Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Die Ökonomisierung der Lebensbezüge – Menschen am Limit

Alter, Gesundheit und aktiver Lebensstil – Ringvorlesung an der CAU – November 2015 – Uni Kiel – Dirk Große, Pastor in Altenholz

Erfahrungen und Beobachtungen aus der Seelsorge

 

Ich beginne mit einem Fallbeispiel:
Ein 32jähriger Wirtschaftsinformatiker bewirbt sich erfolgreich bei einem europaweit operierenden Versandhausunternehmen. Seine guten Zeugnisse, seine hohe Auffassungsgabe und Arbeitseffizienz, seine Kompetenz haben die Personalabteilung überzeugt. Der 32jährige erfährt schließlich bei seiner Einstellung, dass seine Arbeit zuvor von acht Mitarbeitern bewerkstelligt wurde. Sie alle wurden „freigesetzt“; Sprich: entlassen. Das motivierte den 32jährigen ganz besonders. Er wollte das in ihn gesetzte Vertrauen bestätigen. Seine Arbeit umfasste nicht selten 10 bis 12 Stunden pro Tag. Sein Einstiegsgehalt von 8500 Euro war dafür umso attraktiver.  Fünf Jahre arbeitete er in der Firma, nicht selten auch am Wochenende. Dann kam der Zusammenbruch. Er war dem permanenten Druck nicht mehr gewachsen. Sein Suizidversuch scheiterte und er verbrachte drei Monate in die Psychiatrie. In dieser Phase trennte sich seine langjährige Freundin von ihm. Sie erkannte in diesem selbstzweifelnden und gebrochenen 37jährigen nicht mehr den jung dynamischen, erfolgreichen, attraktiven Mann wieder, den sie einst kennen gelernt hatte.

Diesen Fall beschrieb ich bereits in meinem Vortrag, den ich im Rahmen derselben Ringvorlesung 2013 hielt. Damals versuchte ich die individuelle Dynamik zu skizzieren, der sehr viele, zumeist junge Erwachsene unterliegen. Ich formulierte  diesen Prozess so:
Immer mehr möchte man erreichen. Und: man erreicht es ja auch.  Beruf, Karriere, Beziehung, Familiengründung, Appartement oder Haus oder Wohnung, Auto und Kleidung, Urlaub und Hobbys. Als junger Erwachsener geht es (fast) immer weiter und: immer bergauf. Leben ist Zuwachs. Es ist auf ein „MEHR“ ausgerichtet. Hat man die eine Herausforderung gemeistert, kommt die nächste und dann die übernächste. Man scheint über eine enorme, schier grenzenlose  Lebensenergie zu verfügen. Erfolg macht süchtig.
Es lohnt sich also, immer wieder aufzubrechen, um den nächsten Gipfel zu stürmen. Diese reizvolle Aussicht auf eine Ausweitung und Vermehrung  von Erfolgen bringt eine verführerische  Dynamik in Gang. So als bestünde das ganze Leben aus Zuwachs.

Dem ist jedoch mitnichten so. Das zeigt exemplarisch die existentielle Krise des Wirtschaftsinformatikers,  dessen Lebenskonzept  aufgrund von Überlastung in sich zusammenfällt.
Aber – so möchte ich diese Frage heute anders stellen- ist daran „nur“ das Individuum schuld?  Schon 2013 war ich in meinem damals gehaltenen Vortrag „Werteverschiebung im Alter“ aufgrund meiner seelsorgerlichen Erfahrungen überzeugt, dass für solche Krisen immer auch wirtschaftliche Faktoren verantwortlich sind. Wieso kommt ein Unternehmen wie das oben beschriebene Versandhausunternehmen überhaupt auf die Idee, den zuvor von 8 Angestellten geleisteten Arbeitsumfang nunmehr von einem einzigen (!!) Mitarbeiter erfüllen zu lassen?
Es sind tatsächlich nicht nur wirtschaftliche, sondern viel umfassender: gesellschaftliche Faktoren, die uns  so prägen bzw. sozialisieren, dass sich daraus  wirtschaftlicher Erfolg  entwickelt. Das lehren mich viele Begegnungen in Seelsorgesituationen. Darauf will ich nun den Fokus richten: „Die Ökonomisierung der Lebensbezüge. Menschen am Limit“.

Sozialisationsinstanzen

a. Kindertagestätte

In den Kindertagungsstätten beobachte ich das interessante Phänomen, dass die Zahl der Eltern zunimmt, die von den Kitas vorschulische Inhalte erwarten: Umgang mit Zahlen, sowie Zuordnung von geometrischen Figuren sollen dort vermittelt werden. Einige Kitas werben  inzwischen damit, dass in ihrer Einrichtung bereits erste Englischkenntnisse vermittelt werden. In unserer technikfreundlichen Lebenswelt nimmt es auch nicht Wunder, dass  PC´s mit Lernprogrammen zunehmend häufiger in den Kitas eingesetzt werden.
Dabei stellt sich jedoch die Frage: was sind die vorrangigen Lernziele von Kitas? In erster Linie sollen dort soziale Fähigkeiten vermittelt werden. Das  Kind muss lernen, sich in einer sozialen Gruppe zu Recht zu finden. Es muss  „wissen“, wann es seine eigenen Bedürfnisse zugunsten der Gruppensituation zurückzustellen hat und wann wiederum nicht. Es muss konfliktfähig werden. Es muss Ich-Stärke entwickeln, um Herausforderungen selbstbewusst zu meistern.  Es soll Verantwortungsgefühl für das  Zusammenleben entwickeln. Es soll im Spiel seine soziale Rolle situationsgerecht ausloten.

Kurzum: das Kind müsste in der Kita in erster Linie soziale Fähigkeiten erlernen. Die Kita als erste Bildungsinstanz im Leben eines Menschen hat dabei eine umso größere Bedeutung bekommen, da die Kinder heute immer häufiger in Ein-Kind-Familien aufwachsen. Was Kinder früher wie selbstverständlich durch mehrere Geschwister an sozialen Kompetenzen erlernten, muss nun zunehmend in den Kitas erworben werden.
Der Lebensentwurf einer Ein-Kind-Familie spiegelt sich  häufig darin wider, dass beide Eltern einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Daher müssen sie sehr früh Erziehungsaufgaben an die Kita delegieren. Gleichzeitig haben Eltern ein zunehmend wachsendes Interesse, ihr Kind zu optimieren. Was ist damit gemeint? Der Kinderarzt Michael Hauch weiß zu berichten, dass sehr viele Eltern defizitorientiert sind. Sie fragen nicht, was tut meinem Kind jetzt gut, sondern sie schauen immer schon in die Zukunft und beschäftigen sich mit der Herausforderung, was ihr Kind braucht, damit es gut in der Schule sein wird und später ein gutes Abi schafft, um dann studieren zu können. Die Weichen dafür sollen schon die Kita-Zeit gestellt werden.
Die Vermittlung sozialer Fähigkeiten als zentrale Aufgabe der Kita-Arbeit wird also zunehmend überlagert von anderen Inhalten. Gesprächen mit Grundschulpädagogen entnehme ich, dass nicht selten die ersten beiden Schuljahre benötigt werden, um die sozialen Fähigkeiten zu vermitteln, die Voraussetzungen schaffen, um eine gute schulische Bildung zu vermitteln. Es spricht also alles dafür,  dass der zunehmende Einzug von vorschulischen Lerninhalten in die Kitas zu Lasten des Erwerbs sozialer Kompetenzen geht.

Welche Wertigkeiten vermitteln wir den Kindern in den ersten Lebensjahren, wenn vorschulische Lerninhalte  immer stärker gewichtet werden? Eine Kindheit, die sich vorrangig an  wirtschaftlich verwertbaren Fähigkeiten ausrichtet, bringt jedoch „andere“ Menschen hervor. Für das, was Kindheit doch sein sollte, fehlt vielen Kindern heute die Zeit: Zeit zur Muße, Zeit zur Kreativität und Phantasie, Zeit zum Spielen und Toben, Zeit zum Träumen, Zeit zum Streiten und Vertragen, Zeit zum Bolzen und Basteln. Und wer wollte in Frage stellen, dass in solchen Zeiten nicht ebenfalls  viel gelernt wird.

b. Schule

Der Ehrgeiz der Eltern, ihre Kinder erfolgreich und leistungsstark zu machen, zeigt sich auch in der Schule. Besonders im letzten Halbjahr des vierten Schuljahres spielen sich mitunter Dramen ab, wenn die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen geschrieben sind. Ich will hier exemplarisch  nur einen Fall schildern: Eine Viertklässlerin erhielt ein wunderbares Zeugnis aus Einsen und Zweien. In den Bemerkungen stand: „Du könntest dich im Sport noch mehr anstrengen.“ Wegen dieser Äußerung zogen die Eltern vor Gericht. Der Vater sagte der Richterin: „Mit einer solchen Bemerkung im Zeugnis würde ich dieses Kind nicht in meinem Betrieb einstellen.“ Diese Aussage ist aufschlussreich. Sie belegt die „Ökonomisierung der Lebensbezüge“ schon in der Kindheit. Die neunjährige Tochter, die ja in diesem Familiensystem aufwächst, „lernt“ durch ihre Sozialisation, welche Werte im Leben bedeutsam sind: gute Noten, Leistungsstärke, vorzeigbare, herausragende Bewertungen.
Manche Kinder zerbrechen an diesen Erwartungen der sog. Selbstoptimierung und entwickeln Versagungsängste. Eine Schülerin, nennen wir sie Anna, stand in ihrem letzten Zeugnis auf 1,6. Dann fielen ihre Leistungen etwas ab. Die Eltern waren alarmiert und organisierten Nachhilfe. Anna lernte bis spät in die Nacht. Sie wurde immer müder und unkonzentrierter. Irgendwann hatte sie nur noch Angst und brach psychisch zusammen. In der Psychiatrie wurde sie gefragt, was schlecht an einer Zwei sie. Darauf antwortete Anna: „Es ist keine Eins. Man hat also etwas nicht verstanden…. Und bei einer Eins wären meine Eltern stolz.“ Der Hamburger Psychiater Prof. Schulte-Markwort beobachtet, wie die Krankheit der Erwachsenen langsam auf Kinder über zu springen droht. Nach seiner Beobachtung gibt es immer mehr erschöpfte, ausgelaugte Teenager: Burn-out im Kinderzimmer.
Dieser besorgniserregende Befund deckt sich mit unseren Seelsorgeerfahrungen. Mein Kollege und ich sind seit sieben Jahren am Altenholzer Gymnasium als Schulseelsorger aktiv. Wir erleben Kinder und Jugendliche im Alter von 10-20 Jahren. In den Begegnungen erfahren wir viele Probleme. Schule ist nie nur Lernort, sondern immer auch Lebensort. Als häufigste Ursache  nahezu aller Probleme lässt sich der Mangel an sozialer Wärme feststellen. Dieses  Phänomen lässt sich gewiss nicht monokausal herleiten. Und dennoch benennt der Schulleiter des Gymnasiums  eine Ursache immer wieder: „Wohlstandverwahrlosung“.
Was ist damit gemeint? Kinder und Jugendliche kommen in dem Einzugsgebiet unseres Gymnasiums überwiegend aus einer akademischen Mittelschicht. Beide Eltern gehen häufig einer anspruchsvollen Erwerbstätigkeit nach. Ihr Arbeitstag endet nicht selten nach 18.00h. Wenn die Kinder/Jugendlichen nach einem 7 oder 9 stündigen Schultag nach Hause kommen, sind sie sich häufig selbst überlassen. Es ist niemand da, der fragt: „Wie war es in der Schule? Wie ist die Geschichtsarbeit gelaufen? Wie waren die Bundesjugendspiele?…..“  Niemand ist anwesend, der  zuhören, Anteil am Erlebten nehmen, oder Gesprächspartner sein könnte. Keiner, der in der Gesichtsmimik abliest, dass irgendetwas passiert sein muss. Keiner, der mit lacht, wenn es etwas Lustiges zu erzählen gibt. Keine da, der die Arme ausbreitet oder durch ein Lächeln zeigen könnte: „Schön, dass du da bist.“ Stattdessen befindet sich nicht selten ein eilig hingeschriebener Zettel auf dem Küchentisch: „Essen in der Mikrowelle!“ und : „Denk an die Tennisstunden heute um 16.00h“, oder: „Um 17.00h hast du Nachhilfe“ oder „Kieferorthopäde um 17.30h! Nimm dir eine Buskarte“ oder „Dein Schlagzeuglehrer kommt heute etwas später!“ Manchmal liegt auch ein 10 Euroschein auf dem Tisch „Kauf dir einen leckeren Döner!“
Wie fühlt sich das an?
Wenn der Schulleiter unseres Gymnasiums von  Wohlstandsverwahrlosung spricht, dann skizziert er eine Schülerschaft,  die überwiegend aus materiell wohlständigen Milieus stammt. Sie besitzen Smartphones der gehobenen Preisklasse, verfügen über ein opulentes Taschengeld, tragen erlesene Markenkleidung, fahren dreimal im Jahr in den Urlaub, betreiben  z.T. aufwendige Hobbies.
Materiell haben sie nahezu alles, aber es fehlt  häufig und zwar zunehmend  an Zuwendung, an Geborgenheit, an liebevoller Annahme, an menschlicher Empathie, an Aufmerksamkeit, an familiärer Gemeinschaft. Die Vermittlung sozialer Wärme ist Mangelware. Statt Nestwärme erhalten junge Menschen Nachhilfe, Musikunterricht, Tennisstunden und: sehr viel von dem, was unsere Gesellschaft an Konsumgütern zu bieten hat.
Natürlich gibt es immer noch viele Familien, in denen Nestwärme und Geborgenheit erfahrbar sind. Aber die Lebensrealität zeigt deutliche Tendenzen in die skizzierte  Entwicklung. Die Stellschrauben unserer Gesellschaft verändern sich sukzessive. Eltern sind immer weniger präsent im Alltag ihrer Kinder. Wenn sie jedoch Präsenz zeigen, dann vermitteln sie zunehmend einen hohen Leistungsanspruch, den sie ja selbst ihren Kindern durch ihren eigenen Berufsalltag vorleben. Und natürlich setzen sie alles daran, durch geeignete Fördermaßnahmen ihre Kinder  zu Leistungsträgern der zukünftigen Gesellschaft zu machen. Kinder internalisieren dieses Lebenskonzept der Eltern und bemühen sich, deren Erwartungen nicht zu enttäuschen. Manchmal, so wie bei Anna, wird dann die Grenze der Belastbarkeit schon bei jungen Menschen überschritten. Sozialer Rückzug, Magersucht, Selbstverletzungen, Leistungsabfall, Mobbing, Alkohol, Tabletten und Drogen, soziale Grenzüberschreitungen, Gewalt und Vandalismus sind dann die Ventile, die sich Schülerseelen suchen. Alles Dinge, die wie Stopp-Schilder darauf hinweisen: etwas ganz Entscheidendes im Leben ist hier aus den Fugen geraten. Im Extrem so gravierend, dass Hilfe zu spät kommt und Schüler Suizid begehen, wie in den vergangenen Jahren an unserer Schule einige Male geschehen.

Es gibt noch ein weiteres Phänomen, das mich und meinen Kollegen nachdenklich stimmt. Uns erzählen wiederholt  15-19 jährige Jugendliche, sie fühlen sich gerade in der Jugendgruppe gut aufgehoben. Hier könne man über Gefühle, also auch über traurige Dinge, wie überhaupt über sogenannte „weiche“ Themen  sprechen kann. Und zwar so,  dass andere aufmerksam zuhören und man sich angenommen fühle. „Hier muss ich nicht immer stark sein. Ich kann hier Schwäche zeigen, ohne das andere über mich her fallen. Ich kann das sagen, was  mich bewegt. In der Schule (!) ist das ein „no go“. Da muss man eine Maske aufsetzen, immer cool drauf zu sein. Bloß keine Schwäche zeigen. Dann hast du schon verloren!“  Mich erfüllen solche Äußerungen mit großer Sorge. Wenn  Schüler, die sich nach Verständnis sehnen einen Großteil ihrer Lebenszeit in einem Klima sozialer Kälte verbringen, frage ich mich, was ist dafür verantwortlich?
Die Sozialwissenschaften lehren uns, dass die Prägungen in den ersten 5 Lebensjahren  die späteren Lebenseinstellungen und Verhaltensmuster nachhaltig prägen. Wir ernten mit den Kindern also, was wir durch unsere Erziehung säen.
Junge Menschen, die durch ihr soziales Umfeld ein Defizit an Aufmerksamkeit, Geborgenheit, Menschenfreundlichkeit und Zuwendung erfahren haben, werden eines gewiss nur rudimentär oder gar nicht verinnerlicht haben: die Fähigkeit zur sozialen Empathie, die Gabe zu einem in allen Lebensbereichen freundlichen und achtsamen, verantwortungsbewussten  Miteinander. Junge Menschen, die durch ihre familiäre Sozialisation vor allem den normativen Wert der Selbstoptimierung, Leistungssteigerung und  Nützlichkeit erworbenen Wissens verinnerlicht haben, beurteilen ihr soziales Umfeld nach genau diesen Maßstäben. Da nimmt es nicht Wunder, dass  emotionale Themen keine Bedeutung in dem Weltbild der jungen Menschen haben. Wer traurig, nachdenklich oder öffentlich  Schwäche zeigt, wer sich als gläubig zu erkennen gibt, wer seine Betroffenheit etwa über so viel Leid in dieser Welt äußert, der gilt schon als Looser. Der gehört nicht „dazu“.  Eine gnadenlose Welt, die sich aufteilt in winner oder looser. Neulich sagte Jan aus dem Abijahrgang in der Jugendgruppe. „ Ich habe mich gestern in der Klasse als Christ geoutet. Ich wollte nur sagen, dass ich in den Herbstferien nach Taize fahre, weil das so ein wunderschöner Ort ist, wo man mit Gott in Kontakt kommt. Und dann haben die mich einfach ausgelacht und höhnisch lautstark gesagt: `Schau mal…. Ein echter Christ, unser Jan. Ich fass es nicht. Ich dachte, die wären alle ausgestorben´. Ich –so Jan- finde eine solche Arroganz so etwas zum Kotzen!“
Ja, das erleben wir in der Schulseelorge auch:  die sog. Starken in diesem System sind keineswegs nur „Täter“. Sie sind zugleich auch „Opfer“. Schließlich sind sie  mit einem Defizit an sozialer Zuwendung und menschlich-warmer Aufmerksamkeit groß geworden und in dem ihnen vorgelebten Leistungsgedanken sozialisiert worden.
Bisher habe ich versucht, einige Tendenzen unserer gesellschaftlichen Entwicklung zu skizzieren. Es sind die „Stellschrauben“ unserer Lebenswelt, die unter dem Aspekt der wirtschaftlichen Nützlichkeit  sukzessive angezogen werden.

c. Studium

Vor einigen Jahren unterhielt ich mich mit einem Universitätsprofessor für Informatik. Er monierte  das durch den Bologna Prozess veränderte Curriculum. „Stellen Sie sich vor: in der Regelstudienzeit bis zum Bachelor müssen die Studenten 32  (!!) Klausuren absolvieren. Jede Klausur ist so anspruchsvoll, dass das eigentlich in sechs Semestern gar nicht zu schaffen ist. Ich frage Sie, was bleibt von dem wissenschaftlichen Anspruch übrig? Die Studierenden lernen unter einem enormen Druck. Letztlich reproduzieren sie ihr kurzfristig erlerntes Wissen. Nachhaltig kann dieser Wissenserwerb nie sein. Für die Studierenden ist dieses Hochleistungsprogramm eigentlich unverantwortbar. Sie sind  die Leidtragenden dieser neuen Form des Bachelor-Studiums. Die psychische Belastung ist enorm. Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass die Zahl der Studienabbrecher zunimmt. Aber selbst die, die diesen Marathon erfolgreich hinter sich bringen, was werden das für Informatiker sein? Werden sie nicht zu Produktionsfaktoren eines ökonomischen Systems degradiert: immer schneller, immer mehr, immer effizienter….? Wir sind uns da in der Uni einig: das ist eine sehr ungute Entwicklung!“
Vor wenigen Wochen rief mich eine ehemalige Konfirmandin an, die inzwischen erfolgreich im  8. Semester  Jura studiert. Sie wolle sich in „Internationales Recht“ spezialisieren, um globale Herausforderungen juristisch zu befördern. Lena hatte ihr Abi mit 1,1 gemacht. Sie verfügt über außergewöhnliche Begabungen. Dennoch müsse auch sie mitunter sehr diszipliniert und hochkonzentriert manchmal bis zu 12 Stunden arbeiten. Und dann fällt dieser Satz: „Ich weiß, dass mindestens jeder Vierte unter den Jurastudierenden Ritalin nimmt. Anders halten die das gar nicht durch: diesen Druck, diese ständigen Leistungsanforderungen, die Versagungsängste, die Unsicherheit über einen erfolgreichen Abschluss.“ Ich dachte, mich verhört zu haben. Jeder Vierte? „Bist du dir sicher, Lena? Oder nimmst du das eher an?“ Lena war sich ganz sicher. Sie glaubt, dass es eher jeder dritte ist. Aber nicht jeder Studierende wolle sich in die Karten gucken lassen. „Das Schlimme ist: die kennen nur noch Lernen, Arbeiten, Büffeln, Lesen. Alles dreht sich nur um das Erreichen eines möglichst erfolgreichen Examens. Als ich einigen Kommilitonen erzählte, dass ich mich ehrenamtlich in der Asylarbeit engagiere, musste ich mir – das kannst du dir kaum vorstellen- Vorwürfe anhören: ob ich  mich als sozialer Samariter inszenieren wolle?  Ob ich nicht ausgelastet sei? Ob ich meine, etwas Besseres zu sein? Ich musste mich rechtfertigen. Das war der Hammer! Dabei ist diese Aufgabe für mich ein echter Ausgleich zu dem Stress im Studium.“

Eine Studentin, die sich für ihr Ehrenamt unter Kommilitonen rechtfertigen muss. Studierende, die den Uni-Stress nur mit Ritalin bewältigen. Ein Professor, der die neue Studienordnung problematisiert. Einzelfälle? Eher nicht. Ich zitiere aus einem Artikel  der SZ, der die 2015 veröffentlichte Shell Studie zusammenfasst: „Wenn von einer Ökonomisierung des Gesellschaft die Rede ist, dann lassen sich dafür auch im Bildungssystem Belege finden. Turboabitur und Bologna Reform etwa. Mündigkeit und kritisches Denken, so beklagen die Pädagogen, sind weniger gefragt, als Anpassung  und Auswendiglernen.“

d. weitere Sozialisationsinstanzen

Nicht unerwähnt sollte die Rolle der Medien sein. Mag sein, dass ich  Eulen nach Athen trage: aber die Grundeinstellungen und subtilen Normen, die die Medien in den Menschen installieren, sind erheblich. Wer sich die Serie „Germany next Topmodel“ ansieht, und das tut ein Millionenpublikum, der ahnt, wie hier junge Frauen exemplarisch als gesellschaftliches Erfolgsmodell  geformt, beeinflusst, gestylt und normativ geprägt werden. Nur die, die die gemachten  Vorgaben zu 100% zu übernehmen bereit sind, sind erfolgreich. Nur die Bereitschaft zur absoluten Anpassung führt  zum. Im Umkehrschluss heißt das: wer erfolgreich sein will, der muss sich anpassen. Ohne Widerspruch. Eine ehemalige Konfirmandin hat es in die dritte Runde geschafft und dann ist sie freiwillig ausgeschieden. Ihr war das: zu viel des Guten. Sie wollte sich dieser Medienindustrie, diesem Schönheitshype, diesem gnadenlosen Geschäft nicht mehr aussetzen. Sie wollte ihr Privatleben nicht opfern. Sie wollte einfach Gönna Joss  bleiben und ihr ICH nicht aufgeben. Mich hat ihre Entscheidung beeindruckt. Aber seien wir ehrlich: Vorbild  für das Millionenpublikum ist nicht sie, sondern  die Erfolgreiche, die Gewinnerin. Eine, die ihre Rolle perfekt adaptiert hat.
Es ist dieser Erfolg der Erfolgreichen, der Normen und Einstellungen junger Zuschauer nachhaltig prägt.

 

Arbeitswelt

Vor Jahren lebte ich in dem Ort Deutschlands, in dem die meisten Taschenbücher gedruckt wurden. 1.000.000 Bücher in 24 Stunden. Möglich war und ist das durch hochmoderne Druckmaschinen. Die Maschinen liefen 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche. Jede Maschine wurde pro Schicht von einem Facharbeiter bedient, der für den reibungslosen und störungsfreien Druck verantwortlich war. Eine enorme Verantwortung! Eine enorme Belastung! Und das in einem Drei-Schichten-Modell. Peter Johannsen musste mit 42 Jahren feststellen, dass seine gut bezahlte Arbeit zunehmend deutliche Spuren in ihm hinterließ. Er litt unter Schlafstörungen, war nicht mehr belastbar, wurde immer dünnhäutiger, rastete auf den Fußballplatz wegen Schiedsrichterentscheidungen aus  und hatte  Konflikte in Ehe und Familie. Einmal lief seine Maschine nicht optimal. Er merkte es zu spät. 100.000 Bücher mussten in den Müll. Sein Schichtleiter ließ ihn krankschreiben. Er war am Limit.
Vor 15 Jahren traute ich ein Paar. Er arbeitete bei einer großen Handyzuliefererfirma in einem Vier-Tage- Modell. Sie arbeitete in einem Labor, in dem Hefe und Pilzkulturen für Milch und Käseprodukte hergestellt wurden: jedes zweites Wochenende hatte sie Dienst. Ich fragte die beiden: „Wie wollen sie bei so unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen gemeinsam ihre Zeit verbringen?“ „Das schaffen wir schon“, war die Antwort der beiden. Inzwischen weiß ich, dass die Ehe der beiden in die Brüche gegangen ist.
Eine Frau arbeitet als Wirtschaftsjuristin in einem großen, global operierenden Unternehmen in Süddeutschland. Ihre Aufgabe ist es, Verträge für Käufe und Verkäufe in Millionenhöhe juristisch „wasserdicht“ auszuarbeiten. Sie berichtete, dass sie mitunter nachts um 23.00h einen Anruf ihres Abteilungsleiters bekommt, um einige Passagen noch bis zum kommenden Morgen zu ändern. Nachtschicht. 2013 erreichte  sie am 23. Dezember die Aufforderung, die Verträge für einen 150 Millionen Deal auszuarbeiten. Einen Tag vor Heiligabend.
Vor zwei Wochen erzählte mir ein 24 jährige Biologiestudent von seinem Freund Andreas, der 27 jährig seit drei Jahren in einer erfolgreichen Software-Firma in Freiburg beschäftigt ist. „Der arbeitet jeden Tag 10-12 Stunden. An zwei Tagen in der Woche muss er in Stuttgart bei einem Auftraggeber die Programme einarbeiten. Vor zwei Jahren ging deswegen seine Beziehung in die Brüche. Seitdem kennt er nur noch Arbeit. Andreas hat nach 15 Monaten das erste Mal Urlaub genommen und kam zu mir nach Freiburg. Weißt du was: wir hatten keine Gesprächsthemen, über die wir uns hätten  unterhalten können. Dafür hat Andreas sich  jeden Abend die Kante gegeben. Alkohol ohne Ende. Das war mir zu viel des Guten. Für mich hat diese Freundschaft keine Zukunft.“
Vier Beispiele aus der Wirtschaft. Sie zeigen exemplarisch, wie wirtschaftliche Erwartungen und Anforderungen in alle Lebensbereiche hineingreifen.
Aber nicht nur in der Wirtschaft. Ein Oberarzt und Stationsleiter im Uni-klinikum berichtete, dass er 2005 auf seiner Station mit zwei Kollegen zusammengearbeitet hat. Es gab drei examinierte Schwestern pro Schicht. Jetzt seien sie halb so viele Ärzte und verfügen nur noch über eine examinierte Schwester. Dafür sei die Verweildauer von durchschnittlich fünf Tagen in 2005 auf unter 2,5 Tage gesunken, also mehr als doppelt so viele Patienten.  „Herr Große, bei uns dominieren betriebswirtschaftliche Vorgaben alles. Es geht immer nur um Wirtschaftlichkeit. Aber so kann und wird unser Gesundheitswesen nicht funktionieren. ……. Und wir arbeiten am Limit. Eigentlich über unserem Limit! Schauen Sie sich die Krankschreibungen unter Pflegern an. Die Rate ist enorm gestiegen.“  Ich muss ihm Recht geben. Der Pfleger, der mich 2008 nach meinem schweren Fahrradunfall  so liebevoll gepflegt hat, ist inzwischen berufsunfähig. Mit 55 Jahren.  Schwester Katharina von derselben Station ist mit 62 Jahren in Ruhestand gegangen. „Eigentlich wollte ich bis 65 arbeiten. Aber bei diesen Umstrukturierungen nehme ich die Abschläge in Kauf und entscheide mich für das Leben“. Eine Schwesternschülerin erzählt mir unter Tränen, wie es ihr auf der „Inneren“ ergangen ist. Es ist ein Gesundheitswesen, das krank macht.
In meiner Kirchengemeinde erzählte mir ein Busfahrer aus dem Nahverkehr, wie sehr sich das Betriebsklima verschlechterte, die Arbeitsbelastung durch die Zunahme an gewaltbereiten Fahrgästen stieg und gleichzeitig die Arbeitsverdichtung in einer Schicht zunahm.
Unseren Postzusteller, mit dem ich vor wenigen Jahren über das zurückliegende HSV-Spiel fachsimpeln konnte, sehe ich nur noch  von Haus zu Haus hasten. Seine Tour ist inzwischen fast doppelt so groß. Sein Arbeitstag verzeichnet einen erheblichen Stundenzuwachs.

Mit diesen wenigen Beispielen möchte ich verdeutlichen, dass nahezu alle Bereiche der Erwerbstätigkeit von einem Zuwachs des Arbeitsumfangs, der Arbeitsverdichtung, der Arbeitsbeschleunigung, der Arbeitsintensität und des Leistungsdrucks betroffen sind. Diese Entwicklung wird in einem hohen Maße befördert durch die neuen elektronischen, digitalisierten  Kommunikationstechniken. Immer online, jederzeit flexibel und überall erreichbar. Ein Abteilungsleiter in einer internationalen Spedition bekennt, dass er auch an einem freien Wochenende 20 -30 Mails und Anrufe entgegennimmt und  bearbeitet. Selbst die Freizeit ist nicht „freie“ Zeit. Mein Freund Rolf wird im Urlaub von seiner Frau auf den „Topf gesetzt“, weil er als  Finanzberater mal eben nebenbei ein paar Dinge am Smart Phone regelt.

Deutschland ist wirtschaftlich gut und gesund aufgestellt. Unter den westlichen Industriestaaten ist unser Land eines der ganz wenigen, das die Staatsverschuldung abbaut, ein stetiges Wirtschaftswachstum verzeichnet, eine in Relation zu europäischen Nachbarstaaten geringe Arbeitslosigkeit verzeichnet. Ohne Frage: die Ökonomisierung der Lebensbereiche zeigt  Früchte des Erfolgs.
Aber: zunehmend mehr Menschen leben am Limit ihrer Möglichkeiten.

Laut einer Umfrage  (Handelsblatt v.20.04.2014) beklagt die Hälfte der Arbeitsnehmer, dass sich ihr Arbeitsalltag in allen Bereichen deutlich beschleunigt hat. Die Arbeitsprozesse verändern sich ständig und sie werden dabei immer komplexer. Gleichzeitig  verfügt der Arbeitnehmer jedoch über immer weniger Zeit, die ihm gestellten Aufgaben angemessen zu bearbeiten.
Schließlich benennen Arbeitnehmer das Phänomen der Arbeitsverdichtung: also immer mehr Arbeit mit immer weniger Kollegen. (Siehe mein Bespiel zu Beginn der Vortrags).
Vor wenigen Tagen unterhielt ich mich mit einem Förster in Nordfriesland. Er erzählte von seinem Stress. Als Hauptgrund gab an, seine Arbeit habe sich in den vergangenen 10 Jahren enorm verdichtet. „Wie das?“ fragte ich. Früher, so der Förster, sei er im Büro oder im Wald gewesen. Jetzt habe er im Wald immer sein Büro dabei: „ Zur Zeit pflanze ich an verschiedenen Stellen in NF 40 Hektar Wald auf. Ich muss meine  Waldarbeiter jeden Tag neu einsetzen. Sie müssen ihre Arbeit möglichst zügig und effizient bewerkstelligen, sonst komme ich mit meiner Kostenkalkulation nicht hin. Aber während ich im Wald arbeite, klingelt ständig mein Handy. Waldbesitzer fragen mich, ob die Fördermittel bewilligt sind…. Ob ich bei ihnen Holz schlagen kann…. Wie z.Z. die Holzpreise sind und wenn diese gerade hoch sind, ob ich baldmöglichst die Bäume fällen kann. Dann muss ich ständig meine Termine im Kopf haben. Wann bin ich auf Amrum, wann in Husum? Welche Maschinen brauche ich wann und wo? Eigentlich bin ich gerade in Klanxbüll und soll dort aufforsten. Aber das Handy macht den Wald zum Büro. Während ich mich früher nur um den einen Vorgang der Aufforstung gekümmert habe, kann es jetzt sein, dass ich innerhalb von wenigen Stunden 6-10 Vorgänge parallel zu bearbeiten habe. Das meine ich mit Arbeitsverdichtung. Und immer der Druck, etwas übersehen zu haben.  Die Wochen vor Weihnachten sind am schlimmsten!“
Die Bundestherapeutenkammer verzeichnet für den Zeitraum von acht Jahren (2004-2012) den Anstieg der Krankschreibungen wegen eines Burn-Outs um 700%!! Immer mehr Menschen fühlen sich ruhelos und ausgebrannt.
Hinzu kommt es im modernen Berufsleben gerade durch Smartphones und Tablet-PCs zu einer Überlappung von Arbeit und Freizeit. Jeder dritte Befragte sieht sich dem Druck nach einer „Rund um die Uhr Verfügbarkeit“ ausgesetzt. Nicht nur das. Ich zitiere Miriam Meckel (Kommunikationswissenschaftlerin und Chefredakteurin der Wirtschaftswoche): „Ich kenne niemanden in meinem beruflichen Umfeld, der nicht sonntags anfängt zu lesen, sich vorzubereiten, Früher dauerte ein Wochenende von Freitagmittag bis Sonntagabend. Das ist eine paradoxe Entwicklung… , denn von der Verdichtung  und dem Tempo unseres Arbeitslebens, gab es keine Zeit, in der wir den Sonntag dringender gebraucht hätten als jetzt. Aber wir haben ihn abgeschafft und aus Effizienzgründen mit dem Samstag zusammengelegt“ (SZ v. 28. Nov 2015, S. 58).
Mag sein, dass es immer noch einen erheblichen Teil in der deutschen Bevölkerung gibt, die tatsächlich am Wochenende nicht oder kaum arbeiten. Aber: wie verbringen sie ihre Freizeit? Gehen sie nicht gerne an verkaufsoffenen Sonntagen shoppen, verbringen Stunden auf der Straße, um das Event oder die Attraktion 200 oder 380km entfernt zu besuchen? Sie fahren mit den Kindern in Freizeitparks in die Lüneburger Heide oder zum 50. Geburtstag des Freundes auf Sylt. Die Freizeitindustrie lockt mit attraktiven Angeboten. Die Wochenenden sind  dicht getaktet. Über eines verfügen die „freien“ Tage kaum noch: freie Zeit.
Interessant ist eine weitere, wissenschaftliche Beobachtung von einem Phänomen, das als „empathische Stress“ bezeichnet wird. Forscher aus Dresden und Leipzig konnten feststellen, dass Stress ansteckend sein kann. Entspannte Menschen, die anderen Menschen in einer angespannten Situation begegnen, verfallen selbst in Stress. Sie schütten das Stresshormon Kortisol aus. Welche Auswirkungen dürfte dieses Phänomen des sog. empathischen Stress auf Kinder haben, deren Eltern durch deren Berufsalltag unter „Dauerbeschuss“ stehen?

Der Mediziner Ulrich Renz(Autor von  „Die Tyrannei der Arbeit – Wie wir die Herrschaft über unser Leben zurückgewinnen“) formuliert  in einem Interview  )„SZ“ am 30.09.2013) die Ökonomisierung der Lebensbezüge aus der Perspektive der Unternehmen so: „ Der ökonomische Druck der Globalisierung, der auf Firmen lastet, wird an die Mitarbeiter weitergegeben. Dazu kommt die technologische Entwicklung, die dazu führt, dass Arbeit Besitz von unserem gesamten Leben ergreift. Gleichzeitig kommt es zu einer Spaltung der Gesellschaft: im niedrigqualifizierten Bereich des Arbeitsmarktes rackern sich die Menschen ab, prekär bezahlt, ohne jede Chance auf Aufstieg. Doch auch die gut Ausgebildeten, die einen guten Job haben, leiden unter der Tyrannei der Arbeit. …. Der Arbeitsplatz ist für uns zum Mittel geworden, uns einzubinden in die Gesellschaft, Anerkennung zu erfahren.“

 

Fazit

Diese Ringvorlesung   trägt die Überschrift: „Gesundheit, Alter und aktiver Lebensstil“.

Ich habe versucht mit meinem Vortrag  einen ganz eigenen Blick auf dieses Thema zu werfen. Es geht mir dabei um die entscheidenden, existentiellen Fragen:
Wie wollen wir leben?
Wollen wir so leben, wie wir leben?
Was müsste sich ändern, damit wir so leben, wie wir leben wollen?
Was ist gesund?
Was ist ein aktiver Lebensstil? Wie will ich einen solchen aktiven Lebensstil gestalten?
Letztlich steht dahinter auch die Frage: Verstehe ich mich als Subjekt meiner eigenen Lebensgestaltung oder bin ich eher Objekt der mich beeinflussenden, gesellschaftlichen Prozesse ?
Gestalte ich mein Leben selbst oder lasse ich mich bestimmen?

Im Christentum ist Freiheit  ein theologisch begründetes Grundaxiom menschlicher Existenz: „Für die Freiheit hat uns Christus freigemacht“ (Gal.5,1). Aufgabe der Theologie ist es daher, argumentativ alle offenen und subtilen Abhängigkeiten aufzudecken, zu reflektieren, um den Menschen zu seiner von Gott her begründeten Freiheit zu befähigen.
Als Pastor – das ist der besondere Reiz meines Berufes – bekomme ich Einblicke in nahezu alle Lebensbereiche. Als Theologe verstehe ich meine Verantwortung, die erlebte Lebensrealität kritisch zu reflektieren. Jeder Mensch ist eine einzigartige Persönlichkeit. Ein Geschöpf Gottes. Sein Ebenbild.  Theologisch betrachtet  ist er Subjekt. Subjekt seiner Lebensgestaltung. Zur Freiheit berufen! In Verantwortung vor Gott. Eine solche Verantwortung vor GOTT lässt sich jedoch nur wahrnehmen, wenn der Mensch „frei“ ist und sich nicht in Abhängigkeiten befindet.
Wo die Freiheit gefährdet ist, muss daher ihre Gefährdung benannt werden. Ohne moralische Zeigefinger, sondern sachlich und kritisch zugleich! Und zwar: um Gottes Willen!
Noch einmal: wie wollen wir leben?

Einmal taufte ich einen Konfirmanden als Punk mit seiner Ratte in der Lederjacke. Als ich ihn mit Wasser benetzte, hatte er Tränen in den Augen.  Hat er in diesem kostbaren Moment gespürt, dass er als einzigartiges  Subjekt  ganz und gar angenommen ist?
Wenn ich  den Kindern unserer Kita biblische Geschichten mit Puppen nahe bringe und mich dabei ganz in deren kindliche Erlebniswelt hineinbegebe, dann ist es ganz still und die Kinder sind gefühlt mitten drin: in der Geschichte. Mitgenommen ins „Land der Freiheit“.
Wenn Sie ihren Enkelkindern Bilderbücher vorlesen, wann bleibt die Zeit stehen? So als würde diese Einheit zwischen Ihnen und Kind und der inhaltlichen Handlung alle möglichen Störungen von außen abschirmen?
Was macht  Menschen für Sie vertrauenswürdig, dass Sie sie in bestimmten Lebenssituationen aufsuchen?
Warum gehen wir gerne am Meer spazieren und lauschen dem Rauschen des Wellenschlags?
Was geschieht mit uns, wenn wir ganz tief in die Handlung eines Romans eintauchen?
Wieso kommen wir zur Ruhe und bekommen den Kopf frei, wenn wir 6km durch den Wald laufen?

Es sind gerade diese Momente, die keinem (ökonomischen) Nutzen unterliegen. Momente, in denen etwas geschieht, weil wir es geschehen lassen. Momente, in denen die Zeit als erfüllte Lebenszeit erfahren wird. Momente in den wir uns getragen wissen. Momente, die nicht nach Nützlichkeit fragen und die deswegen Freiheit atmen.

In solchen Momenten spüren wir uns selbst. Dann sind wir nicht fremdbestimmt. Dann sind wir frei.
Ein Leben, das möglichst viele solcher Momente zulässt, empfinde ich als gesund.
Nicht erst im Alter, sondern zu jeder Lebenszeit.

Zum Abschluss ein Beispiel  aus meiner pastoralen Praxis:

In den vergangenen Wochen besuchte ich mehrmals eine 87 jährige Sterbende im städtischen Krankenhaus. Bei meinem letzten Besuch, blieben ihre Augen geschlossen. Sie lag lebenssatt im Bett und war nicht mehr in der Lage zu reden. Ich blieb eine halbe Stunde. Ich wusste, die Frau hatte zeitlebens gerne und viel gesungen. Also sang ich mehrere Lieder. Ein Lied hatte folgenden Text: „Der Lärm verebbt, die Last wird leicht. Es kommen Engel und tragen mit. Gott segne alle, die dir vertrauen. Gib Nacht und Ruhe, wo man heut litt.“ Als ich „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen begann, bewegten sich ihre Lippen. Sie sang lautlos mit.
Die Sterbende und ich erlebten  einen ganz besonderen Moment, in dem die Zeit stehen zu bleiben schien.  Als ich sie zum Schluss segnete und dabei meine Hand auf ihre Stirn legte, blieb ich eine Weile stehen.
Und dann flüsterte die Gesegnete „Amen, amen, amen“.
Was war da passiert:

Zwei Menschen teilen Zeit.
Die eine an der Schwelle!
Subjekt – im Sterben noch!
Auf dem Weg!
Zuspruch und Zuwendung!
Ein Moment – voller Leben!
Von guten Mächten wunderbar geborgen!

Aufbruch – immer noch!
Freiheit!

Leben, frei von ökonomischem Nutzen und Erwartungen.
Und gerade deswegen: LEBEN!

 

Danke für ihre Aufmerksamkeit!