Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Wann endet das Leben? Zur Problematik der Sterbehilfe

Okke Breckling-Jensen, Pastor in Altenholz

1. Einführung und geschichtlicher Überblick
Sterbehilfe erscheint uns als neues Thema, etwas, was die Menschheit erst seit dem Aufkommen der modernen Techniken in der Medizin bewegt und der damit verbundenen gefühlten Hilflosigkeit.
Dem ist nicht so:
Bereits Hippokrates sagte in seinem Eid, etwa 400 Jahre vor Christi Geburt:

Ich werde keinem Menschen Gift geben, auch nicht auf seinen Wunsch hin.

Das bedeutet, dass es bereits in der Antike solche Anfragen an Ärzte gab und denen anscheinend auch teilweise entsprochen wurde. In der Antike gingen die Meinungen weit auseinander, so sprach Plato z.B. sich gegen eine Lebensverlängerung um jeden Preis aus. Die Diskussion um Sterbehilfe zieht sich durch die Geschichte der Menschheit.

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit war jede Art der Tötung eines Schwerkranken ausdrücklich tabu.
Thomas Moore hat in seiner „Utopia“ von einem „Gnadentod“ für Schwerkranke gesprochen, ihn aber wohl nicht befürwortet. Francis Bacon, mit dem die Philosophie der Neuzeit begann, empfahl die Gabe von schmerzstillenden oder betäubenden Mitteln an Sterbende, also ein Vorläufer der Palliativmedizin. Der Schriftsteller Chesterton schrieb vor ca. 100 Jahren im Rahmen der Diskussion des Sozialdarwinismus:

„Zurzeit geht es nur darum, diejenigen zu töten, die sich selbst zur Last fallen. Mit der Zeit wird es aber darum gehen, die zu töten, die anderen zur Last fallen.“

Dass diese Ahnung nicht weit her geholt war, zeigte sich etwas später bei den Nationalsozialisten, die im Rahmen ihres Euthanasieprogramms T4 circa 70.000 Menschen töteten und in deren NS Psychiatrien weitere 90.000 Menschen ermordet wurden.
Damit kommen wir zum Begriff der Euthanasie, der bei uns Deutschen seit der NS Zeit zum Unwort geworden ist.
Historisch gesehen bedeutet Euthanasie der gute Tod bzw. das gute Sterben. Dieser Begriff wird seit der Antike verwendet und wird auch heute im nichtdeutschsprachigen Raum, genauer gesagt, außerhalb Deutschlands, mehr oder weniger unbefangen auch und gerade in der Sterbehilfedebatte, benutzt.

2. Definition
In den letzten Wochen während meiner Vorbereitung auf diesen Gesprächsabend ist mir aufgefallen, wie unterschiedlich im Alltag Sterbehilfe definiert wird. Es ist unumgänglich, hier eine Klarheit zu schaffen, bevor man die verschiedenen Aspekte rechtlich und dann auch ethisch bewertet.
Sterbehilfe meint eine wie auch immer geartete Beschleunigung des Sterbeprozesses oder die Herbeiführung des Todes bei unheilbar Kranken oder Sterbenden. Dabei wird zwischen aktiver, indirekter und passiver Sterbehilfe sowie assistiertem Suizid – der Beihilfe zum Selbstmord unterschieden.

Aktive Sterbehilfe ist die direkte, aktive Tötung eines Menschen.
Der assistierte Suizid – die Beihilfe zum Selbstmord – liegt vor, wenn der Betroffene selbst letztverantwortlich entscheidet und handelt.
Indirekte Sterbehilfe ist die bewusste Inkaufnahme einer Lebensverkürzung durch eine notwendige, zum Beispiel schmerzlindernde Behandlung.
Passive Sterbehilfe: Einseitiger Behandlungsabbruch durch das Unterlassen lebensverlängernder Maßnahmen – Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen.

Schwierigkeit der Definition:
Dazu ein Artikel aus der Zeitschrift Psychologie & Gesellschaftskritik 2/3 2008 mit der Überschrift

Ärzte und Vormundschaftsrichter können aktive und passive Sterbehilfe nicht unterscheiden.

Darin heißt es u. a.:

42 Prozent der Mediziner und 36 Prozent der Vormundschaftsrichter wissen nicht, dass der Abbruch von künstlicher Beatmung eine Form der passiven Sterbehilfe ist, die in Patientenverfügungen verlangt werden kann.
Sie halten den Abbruch fälschlicherweise für illegale aktive Sterbehilfe.
Das bedeutet, dass Behandlungsbegrenzungen, die rechtlich erlaubt sind, in der Praxis mitunter nicht durchgeführt werden, weil die verantwortlichen Ärzte und Richter die Rechtslage nicht kennen.
Dieses Ergebnis einer in „Psychologie & Gesellschaftskritik 2/3 2008“ veröffentlichten Untersuchung unterstreicht die Dringlichkeit eines Patientenverfügungsgesetzes, das noch einmal in aller Deutlichkeit festschreibt, was erlaubt und was verboten ist. Für die Studie waren 727 Ärzte und Vormundschaftsrichter befragt worden.

Das Klinikum Nürnberg schreibt in einer Notiz aus dem Jahre 2007 an seine Mitarbeiter:

Die aktive Sterbehilfe ist die Unterlassung oder der Abbruch von lebenserhaltenden Maßnahmen mit dem Ziel, den Tod des Patienten herbeizuführen. Sie ist in Deutschland unter Strafe verboten und erfüllt die Tatbestände des Totschlags, ggf. der Tötung auf Verlangen oder des Mordes.
(http://www.klinikum-nuernberg.de/klinikum/kliniken/kliniken/innere/medizin4/leistungen/ethik_med4dok/
Vortrag/Artikel_Oswald_Patientenverfuegung_2007.pdf)

Dies widerspricht in Gänze der gängigen Rechtsauffassung von Sterbehilfe. (s.u.)

Der dänische Arzt Ole Hartling, langjähriger Vorsitzender des dänischen Ethikrats, schlägt vor, nicht den Ausdruck Sterbehilfe zu verwenden sondern stattdessen von Töten bzw. Totschlag zu sprechen. Seiner Meinung nach ist das ehrlicher.

3. Rechtliche Implikationen 
angelehnt an: Dr. Kleine, Verwaltungsrechtler

Fremdtötungsverbot
Das deutsche Strafrecht wird von dem prinzipiellen Verbot der Tötung fremden Lebens bestimmt (§ 216 StGB). Nach dieser Bestimmung wird auch derjenige mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft, der durch das ausdrückliche und ernsthafte Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden ist.

Aktive Sterbehilfe
Wer also allein aus Mitleid einen anderen Menschen tötet, wird selbst dann bestraft, wenn die Tötung von dem Getöteten ausdrücklich gewünscht wird. Wegen der besonderen psychischen Ausnahmesituation ist jedoch der Strafrahmen bei der Tötung auf Verlangen gegenüber den sonstigen Fremdtötungsdelikten deutlich reduziert.

Selbsttötung, Tötung auf Verlangen und Teilnahme am Suizid
Diesem Prinzip steht im deutschen Strafrecht die Straffreiheit der Selbsttötung gegenüber. Da der Suizid straflos ist, ist auch die Anstiftung oder Beihilfe zur Selbsttötung nicht strafbar. Wer also einem Schwerstkranken auf dessen Wunsch eine Spritze mit todbringendem Inhalt bereitlegt, die der Schwerstkranke sich anschließend freiwillig und selbstbestimmt selbst setzt, macht sich nicht strafbar.
Wer hingegen die todbringende Spritze auf Wunsch des Sterbenskranken verabreicht, weil dieser hierzu nicht mehr selbst in der Lage ist, macht sich wegen Tötung auf Verlangen strafbar.
Maßgeblich für die Unterscheidung zwischen Tötung auf Verlangen und bloßer Teilnahme am Suizid ist, ob die letzte Entscheidung über die Herbeiführung des Todes bei dem Betroffenen selbst verbleibt oder ob die Entscheidung über den Todeseintritt bei einem Dritten liegt.

Behandlungsabbruch
Andererseits kann jeder Patient aufgrund des ihm zustehenden Selbstbestimmungsrechts die Fortführung einer medizinischen Behandlung ablehnen und beispielsweise auch durch Nichtanwendung von aus medizinischer Sicht gebotenen lebensverlängernden Maßnahmen den Sterbeprozess beeinflussen.
Soweit der Idealfall des entscheidungsfähigen Patienten.

Entscheidungsunfähiger Patient
Umstritten ist, ob bei Fällen, in denen der Patient völlig entscheidungsunfähig oder zumindest nicht mehr ansprechbar ist, das Absetzen von Therapien und das Unterlassen lebensverlängernder Maßnahmen zulässig ist.
Dies sind die Fälle der so genannten passiven Sterbehilfe.

Frage:
Muss der Arzt einen Patienten, der nach einem schweren Verkehrsunfall in ein nach medizinischer Erkenntnis dauerhaftes Koma verfallen ist, bis zum Eintritt des Hirntodes mit allen technisch einsetzbaren Apparaten am Leben erhalten?
Die überwiegende Auffassung der Juristen geht dahin, dass die Lebenserhaltungspflicht dann enden darf, wenn einem Patienten unwiederbringlich jegliche Selbstwahrnehmung und Selbstverwirklichung genommen ist.
Bei nachweislich unumkehrbarem Bewusstseinsverlust stellt demnach ein einseitiger Behandlungsabbruch keinen Verstoß gegen das Fremdtötungsverbot dar.
Auch wenn ein Arzt ansonsten durch die Übernahme der ärztlichen Behandlung grundsätzlich wegen Tötung durch Unterlassen belangt werden kann, wenn er nicht alle medizinisch gebotenen Möglichkeiten zur Vermeidung des Todeseintritts ausschöpft.
Ein wichtiger Punkt ist hier die Patientenverfügung, in der der Mensch detailliert darlegen kann, welche Art der Behandlung bzw. der Nicht Behandlung er sich in der entsprechenden Situation wünscht.

Grenzen der Pflicht zur Erhaltung des Lebens
Begründet wird die Rechtfertigung des einseitigen Behandlungsabbruchs mit der Zielsetzung des ärztlichen Auftrages.
In der Lebensverlängerung als solcher sei kein ausschließliches Ziel der medizinischen Praxis mehr zu erblicken.
Nicht die quantitative Verlängerung des Lebens um ihrer selbst willen, sondern im Zusammenhang damit auch die Ermöglichung eines Minimums an personaler Selbstverwirklichung sei Inhalt des ärztlichen Auftrags.
Erweist sich dieses Ziel als nicht mehr erreichbar, so ist weiteres medizinisches Bemühen schon nicht mehr Dienst am Menschen und damit auch rechtlich nicht mehr geboten.
Schwierigkeiten bestehen, verbindliche Leitlinien für die Grenzen der Lebenserhaltungspflicht aufzuzeigen.
Hier besteht derzeit m. W. noch kein Konsens.

Passive Sterbehilfe
Wenn die Kriterien erfüllt sind, die einen einseitigen Behandlungsabbruch durch das Unterlassen lebensverlängernder Maßnahmen (passive Sterbehilfe) rechtfertigen, ist auch ein technischer Behandlungsabbruch erlaubt.
Darunter wird beispielsweise das Abschalten eines Beatmungsgerätes durch den dafür zuständigen Arzt verstanden.
Obwohl dieses Abschalten ein aktives Tun darstellt und damit dem Fremdtötungsverbot zuwiderläuft, entspricht dieses Handeln seinem sozialen Sinn nach der Einstellung einer medizinisch sinnlos gewordenen und der Menschenwürde widersprechenden Weiterbehandlung unmittelbar in der Phase des Sterbens befindlicher Patienten.

Indirekte Sterbehilfe
Eine weitere Fallgruppe umfasst die so genannte indirekte Sterbehilfe. Denkbar sind Fälle, in denen ein Arzt zur Schmerzlinderung ein Medikament verabreicht und hierbei ein eventuell bestehendes lebensverkürzendes Risiko dieses Medikaments bewusst in Kauf nimmt.
Rechtlicher problematisch deswegen, weil der Arzt hier bedingt vorsätzlich handelt. Nach heute vorherrschender Auffassung ist die Inkaufnahme des tödlichen Risikos bei der Vergabe von schmerzlindernden Mitteln nicht strafbar, da der Arzt in erster Linie eine Schmerzlinderung herbeiführen will und ein tödliches Risiko nicht beabsichtigt. Wenn sein Handeln in tatsächlichem oder mutmaßlichem Einvernehmen mit dem Patienten steht, liegt ein die Bestrafung ausschließender Rechtfertigungsgrund vor.

Zusammenfassung
Da das Recht zur Selbstbestimmung über den eigenen Körper in den Kernbereich der durch Art. 1 und 2 GG insgesamt geschützten menschlichen Würde und Freiheit gehört, ist bei der passiven und indirekten Sterbehilfe der Vorrang des erklärten Patientenwillens auch verfassungsrechtlich verbürgt Der tatsächlich geäußerte oder zu einem früheren Zeitpunkt dokumentierte Wille – als der Patient zu selbstverantwortlichem Handeln noch in der Lage war – ist verbindlich und darf nicht übergangen werden.
Hilfreich ist hier sicher eine Bevollmächtigung eines Anwalts z.B, oder eine Patientenvollmacht.
Aktive Sterbehilfe hingegen stellt einen Eingriff in das Grundrecht auf Leben dar, der nach geltendem Recht durch die Einwilligung des Patienten nicht gerechtfertigt werden kann.

Fehlt: Vormundschaft

4. Auswirkungen auf das Arzt-Patientenverhältnis
Der holländische Arzt Richard Fenigsen meint, dass durch das niederländische Gesetz, dass aktive Sterbehilfe zulässt, die Arbeit der Ärzte radikal ändert. Jetzt lernen holländische Ärzte, dass sie Patienten behandeln sollen, oder sie manchmal töten sollen (Zitiert nach: Ole Hartling, Liv eller död).
Dies unterminiert das Verhältnis des Patienten zu seinem Arzt, da er nun nicht mehr mit Sicherheit davon ausgehen kann, dass der Arzt alles in seiner Macht stehende tun wird, um dem Patienten zu helfen.
Und alles unterlassen wird, was dem Patienten Schaden zufügen wird.
Ob es überhaupt eine „Pflicht“ zur Sterbehilfe gibt, ist auch für Medizinethiker schwer zu beantworten. Notwendig ist jedoch eine ständige Überprüfung von Behandlungszielen, Gespräche mit Patienten, Kollegen und die Einschätzung eigener Ressourcen. Vor allem müsse die Gesellschaft darüber nachdenken, warum so viele Menschen aktive Sterbehilfe befürworteten. Eine mögliche Antwort lautet:
Eine Kultur des Sterbens werde in der westlichen Welt nicht gepflegt, auch wenn das Sterben zum Leben mit dazu gehöre.
Immer wieder wird versucht, die Frage nach dem Sinn des Leidens durch die Forderung nach aktiver Sterbehilfe zu beantworten.
Der Ruf nach dem erlösenden Tod ist jedoch nicht selten ein Schrei nach Nähe und Begleitung sowie die Bitte, nicht allein gelassen zu werden.
Gerade das Verhältnis zwischen Arzt bzw. Ärztin und Kranken ist von dem Vertrauen getragen, dass der ärztliche Auftrag unbedingt gilt:
Menschlichem Leben nicht zu schaden, sondern es zu erhalten und zu fördern. Dieses Vertrauen würde erheblich gefährdet, wenn dieser Auftrag infrage gestellt wird.

5. Argument für aktive Sterbehilfe
Aktive und passive Sterbehilfe führen beide zum Tod
Mit welchen Argumenten gearbeitet wird, zeigt das Beispiel von James Rachels, einem amerikanischem Philosophen, das in der Diskussion um Sterbehilfe als das „Badewannenbeispiel“ eingegangen ist und von Anhängern in der Diskussion oft verwendet wird, deswegen will ich es kurz erwähnen:
Ein Mann möchte seine Frau loswerden und beschließt: Wenn sie in der Wanne ist, ertränke ich sie. Mit diesem Vorsatz geht er ins Badezimmer. Erstaunt und froh sieht er, dass seine Frau einen Anfall bekommen hat und unter die Wasseroberfläche geglitten ist. Luftblasen steigen aus ihrem Mund auf. Er setzt sich und wartet, bis er sicher sein kann, dass sie ertrinkt. Sollte sie zu Bewusstsein kommen und versuchen sollen, wieder an die Wasseroberfläche zu kommen, so ist er bereit, sie unten zu halten. Aber das ist nicht notwendig: Sie stirbt.
Rachels, ein starker Fürsprecher aktiver Sterbehilfe, schließt daraus:
Die Passivität des Ehemannes ist nicht weniger verwerflich, als wenn er seine Frau mit Gewalt unter Wasser gehalten hätte.
Also:
Auf Sterbehilfe bezogen hieße das: Die Behandlung eines Sterbenden abzubrechen ist ethisch betrachtet nicht besser, als den Patienten zu töten, da die Absicht, dass der Patient sterben soll, die gleiche ist.

Klingt bestechend logisch!
Aber in dieser Diskussion geht es nicht, auch wenn das naiv klingt, nicht um Logik, sondern Einstellung und um Beziehung:
Das Badewannenbeispiel schildert nämlich einen Fall von Niedertracht, von Heimtücke und ist deswegen kaum geeignet für andere, nicht niederträchtige Beziehungen.
Wie insbesondere das Arzt-Patienten Verhältnis:
Diese Beziehung ist geprägt durch das Vertrauen können, dass der Arzt beim Patienten bleibt, mit Unterstützung, Hilfe, Linderung.

6. Diskussionspunkte:

a) Autonomie (Selbstbestimmungsrecht des Menschen)
Hans Küng und Walter Jens sind beide Befürworter aktiver Sterbehilfe. Gemeinsam haben sie das Buch „Menschenwürdig sterben. Ein Plädoyer für Selbstverantwortung“ verfasst.
Küng sagt in einem Interview in der FR:

„Nach christlicher Auffassung ist das Leben des Menschen eine Gabe Gottes, zugleich aber auch des Menschen Aufgabe.
Die Selbstverantwortung des Menschen erstreckt sich vom Anfang bis zum Ende seines Lebens …
Warum sollte diese Verantwortung vor dem Sterben, dieser zumeist schwierigsten Phase im Leben eines Menschen, Halt machen, wo es ja buchstäblich um alles geht?“

Dagegen kann und m. E. muss eingewendet werden, dass das Leben gottgegeben ist und daher allein Gott die „Herrschaft über Leben und Tod“ zukommt.
Deshalb muss das Leben, wenn es ohnehin bereits erlischt, zwar nicht „um jeden Preis“ verlängert werden, seine aktive Verkürzung jedoch ist als Verstoß gegen die göttliche Souveränität nicht erlaubt.
Auf der Basis dieses Ansatzes können zwar u. U. die passive wie auch die indirekte Sterbehilfe im Falle eines Menschen, bei dem der Sterbeprozess schon eingesetzt hat, zulässig sein, keinesfalls aber die Beihilfe zur Selbsttötung oder die aktive Sterbehilfe.
Problematisch auch die Frage nach Autonomie in einer solch außerordentlichen Lebenssituation:

Ist ein Mensch wirklich autonom in einer psychischen Ausnahmesituation?

Es gibt auch Fälle von Menschen, die an einem Tag um eine todbringende Spritze bitte, am nächsten Tag sich wieder am Leben freuen.

b) Würdiger Tod (Unerträgliches Leiden)
Von der Würde des Sterbenden
Wir haben beim Vortrag vor 2 Wochen hier in Altenholz bereits kurz das Schicksal des dementen Walter Jens (85) thematisiert.
Hier plädiert der katholische Theologe Hans Küng (80), ein enger langjähriger Freund von Jens, für eine liberalere Gesetzgebung zur Sterbehilfe. In einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ erinnerte Küng daran, dass er und Jens in ihrem gemeinsamen Buch sogar für die aktive Sterbehilfe etwa durch eine tödliche Morphium-Dosis Partei ergriffen haben.
Walter Jens, der durch seine Demenz inzwischen kaum noch mit anderen Menschen kommunizieren kann, hat zu Beginn der Krankheit mehrmals den Wunsch geäußert: „Es ist schrecklich. Ich möchte sterben“, berichtete Küng.
In dem gemeinsamen Buch hatte Walter Jens geschrieben:

„Millionen von Menschen könnten, wie Hans Küng und ich, gelassener ihrer Arbeit nachgehen, wenn sie wüssten, dass ihnen eines Tages ein Arzt zur Seite stünde:
Kein Spezialist, sondern ein Hausarzt wie Dr. Max Schur es war, einer der bewundernswertesten Männer dieses Jahrhunderts, der nicht zögerte, seinem Patienten Sigmund Freud die tödliche Morphium-Dosis zu geben.“

Küng ergänzt:
Da das Sterben zum Leben dazugehört, soll auch das Sterben menschenwürdig sein.
Und so verstößt die Sterbehilfe nicht gegen Selbstverständlichkeiten des christlichen Glaubens.
An die Kirchen appellierte Küng, nicht in Schwarzweißmalerei ein angeblich christliches Menschenbild gegen ein weltanschaulich-humanistisches auszuspielen und „theologische Pseudoargumente gegen die Selbstverantwortung des Menschen in seiner letzten Lebensphase“ weiter zu tragen.

Zwei Beispiele, die zeigen sollen, dass der Begriff der Würde beim Sterben bzw. beim Sterbenden nicht den Anhängern der aktiven Sterbehilfe allein gehört:
Die Beispiele haben Mitarbeiterinnen des Kieler Hospizes bei einem gemeinsamen Gottesdienst zum Ewigkeitssonntag hier in Altenholz genannt: Sie sagten:

Wir denken an die ältere Dame, die ein halbes Jahr mit uns lebte und damit nach Worten der Angehörigen das Glück hatte, vielen Engeln zu begegnen und die an ihrem Geburtstag nach unserem „Ständchen“ behauptete, dass sei ihr schönster Geburtstag gewesen. Sie hat danach – übrigens eine erstaunliche – Verbesserung ihres gesundheitlichen Zustandes für eine gewisse Zeit erreicht.
Wir denken an die Zusammenführung von Vater und Sohn. Der Sohn kannte seinen Vater nur aus der Erinnerung eines  5-jährigen. Mit 25 traf er ihn erstmals im Hospiz wieder, inzwischen selbst Vater.
So lernten sich die beiden nicht nur nach 20 Jahren neu kennen,  sondern unser Gast gleich dazu noch sein Enkelkind und seine Schwiegertochter. Und er wartete auch noch die Geburt seines zweiten Enkelkindes ab.

Die Lebens“geister“ waren durch die Familienzusammenführung „geweckt“. Der Eintrag  der Familie des Sohnes im Gedenkbuch lautete:

„Ohne euch wäre es uns nie ermöglicht worden, einen so lieben Menschen kennen zu lernen. Er wird immer einen festen Platz in unserem Herzen haben.“

7. Sterbebegleitung und Hospiz
Damit komme ich zu einem wichtigen Punkt in der Sterbehilfedebatte, der Sterbebegleitung und den Hospizen.
Hinter der Forderung nach Zulassung der aktiven Sterbehilfe steht wohl zumeist die Angst vor einem schweren und möglicherweise auch einsamen Sterben.
Diese Angst muss dahingehend ernst genommen werden, dass die Anstrengungen im Bereich der Palliativmedizin verstärkt werden.
Dies gehört auch zu den wichtigsten Forderungen, die gegenwärtig im Hinblick auf eine Neuorientierung der Medizin erhoben werden.
Außerdem möchte ich auf die große und wachsende Bedeutung der Hospizbewegung verweisen, die- neben und zusammen mit der Palliativmedizin- eine dem christlichen Glauben und seinem vom Geist der Liebe bestimmten Menschenbild angemessene Antwort auf die Angst vor dem schweren, einsamen Sterben darstellt.
Kritisch anzumerken ist, dass es in Deutschland eindeutig zu wenig Hospize gibt.
Dies ist z.B. in den Niederlanden anders: Dort gibt es dem ermittelten Bedarf entsprechend diese Einrichtungen.

8. Christliche Einschätzung
Aus christlicher Sicht ist der Tod eines Menschen etwas, das abgewartet werden muss und nicht herbeigeführt werden darf. Diese Sicht hat die Einstellung unserer Kultur zu Sterben und Tod wesentlich geprägt. Sie schlägt sich nieder in der Unterscheidung zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe.
Passive Sterbehilfe ist dadurch charakterisiert, dass bei ihr in allem, was einerseits an medizinischen Maßnahmen zur Lebensverlängerung unterlassen oder abgebrochen und andererseits an Maßnahmen zur Begleitung und Erleichterung des Sterbens unternommen wird, die Situation des Wartens auf den Tod gewahrt wird.
Aktive Sterbehilfe ist demgegenüber dadurch charakterisiert, dass sie diese Situation beendet oder ihr sogar in einer Phase zuvorkommt, in der der Sterbeprozess nicht begonnen hat.
Die Konkretisierung dieser Unterscheidung ist von Fall zu Fall zu vollziehen. Entscheidend ist jedoch, dass an ihr festgehalten wird.

Ein Punkt, der in der Diskussion kaum beachtet wird, ist die Situation der Angehörigen.
Abgesehen davon, dass in den NL ca. 80% der Anfragen bzw. Wünsche zur Sterbehilfe nicht von den Betroffenen gestellt werden, sondern von deren Angehörigen, frage ich mich doch nach der psychischen Belastung, sollten die Angehörigen für aktive Sterbehilfe plädieren im Fall eines entscheidungsunfähigen Patienten.
Wer fängt diese Menschen auf?

Schließlich:
Die Ausgrenzung des Todes aus unserem Blickfeld ist ein Phänomen besonders unserer Zeit.
Die Aufgabe der Kirchen und der einzelnen Christen ist es, diese Tabuisierung zu beenden.
Ein weiteres Problem ist die demografische Entwicklung:
Unsere Gesellschaft wird immer älter, die Gefahr, dass sich ältere, pflegebedürftige Menschen unter Druck sehen, ihren Angehörigen oder der Gesellschaft nicht mehr zur Last zu fallen, kann nicht ausgeschlossen werden.
Aufgabe der Kirchen muss sein, einer eventuellen schleichenden Entsolidarisierung der Gesellschaft Einhalt zu gebieten.

Gedanken zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist bekannt: Ein Kaufmann geriet unter Räuber, die beraubten ihn, schlugen ihn halbtot und ließen ihn so liegen. Vorbei kamen ein Priester und ein Levit, die aber schnell weiter gingen. Erst der Samariter erbarmte sich. Das Gleichnis erzählt nichts über das, was der Überfallene zum Samariter sagte: Wohl in etwa: Danke für deine Hilfe. Ohne dich …
Und zu sich selber in etwa:
Danke, Gott, dass du den Samariter vorbei kommen ließt. Dass er mich sah. Danke, dass es Samariter gibt …

Aber wenn nun der verletze Mann sagen würde:
Mir geht’s wirklich hundsmiserabel, mach meinem Elend ein Ende. Ich habe ein Recht auf ein selbstbestimmtes Ende meines Lebens, das Beste, was du für mich tun kannst, ist eine Spritze.
Ich weiß, dass du mir aktive Sterbehilfe leisten kannst, bitte tu es.
Und da der Samariter Umfragen dazu kennt, die Diskussion um Sterbehilfe verfolgt hat, könnte vielleicht antworten:
Ja, es sieht wirklich aussichtslos aus, und wenn es dein ausdrücklicher Wunsch ist, dann werde ich dir helfen: Aber dann auch sanft und menschlich, ich werde dir eine Spritze geben. Ich werde dich nicht totschlagen, sondern dir helfen, friedlich hinüber zu gleiten in deinen letzten Schlaf.

So geschieht es, der Samariter zieht weiter, bei der nächsten Herberge sagt er Bescheid, hinterlässt Geld für die Beerdigung und zieht seines Weges.

Wenn man nun fragt, wie Jesus es am Ende seines Gleichnisses tut:
Wer von diesen dreien ist dem Mann zum Nächsten geworden?
Wie würde man dann antworten:
Der, der ihm Barmherzigkeit zeigte, oder: Der, der ihn tötete?
Das Motiv: Immer noch Barmherzigkeit, aber die Unterschiede sind deutlich.

Noch einmal das Gleichnis:
Und wieder bittet der Verletzte:
Mach ein Ende mit mir, das ist mein gutes Recht, es hat keinen Sinn mehr, ich muss ohnehin bald sterben.
Aber dieses Mal protestiert der Samariter: Wir Ärzte und Samariter, wir töten nicht! Das haben wir nie gelernt, und wir dürfen es nicht, wegen des Gesetzes. Und wegen der Propheten auch nicht.
Aber: Ich will alles tun, um dir zu helfen und dein Leiden zu lindern.
Ich werde deine Wunden versorgen und dich dann in eine Herberge, ein Hospiz oder ein Hospital bringen. Dort kann ich für deinen Aufenthalt und deine Pflege sorgen.
Dir kann ich helfen. Aber nicht mit dem Tod.

Und der Samariter fährt fort:
Aber wenn du deinen eigenen Tod wünschst, dann muss es dir ganz fürchterlich gehen. Das sehe ich ein.
Diesen Wunsch kann man nur haben, wenn man verzweifelt ist und in großer Angst ist. Ich wünschte, ich wüsste, ob du nicht vielleicht in einer Situation bist, wo du nicht eine solch weit reichende Entscheidung treffen solltest.
Zum Beispiel, dass ich dich töten soll.

Und noch eins:
Was meinst du, wie es wohl aussehen würde zwischen uns Samaritern, den Ärzten und unseren Patienten, wenn wir ab und zu jemanden töten sollten?
Was meinst du, wie das Gespräch zwischen Arzt und Patienten sein wird, wenn beide diese Möglichkeit im Hinterkopf haben?
Es ist gut, dass zumindest einer von beiden diese Möglichkeit von vornherein ausgeschlossen hat!

Lass mich dir noch etwas sagen:
Du solltest wissen, dass ich in die Geschichte eingehen werde als der barmherzige Samariter. Als derjenige, der eigentlich gar nicht verpflichtet war zu helfen. Auf mich wird die Kultur und das Gesundheitswesen aufbauen. Das, was man dann die Aufgabe eines Samariters nennt, bedeutet, dass ich dir, so gut es geht, helfe. Und das beinhaltet eben nicht, dass ich den töte, dem ich helfe.

Wie würde die Geschichte wirken, wenn ich nur das Werk, was deine Räuber begonnen hätten, vollendet hätte und dich getötet hätte? Ich könnte noch so viel hinweisen auf gute Argumente über Aussichtslosigkeit, dein Recht auf Selbstbestimmung, deine Würde usw.
Nein nein, lass mich weiter der barmherzige Samariter sein in der Bedeutung des Wortes, die es immer gehabt hat.
Und das heißt eben, das Leid zu lindern bei dem, der leidet. Und nicht den entfernen, der leidet.

Schlussbemerkung:
Es bleibt natürlich eine ganze Menge an offenen Fragen:
Unumstritten sollte die menschliche Würde als Kriterium gelten, aber wie wird sie definiert:
Ob in der Ebenbildlichkeit des Menschen zu Gott, oder aber in seiner Selbstbestimmung und Selbstverantwortung?
Das ist ebenso ungeklärt, wohl auch ebenso wenig zu klären wie die Frage, wie die Würde des Menschen an seinem Ende gewahrt werden kann.

Weitere Fragen sind:
Wie gehen wir mit Menschen um, die meinen, sie fallen den Angehörigen oder der Gesellschaft zur Last und wünschen aus solchen Gründen aktive Sterbehilfe?
Wie ist es mit Menschen, die in einer Patientenverfügung festlegen, im Falle von Demenz (also ohne Schmerzen, ohne an Geräte angeschlossen zu sein) aktive Sterbehilfe zu bekommen?

Ein persönliches Fazit kann ich für mich ziehen:
Meine grundlegende Einstellung zum Thema hat sich ein wenig verändert in den letzten Wochen der Beschäftigung mit diesem Thema:
Nach wie vor würde ich passive Sterbehilfe in Form von Abschalten lebensverlängernder Maßnahmen in bestimmten Fällen befürworten, die aktive Sterbehilfe aber ablehnen.
Aber: Ob ich dies im Einzelfall so gesetzlich durchhalten würde, erscheint mir zunehmend als ungewiss, dazu ist das Leben einfach zu vielfältig und facettenreich.