiert, ist das Leben positiv gestimmt, nur dann wird es als erfüllend erlebt.  Gesundheit ist in hohem Maße von diesen inneren Dispositionen abhängig. Zum Leben gehört nämlich Stimulation. Jeder  Organismus braucht Stimulation, um überhaupt am Leben bleiben zu können und sich lebendig zu fühlen. Stimulation ist Anfang und Entwicklung des Lebens selbst. Sie führt zur Organisation der Organe und ihrer Funktionen. Nun wird der Mensch aber weitgehend von der Qualität der auf ihn einströmenden Stimulus-Intensitäten geprägt. Nicht alle Stimuli erweisen sich in gleicher Weise als förderlich und belebend.  Man kann ganz generell sagen, dass ein Leben ohne Stimulation schlichtweg erlischt, wie ein Kerzenlicht, das keinen Sauerstoff mehr hat, und ein Leben mit unzureichender Stimulation erlischt früher als eins mit qualitativer. Die Stimulus- Bedingungen, denen wir in einer überbordenden medialen Welt ausgesetzt sind, sind mit Unterhaltungen, Kulturprogrammen und Infotainment mit Stimulusarten besetzt, die unser Inneres nicht anrühren und uns infolgedessen immer mehr vom Außen abhängig machen. Diese Art von Stimuli bewirken ein gewisses Maß an Befriedigung, das allerdings sofort danach durch neue und andere Stimuli weiter aufgefüllt werden muss. Sie bleiben an der Oberfläche und gehen nicht in die Tiefe. Sie berühren nicht unser Inneres und was unser Inneres nicht berührt, hat letztlich keinen bleibenden Wert.

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf Manfred Lütz zu sprechen kommen. Das, was er in  der ZEIT als „Gesundheitskult“ beschrieben hatte, hat er ausführlich in einem Buch dargestellt. Und dieses Buch hat einen sehr programmatischen Titel. Es heißt nämlich „Lebenslust“. Lebenslust sieht er  überhaupt nicht in all den trostlosen Versuchen, die Gesundheit mit Religion verwechseln. Vielmehr sieht er Lebenslust ganz gut aufgehoben in den klassischen Ausprägungen des Christentums. Das wird viele Leser verwundern, die Christentum nur in den säuerlich-verklemmten Formen des neunzehnten Jahrhunderts kennen gelernt haben. Dem stellt Lütz eine nostalgische Sehnsucht nach dem prall gefüllten Leben barocker christlicher Lebensfreude  entgegen.  Auf Thomas von Aquin geht der Gedanke zurück: Warum hat der liebe Gott die leibliche Lust denn geschaffen, wenn sie nicht auch gut sein soll? Daher hatte die Religion des Fleisch gewordenen Gottes in früheren Jahrhunderten auch keine Berührungsängste mit der Erotik. Und: Lust lebt nun einmal von Spannungen. In der Beziehung können wir von den Lateinamerikanern einiges lernen, so empfiehlt uns Lütz.  Ihre Vitalität speist sich vom Kontrast zwischen dem orgiastischen Karneval in Rio und der glutvollen Frömmigkeit am Heiligtum der Madonna von Guadalupe.

 

Literatur 

  • Tobias Brocher, Stufen des Lebens, Stuttgart 1978
  • Arno Gruen, Der Verrat am Selbst, München 1986
  • Reiner Keupp, Wege aus der erschöpften Gesellschaft, epd-Dokumentation 41/2008
  • Traugott Koch, Mit Gott leben, Tübingen 1989
  • Manfred Lütz, Erhebet die Herzen, beuget die Knie, DIE ZEIT, 17.04.2008, Nr. 17
  • Gerhard Schaefer, Balanceakt Gesundheit, Darmstadt 1998
  • Heinrich Schipperges, Gesundheit – Krankheit – Heilung, in: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, Bd. 10, Freiburg 1981