Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

„Was geschieht danach-Chancen und Aufbrüche nach existentiellen Krisen“

„Was geschieht danach – Chancen und Aufbrüche nach existentiellen Krisen“

Vortrag am 29. Januar 2018 im Rahmen der Ringvorlesung der CAU „Alter, Gesundheit und aktiver Lebensstil“

Manuela und Peter heiraten im Oktober 1987. Nach einige schmerzhaften Vorerfahrungen sind sie glücklich und erfüllt über ihre Liebe zueinander. Sie sind keine Träumer mehr, sondern Menschen mit Bodenhaftung und Realitätssinn. Sie gestalten ihr Leben. Sie Erzieherin, er Ingenieur. Sie staunen, wie wunderbar es das Leben mit ihnen meint. Zwei Jahre nach der standesamtlichen Hochzeit wird ihre Tochter Ella geboren. „Durch aktive Freizeitgestaltung“ erzählen sie mir mit einem Grinsen. Nun hat ihr Glück himmlische Sphären erreicht. Ella ist ein lebendiges, lebensfrohes Bullerbü-Mädchen. Kurz vor ihrem 5. Geburtstag wird Ella jedoch von einem Auto erfasst, dessen Fahrer im alkoholisierten Zustand und überhöhter Geschwindigkeit durch die Wohnstraße fährt. Ella kommt auf die Intensivstation. Die Ärzte kämpfen um ihr Leben. Zwei Wochen, drei Wochen. Eine enorme Belastung für Manuela und Peter. Manuela ist fest überzeugt, dass Ella es schaffen wird. Sie meint es zu spüren. Peter ist rationaler. Er sieht die ernsten Gesichter der Mediziner. Er will sich keinen falschen Illusionen hingeben. Die Liebe von beiden wird einer Zerreißprobe ausgesetzt. Ella hat es tatsächlich geschafft. Und dennoch: man musste ihr beide Beine amputieren. Ella wird nie wieder mehr auf Bäume klettern können. Eine wochenlange Reha folgt. Prothesen. Phantomschmerzen. Tränen. Die Nerven liegen blank. Manuela gibt alles. Peter auch, aber anders. Wie wird es weitergehen? Was kommt da auf die beiden zusammen mit Ella zu.

Das Leben von Manuela und Peter ist aus der gewohnten Umlaufbahn geworfen worden. Es muss vollkommen neu justiert werden. Alles ist nach dem Unfall anders. Alles. Sogar die Sexualität der beiden. Eine tiefe Zäsur. Nichts ist wie vorher.

Das Leben kommt anders. Es ist nicht planbar. Es ist nicht organisierbar. Unsere immer wieder neuen Versuche, unsere Lebensgestaltung in den Griff zu bekommen und unserem Leben damit eine deutlich vorhersehbare Richtung zu geben, erweisen sich zu oft als Illusion.

Was kommt danach? Wenn plötzlich unerwartet Dinge geschehen, die unser Leben auf den Kopf stellen und uns über Abgründen existieren lassen?

Darum soll es gehen. In meinem Vortrag. Drei Jahrzehnte Erfahrungen als Seelsorge und als Pastor fließen ein. Ereignisse, die unser Leben ganz neu und unerwartet zeichnen.

Ich will nicht verhehlen, dass Unerwartetes auch äußerst schöne Auswirkungen haben kann. Zum Beispiel diese Begebenheit: Thomas ist Architekt und will seine Verwandten in den USA besuchen. Ein technischer Schaden zwingt sein Flugzeug zur Notlandung im kanadischen Montreal. Immerhin landet seine Maschine sicher. Aber er muss Stunden auf seinen Anschlussflug nach Miami warten. Genervt geht er in ein Flughafenbistro, um einen Imbiss zu kaufen und kommt dabei mit einer kenianischen Frau ins Gespräch. Drei Jahre später traue ich die beiden in Schleswig-Holstein. Manchmal schreibt das Leben auch solche Märchen.

Aber mein Thema lautet: „Was kommt danach – Chancen und Aufbrüche nach existentiellen Krisen“.  Es geht um echte und tiefe Krisen. Um Krisen, die uns in unserer Existenz anfassen, gefährden und mitunter unseren Lebenswillen gefährden.

 

Unser Leben gleicht einem Weg, häufig gerahmt von Grün. Vieles gibt uns Einblick in das unmittelbar vor uns Liegende. Mehr aber auch nicht. Wir gehen diesen Weg immer nur einmal. Denn Leben ist Zeichnen ohne Radiergummi. Unsere gewöhnliche  Erfahrung macht uns glauben, dass ein Weg normaler Weise über das Sichtbare hinaus weitergeht oder in einen anderen Weg einmündet. Häufig werden wir belohnt: mit wunderbaren Ausblicken oder belebenden Begegnungen. Aber können wir uns da wirklich sicher sein? Letztlich haben wir keine Sicherheit, was hinter der nächsten, einsehbaren Biegung liegt.

Wir gehen unseren Lebensweg immer im Vertrauen, dass es weitergeht. Wenn es bergan geht, bleiben wir nicht stehen, sondern wir zeigen mehr Anstrengung und Einsatz, um diese Herausforderung anzunehmen. Wir werden schließlich auf dem Gipfel belohnt werden.
Wenn nach einem Unwetter der Himmel blau wird und die Sonne scheint, verlassen wir unsere Schutzhütte und wandern weiter. Was aber geschieht, wenn der Weg durch ein unerwartet eintretendes Ereignis endet. Dann stehen wir an einem Abgrund und blicken zurück, um festzustellen, dass der vertraute Weg nicht mehr existiert. Er existiert nicht mehr. Weggebrochen!

Das ist eine existentielle Krise. Ein Moment im Leben, in dem alles aus den Fugen gerät, weil nichts mehr ist, wie es eben noch gewesen ist. Der Weg ist abgebrochen. Es gibt kein Zurück mehr. Aber der Weg nach vorn ist nicht sichtbar. Kein fruchtbares Land in Sicht. Nur noch Wüste! Lebloses Etwas. Keine Orientierung weit und breit. Was dann?

Solche Erfahrungen bringen Menschen in existentielle Krisen. Mit dem Einbruch der Krise wird das bisherige Leben auf den Kopf gestellt. Alles verändert sich. Das Leben teilt sich in ein „vorher“ und ein „nachher“. Als Pastor und Seelsorger bin ich unzähligen Menschen begegnet, deren Leben einer solchen Krise ausgesetzt war. Einige will ich exemplarisch benennen, um dann mit Ihnen herauszufinden, was den Betroffenen möglicher Weise geholfen hat, ihre existentielle Krise zu überwinden.

Katrin
Die Arbeit als Abteilungsleiterin erfüllte Katrin.  Der Umsatz der Firma hatte sich in den zurückliegenden 10 Jahren verdoppelt. Ihr Unternehmen expandierte und wuchs in der Belegschaft. Sie bekam eine größere Verantwortung.  Ihr war bewusst, dass sie einen Anteil an dem Erfolg Ihres Unternehmens hatte. Ihr Gehalt war nicht umsonst gewachsen, weil der Chef wusste, was er an Katrin hatte. Dann kam die Bankenkrise. Das Geschäft brach ein. Die Exporte ihrer Produkte purzelten in den Keller. An einem Montag stand ihr Chef in der Tür. „Haben Sie mal einen Moment Zeit?“ Mit großem Bedauern wurde ihr dann mitgeteilt, dass man ihr betriebsbedingt kündigen müsse. Für die erfolgsverwöhnte 44 Jährige ein Tiefschlag. Zuhause wurde ihr jedoch erst das ganze Ausmaß dieser Katastrophe bewusst. Sie hatte sich vor drei Jahren ein feines Appartement gekauft und dafür einen Kredit aufgenommen. Der Abtrag betrug monatlich 1500 Euro. Bei ihrem bisherigen Gehalt war das kein Problem. Aber jetzt? Zu allem Überfluss beendete ihr Freund zwei Monate nach der Kündigung die Beziehung. Katrin war am Ende. Sie stand in einem Scherbenhaufen. Sie verlor in dieser Zeit viele ihrer Freunde und fragte sich im Stillen, ob es wirklich gute Freunde waren. Sie wusste die Antwort. Aber sie hatte ihre Familie. Ihr Vater übernahm in der ersten Zeit die Kreditzahlungen. Ihr Bruder vermittelte ihr in Hamburg einen neuen Job. Seit 2009 singt Katrin in einem Gospelchor.

Axel
Einen Tag vor dem errechneten Entbindungstermin spürte die Frau von Axel keine Kindsbewegungen mehr. Nach eingehenden Untersuchungen stand fest: das Kind ist tot. In der 40. Schwangerschaftswoche. Einfach so. Niemand wusste warum. Ob er bei der Geburt dabei sein wolle, wurde Axel von dem Gynäkologen gefragt. „Selbstverständlich“, sagte er. Er und seine Frau bekamen ein eigenes Zimmer. Ein Stockwerk über der Neugeborenenstation, damit sie die Schreie der anderen Babys nicht hören mussten. Noch nie habe er sich so machtlos gefühlt. Nach etwa 24 Stunden war Julian geboren. Axel hielt ihn im Arm und sagte immer und immer wieder, dass er bitte schreien soll. Gemeinsam mit seiner Frau hat Axel danach Julian angezogen. Die Hebamme sagte unter dem Eindruck beider: „Ihr seid ein starkes Paar. Nicht viele Beziehungen gehen so miteinander um.“ Und dennoch war es eine existentielle Krise. Axel trug auf der Trauerfeier den kleinen Sarg eigenhändig zur Grabstelle. Das hergerichtete Kinderzimmer erinnerte Axel und seine Frau in den darauffolgenden Wochen täglich an den furchtbaren Verlust. Nachbarn fragten im Supermarkt, wie denn die Geburt verlaufen sei. Zwei Wochen danach ging Axel wieder arbeiten. Er wollte, dass der Alltag normal weiterging. Seine Frau jedoch verkroch sich und weinte viel. Immer wieder versuchte sie sich und Axel mit Beteuerungen „Wir schaffen das!“ Mut zu machen. Axel ging arbeiten und seine Frau bleib Monate krankgeschrieben. Beide trauerten. Aber ganz unterschiedlich. Axel flüchtete sich in Arbeit und Sport. Er hatte große Angst, dass sie beide an der Trauer zerbrechen. Einer muss ja die Fahne hochhalten, meinte er. Seine Frau dagegen wollte reden. Über ihren Schmerz. Ihre Gefühle. Ihren Sohn. Beide drifteten immer stärker auseinander. Die Beziehung drohte zu zerreißen. Bis sie schließlich eine Trauergruppe fanden. Axel erlebte, dass es andere Paare mit gleichem Schicksal gab. Hier konnte er seinen Schmerz zulassen und weinen. Er lernte, dass er seiner Frau nicht helfe, wenn er immer „den Starken“ spiele. Nicht von heute auf morgen, aber zunehmend besser gelang es Axel, auch mit Freunden über seinen eigenen Schmerz zu reden. Wenn er gefragt wurde, ob er Kinder habe, sagte er, er habe einen Sohn, der Julian heiße. Der sei vor zwei Jahren gestorben.

Andreas
Nun zu Andreas (Name geändert). Er wirkte seit einiger Zeit fahrig, lustlos, antriebslos, müde, leicht reizbar. Insgesamt erlebte ich Andreas zunehmend zurückgezogen. Wenn ich mit ihm redete, hatte ich den Eindruck, er spräche wie vom „Band“. Was er mir mitteilte, wirkte irgendwie abgespult. Auf meine Frage nach seinem Befinden, kam prompt „Alles gut“ und dabei lächelte er. Aber sein Lächeln wirkte aufgesetzt. „Wirklich: alles gut?“, hakte ich nach. Da sah ich ein kurzes Zucken im Mundwinkel. „Na ja, ist ein bisschen viel momentan“. „Wie meinst du das?“, fragte ich. Aber er war in Eile und entschuldigte sich. Danach bekam ich mit, dass er krankgeschrieben war. Erst zwei Wochen. Veränderung auf vier Wochen. Schließlich drei Monate. Andreas war arbeitsunfähig. Burnout. Nach seiner achtwöchigen Reha kam Andreas vollkommen verändert zurück. Nicht selten sitzt er jetzt im Gottesdienst. Vorher habe ich ihn in unserer Kirche nur zur Konfirmation seiner Tochter entdeckt. Jetzt gibt er vor, dort „Kraft“ zu tanken. Andreas hat seinen Alltag ausgemistet. Aus einer 70 Stunden-Woche hat er 45 Stunden gemacht. „Höchstens 50, alles andere muss warten!“ Ich sehe ihn häufiger joggen und: er hat eine Männergruppe gegründet. Hut ab!
Wußten Sie, dass eine Studie der Harvard Medical School ermittelte, dass 21 -43% der Assistenzärzte (SZ v. 2. Januar 18) depressiv sind? Die Gründe sind: Stress, Belastung, wachsender Erwartungsdruck und große Verantwortung.

Bonke
Was war in Bonke gefahren, dass er im Mai 2016 beim Open Air-Gottesdienst aufkreuzte? Was hat ihn im Gottesdienst berührt? Irgendetwas musste es sein, sonst hätte er mich nicht eines Tages im Oktober danach angerufen. Bonke, der super Handballer, der immer Starke, der Nordfriese. Ein echter Haudegen. Einer, den nichts umwerfen zu können schien. Auch mehrere gescheiterte Beziehungen nicht. Als wir uns trafen, kam er schnell zur Sache: „Ich hab´ Krebs. Seit zwei Jahren. Jetzt wird´s ernst. Bis Weihnachten hab ich noch. Sagt der Arzt.“ So war Bonke. Kurz und knackig. Gleich zur Sache kommend.  Aber nun suchte er das Gespräch mit einem Pastor. Es folgten Wochen mit intensiven Gesprächen. Die privaten Verhältnisse von Bonke waren schwierig. Man kann auch sagen: ein Minenfeld.  Drei Kinder aus zwei Ehen. Zu seinem Sohn in Leipzig hatte er seit 10 Jahren keinen Kontakt mehr. Eine seiner beiden Töchter hatte den Kontakt abgebrochen. Die letzte seiner vielen Beziehungen war ein Jahr zuvor in die Brüche gegangen. Diese Frau vermisste er. Und Bonke wusste: er war für all die Verletzungen maßgeblich verantwortlich. Ab Ende November lag Bonke auf der Palliativstation. Beide Töchter hatten in diesen Tagen Kinder bekommen. Bonke war mit 62 Jahren Großvater geworden und ich konnte spüren, dass er diese in Hamburg und Köln noch gerne sehen wollte, bevor es zu spät war. „Bonke, du hast Zeit, das Verhältnis zu deinen Kindern zu klären. Aber du musst den ersten Schritt gehen!“ Er hat er gemacht. Ute, seine letzte Freundin, machte ihm ein Angebot: „Ich bring dich im VW-Bus nach Köln zu deiner Tochter und deiner Enkelin.“ Mit den Ärzten wurde die Medikation besprochen. In Köln wurde im Krankenhaus ein Bett bereitgestellt. Bonke zeigte mir hinterher ein Foto auf seinem Handy: er mit seinem dreiwöchigen Enkelkind auf dem Arm. Die Hamburger Tochter kam nach Kiel. Mit Kind und Kegel. Mit seinem Sohn in Berlin hat Bonke noch telefoniert. Uta, die Gute, besuchte Bonke jeden Tag und hielt seine Hand. An dritten Adventssonntag schien die Sonne und ich besuchte ihn. Nach einer Stunde legte ich meine Hand auf seine Stirn und segnete ihn. Uta erzählte mir später,  Bonke hätte kurz danach seinen Frieden gefunden. Mir schien: auf der Zielgeraden hatte Bonke alles richtiggemacht.

David
Im Oktober ist David aus dem Leben gesprungen. Mit seinen 15 Jahren. Von der Holtenauer Hochbrücke sprang er in die Tiefe. Als Notfallseelsorger habe ich die Eltern begleitet. Zusammen mit meinem Lieblingskollegen waren wir auch in der Schule. Mein Holtenauer Kollege kümmerte sich um den besten Freund von David und dessen Familie. Ein Suizid ist immer ein sozialer Katastrophenfall: Mutter und Vater, Großeltern, Sportfreunde, Mitschülerinnen, Lehrerinnen, Kumpels und Nachbarn, Arbeitskollegen der Eltern…….. alle sind betroffen. Alle erleiden eine tiefe existentielle Krise.
Erst nach zwei Wochen fand man David im Nord-Ostsee-Kanal. In dieser Zeit brauchen Betroffene Begleitung. Ich traf mich mehrmals mit den Eltern. Die Mutter erzählte und erzählte. Das ist wichtig. Der Vater dagegen schwieg. Mitunter saß ich den Eltern nur gegenüber. Um zuzuhören. Um auszuhalten. Um den Schmerz zu teilen. Beide fragten sich ausgesprochen und noch mehr unausgesprochen, was sie falsch gemacht hätten. Schuld stand im Raum.
Schließlich kam die Frage, wer verabschiedet David. Sie baten mich. Es hatte sich ein Vertrauensverhältnis gebildet. Ich wusste inzwischen so viel. Da lag es nahe, mich zu fragen. Beide Eltern waren nicht in der Kirche. Ich habe zugestimmt. Ich hätte es mit meinem Verständnis von Kirche und Evangelium nicht anders gekonnt.
Ich sah mich drei Herausforderungen gegenüber:

  1. Wie kann es gelingen, die Eltern von ihren Schuldgefühlen zu entlasten.
  2. Wie kann ich der deutlichen Ablehnung des „Sakralen und Kirchlichen“ besonders durch den Vater gerecht werden, ohne mich als Theologe und Kirchenmann zu verleugnen?
  3. Schließlich wie ist es möglich, irgendetwas Tröstliches anzubieten, zumal die Motive für Davids Suizid nicht hinreichend erkennbar geworden waren?

Über der Traueranzeige in den KN hatten die Eltern geschrieben: „Wir sehen uns wieder“.
Während meiner Vorbereitung kam mir das Labyrinth von Chartes in den Sinn. Für die Abschiedsfeier ließ ich eine Kopie von diesem Labyrinth an jeden der Trauergäste aushändigen.
Meine Ansprache beendete ich mit folgenden Worten:
„Liebe Freunde des Lebens,
warum haben die Menschen vor 800 Jahren in der wunderschönen Kathedrale von Chartres ein Labyrinth in den Fußboden eingearbeitet? Was wollten sie damit vermitteln? Folgt man dem Weg dieses Labyrinths in 34 Kehren, kann man leicht den Überblick verlieren, man kann dabei die Orientierung verlieren.
Hat David sich verloren im Labyrinth des Lebens? Wo würden wir ihn verorten im Labyrinth? Ganz außen? Oder auf dem Weg von der Mitte, vom Zentrum weg, immer weiter weg.
Schwer zu sagen. Die Frage könnte David nur selbst beantworten. Aber was ist das für ein Gefühl, wenn der Weg einen immer weiter weg führt von dem Ort, wo man gerne sein will. Wenn nach der ersten Kehre, die ihn wegführt, die zweite Kehre kommt, die ihn noch weiter wegführt und dann die dritte.
Wie fühlt es sich an, wenn man die Orientierung verloren hat?

Diejenigen, die dieses Labyrinth als Botschaft gelegt haben, wollten etwas über das Leben aussagen. Das Leben ist keine Gerade. Es hat unzählige Wendungen. Das Leben ist komplex und mitunter auch kompliziert.
Hindernisse treten uns entgegen.
Rückschläge ereignen sich.
Es ist ein verschlungener, unübersichtlicher Weg.
Manchmal fühlt es sich an wie in einem Irrgarten.
Aber – das will dieses Labyrinth vor allem sagen: du kannst dich nicht verirren. Dein Weg führt dich ins Zentrum.
Es gibt nur einen Weg, David, und der bringt dich immer ans Ziel. Wie immer du den Weg gehst, du kommst ans Ziel.
Das Labyrinth von Chartres – dein Lebensweg führt dich immer ans Ziel.
Du gehst nicht verloren, David.
Du bist gegangen
von hier nach dort
bist angekommen
am Ziel der Ziele
Du bleibst gegenwärtig
als Fortgegangener
nun beheimatet
im Zentrum – der Mitte des Lebens.

Dein Sprung – er hat dich befreit von allem Schweren, Dunklen, von deinen Sorgen und Lasten. Dein Sprung hat dich ins Zentrum des Lebens geführt.
Dort werden wir uns wiedersehen.
Denn: wir sind alle auf dem Weg: zum Ziel.“

Soweit ein kleiner Auszug aus meiner Ansprache. Eine Woche nach der Abschiedsfeier besuchte ich die Eltern. Beide erzählten ausführlich von ihrem schweren Tag. Aber es gab auch sehr viel Gutes: Umarmungen, liebevolle Gesten, der tiefe Zusammenhalt im Abschied, die Musik, sehr einfühlsame Karten. Als ich mich verabschieden wollte, nahm mich Davids Vater in den Arm und sagte „Danke“. Dieses eine Wort vermittelte mir: wir sind den Weg zur Mitte des Lebens zusammen gegangen. Und ich erlaube mir den Zusatz: wenn dies in einer so abgründigen Situation gelingt, dann ist Gott am Werk gewesen.

Was also lässt uns nach existentiellen Krisen zurückfinden ins Leben?

  1. Krisen lassen sich vor allem überwinden, wenn die Betroffenen nicht allein bleiben. Es braucht ein soziales Netz, das trägt. Menschen, die sich den Betroffenen zur Seite stellen. Menschen, die die Krise erkennen und ernst nehmen und auf die von der Krise gezeichneten Menschen zugehen. „Geteiltes Leid ist halbes Leid“. Im pastoralen Kontext sprechen wir von aufsuchender Seelsorge. Wir machen uns auf den Weg zu den Betroffenen. Sie sind in der Krise kaum oder gar nicht in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Ohne ein soziales Netz fallen sie meist:  immer tiefer.
  2. In bestimmten Krisen ist eine professionelle Hilfe unumgänglich. Im Fall von Burnout und Depressionen ist dies der Fall. Ebenso bei Menschen, die erkennbar von einer Sucht betroffen sind. Wenn ich mit sexuellen Missbrauch von Minderjährigen in Kontakt komme, versuche ich Vertrauen aufzubauen, um dann die Betroffenen an geeignete Beratungsstellen oder Therapeuten zu vermitteln.
  3. Spiritualität? Im vergangenen Sommer bin ich ins Hospiz in Kiel-Meimersdorf eingeladen worden, um über Spiritualität im Sterben zu referieren. Ich fragte die Ärzte und die in der Pflege Tätigen: „Was sind Ihre Erfahrungen? Brauchen die Sterbenden spirituelle Angebote?“ Zu meiner Überraschung bejahten alle diese Frage. Ein Arzt wusste zu berichten, dass er nahezu immer spirituelle Angebote mache. Eine Krankenschwester vom SAPV bekannte, sie würde den Sterbenden immer einen Segen zusprechen.
    Ja, ich bin überzeugt, dass sich nahezu alle Menschen in Krisen spirituelle Nahrung wünschen. Allerdings: Individuell. Keine klerikalen Formeln. Spiritualität ist Schwarzbrot für die Seele. Als der 16 jährige Florian nach seinem Sprung in den zu flachen See querschnittsgelähmt in den Rettungshubschrauber gehievt wurde, bat er mich: „Dirk, kannst du noch ein Gebet sprechen!“

Ich beende meinen Vortrag, indem ich noch einmal auf Manuela und Peter zurückkomme. Nach dem furchtbaren Schicksal mit Ihrer Tochter folgten weitere, z.T. schwere Krisen. Manuela erkrankte 2010 an Krebs, als beide im Ausland lebten. Der international bekannte Facharzt in Freiburg machte ihr wenig Hoffnungen. Sie ließ sich operieren, hatte Chemo mit allem, was diese Prozedur an Begleiterscheinungen mitbringt. Der beste Freund von Manuela und Peter starb ausgerechnet in dieser Phase.
Vor einem halben Jahr baten mich Peter und Manuela, sie am 30. Hochzeitstag zu trauen. Sie hatten gemeinsam alle tiefen Täler durchwandert. Sie hatten ein wunderbar starkes Netz von Freunden in den schwersten Stunden. Ella studierte inzwischen. „Ich glaube fest daran, dass das alles keine Zufälle, sondern Fügungen waren“, sagt ausgerechnet Peter, der 1987 als Ingenieur meinte, die Realität bestünde nur aus Gesetzmäßigkeiten und man könne sich das Leben autonom gestalten. Inzwischen sei er ja ein wenig gereifter und nun wollten sie sich den Segen holen.
Die baptistische Freundin aus Argentinien hat die Lesungen gehalten und Ella, die Tochter, hat das Gebet gesprochen.  Und dann standen die beiden vor dem Altar, Hand in Hand, versprachen sich als Mann und Frau und: holten sich den Segen.

Selten habe ich eine so bewegende Trauung erlebt.