Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Rede zum Volkstrauertag am 15.11.2015 (Konfirmandin Laura Brügmann)

Der Volkstrauertag ist eine alte Tradition und vielleicht gerade deshalb ist es eine, die meine Generation nicht besonders hochhält. Warum? Naja, vielleicht weil wir anders trauern. Wir kennen das Gefühl nicht, dass unsere Liebsten irgendwo an der Front in einem sinnlosen Krieg einen sinnlosen Tod gestorben sind. Wir können uns schlecht vorstellen, dass ein ganzes Volk trauert. Vielleicht weil Krieg uns meist nur noch in den Nachrichten erreicht, die wir wegschalten oder in der Zeitung, die wir beiseitelegen oder in den Geschichtsbüchern, die wir einfach zuklappen. Der Krieg ist meistens weit weg.

Doch wenn wir – wir alle – innehalten und uns fragen, was passiert wenn der Frieden für uns selbstverständlich wird oder wir derer, die sinnlose Tode gestorben sind, nicht mehr gedenken? Was passiert, wenn wir diesen Tag nicht mehr ehren, welche Antwort werden wir dann erhalten?

Ein jüdisches Sprichwort sagt, „Menschen, die man vergisst, sterben ein zweites Mal“. Sicherlich ist es oft schmerzhaft, sich zu erinnern, aber gleichzeitig ist es auch das Einzige, das uns davor bewahren kann, alte Fehler erneut zu begehen.

Wir sind alle Brüder und Schwestern, egal wo wir leben. Wir haben alle dieselben Bedürfnisse, egal welche Hautfarbe wir haben. Wir haben alle dieselben Gefühle, egal woran wir glauben. Dies dürfen wir vor Wut, Hass, falschen Idealen oder dergleichen nicht vergessen. Tun wir es doch, dann können uns auch die Politik und die Diplomatie vor neuen schwerwiegenden Fehlern nicht mehr bewahren.

Als sehr viele Menschen es zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum ersten Mal vergaßen, dass wir doch eigentlich alle für ein friedvolles und gleichberechtigtes Miteinander geschaffen worden sind, hatte man 9.737.000 Opfer zu beklagen. Frauen, Kinder und Männer, vielfach Zivilisten. 9.737.000 – eine unvorstellbare Zahl.

Als sie es kurz darauf zum zweiten Mal vergaßen, sind 55.293.500 Menschen gestorben. Eine Zahl deren Ausmaß ich kaum in Worte fassen kann.

In beiden Weltkriegen starben über 65 Millionen Menschen. Nicht Deutsche, Amerikaner, nicht Japaner, Franzosen oder Engländer. Nein, Menschen, wie du und ich.

Und das sind nur Zahlen, nur bloße Statistiken.

Also stellen wir uns im Zusammenhang mit dem 181sten gefallenen Soldaten eine Frau vor, die nun Witwe ist.

An den Gräbern des 120.052sten und des 120.053sten Gefallenen steht eine Frau, die ihren Mann und ihren Sohn zu Grabe tragen musste. Das Mädchen neben ihr trauert um ihren Vater und ihren Bruder.

Vor dem Grabstein des 480.722sten Opfers steht ein weinender Junge. Seine Mutter war Krankenschwester und wollte doch nur helfen.

An der letzten Ruhestätte des 2.004.018sten Gestorbenen wacht keiner, denn seine Familie ist bei einem Bombenangriff auf seine Heimatstadt umgekommen.

Stellt man sich zu jedem der über 65 Millionen Gräber, das dahinter stehende Leid vor, dann kann man das Ausmaß dieser Tragödien vielleicht erahnen, doch begreifen kann man es nicht.

Wir Menschen zählen häufig die Tage. Die Tage bis zum Geburtstag oder bis Weihnachten, Tage an denen etwas Schönes passiert.

Seit September 1945 gab es 26 Tage – waren sie für Menschen wie dich und mich, auch noch so bedeutungslos – an denen es so etwas wie weltweiten Frieden gab.

26 Tage in 70 Jahren. 26 Tage unter 25.550 Tagen, an denen keine Bomben fielen und Menschen grundlos starben. Die restlichen 25.524 Tage jedoch waren für viele Familien die schlimmsten und verlustreichsten Tage in ihrem Leben.

Doch genau diese 26 namenlosen Tage sollten wir feiern, da sie in 70 Jahren die einzigen Tage waren, an denen wir als Menschheit wahre Menschlichkeit bewiesen haben.

In einem Lied der Band „Pur“ heißt es: „Kein Krieg ist edel, kein Krieg lebt vom Mut. Er ist unvorstellbar grausam und auch für die sogenannten Sieger nur zum Verlieren gut.“ Dem stimme ich voll und ganz zu. Denn wer erkennt nicht die Kontroverse des Satzes „Dies ist ein Krieg für Frieden“. So etwas gibt es nicht. Genauso, wie es in einem Bürgerkrieg keinen Sieger, sondern nur zwei Verlierer gibt. Zwei Verlierer seit dem ersten Tag und seit dem ersten Opfer.

Ein Krieg ist feige, da die Machthaber einfach nur andere Menschen schicken, die für sie kämpfen. Menschen, die sich nicht kennen, aber unter anderen Umständen vielleicht sogar Freunde wären. Auf dem Schlachtfeld jedoch sind sie Feinde, müssen sich, aus Gründen – die sie vielleicht zu kennen glauben – gegenseitig töten und werden so zu Opfern des Krieges, selbst wenn sie diesen überleben.

Es sollte auch nicht das Edelste sein für sein Vaterland zu sterben, viel besser sollte es sein für sein Land zu leben und „Nein“ zu sagen.

Ich zitiere einen Textausschnitt von Wolfgang Borchert:

Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre. dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!

Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!

Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!

Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!

Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransport, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!

Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!

Die Generationen nach einem Krieg sind immer noch von ihm betroffen. Sie kämpfen zwar nicht mehr an seinen Fronten, haben ihn vielleicht nicht einmal selbst erlebt und sind zu jung, um das Sterben verschuldet zu haben. – Aber auch Sie haben eine Verantwortung!

Die Verantwortung sich zu erinnern und dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passiert. Denn ein Krieg ist schrecklich, aber ein weiterer Krieg, weil der vorherige vergessen wurde, ist noch schlimmer.

Aber wie ich finde, muss man sich nicht nur an vergangene Kriege erinnern, sondern auch an das Wort Gottes. Dabei ist es egal, in welcher Religion man ihm mit welchem Namen begegnet.

Gott hat uns die Freiheit gegeben, unser Leben so zu führen, wie wir es möchten und Gutes als auch Schlechtes zu tun. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass Gott Liebe ist. Es gibt so viele Kriege, die im Namen Gottes und des Glaubens geführt werden, dabei sind wir vor Gott doch alle gleich. Deshalb denke ich, dass es Gott sehr traurig macht, zu sehen, wie Menschen sich gegenseitig, auch aus religiösen Gründen bekämpfen. Denn ich glaube es ist Gottes Wunsch, dass wir alle in Frieden miteinander leben.

Doch was ist Frieden eigentlich genau? Ist es automatisch Frieden, wenn die Waffen schweigen? Für mich nicht! Frieden ist für mich nur dann echt, wenn es auch Toleranz, Akzeptanz und Respekt gibt. Alles andere empfinde ich zu großen Teilen nur als Waffenruhe. Das kann zwar ein Anfang sein, aber für mich ist es noch kein endgültiger Frieden.

Ich wünsche mir, dass meine Kinder, Enkel und Urenkel in einer Welt leben dürfen, in der Frieden natürlich ist. Nicht selbstverständlich, nein das nicht. Sie sollen hart dafür arbeiten müssen, aber wenn sie sich für den Frieden engagieren und einsetzen, dann sollen sie auch die Chance auf ein Leben in Frieden haben. Denn Frieden ist das Wertvollste, das wir besitzen können. Sie sollen in einer Welt groß werden, in der die Würde und Ehre eines jeden Menschen über dem Hass steht und die Toleranz über der Angst. Aber das wünsche ich mir nicht nur für meine und eure Kinder, sondern auch für alle Kinder dieser Welt. Für Kinder, deren Namen ich nicht kenne und für Kinder die nicht mehr den Frieden glauben. Denn diese jungen Menschen sind unsere Zukunft. Und wenn wir unserer Zukunft nicht immer wieder zeigen, dass Gewalt und Kriege keine Lösung sind, welche Chance haben wir als Menschheit dann noch?

Dieser nun folgende letzte Teil meiner Rede, war so eigentlich nicht geplant. Ich habe ihn erst gestern geschrieben, nach den Anschlägen in Paris. Schon die Attentate im Januar diesen Jahres, angefangen mit den Anschlägen auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“, haben mich erschrocken. Doch die Anschläge vom 13. November offenbaren ein noch größeres Ausmaß an Gewalt und forderten noch mehr Opfer.

Vorhin habe ich gesagt, dass der Krieg oftmals weit weg ist, doch es sind solche Ereignisse, die ihn wieder sehr real machen und mich immer wieder aufs Neue schockieren. Umso beeindruckender finde ich dann jedes Mal die Anteilnahme der Menschen auf der ganzen Welt, dieses Mal unter dem Leitspruch „PrayForParis“.

Auch ich bete für die Opfer von Paris und ihre Angehörigen und hoffe, dass wir als Menschheit ein Zeichen an all diejenigen senden können, die solche oder ähnliche Anschläge zu verantworten haben. Ein Zeichen von Solidarität, Mitgefühl und Zusammenhalt. Ein Zeichen mit dem wir sagen: „Wir, als Völker dieser Welt, sind gegen Gewalt!“