Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Das Ich denken und fühlen.

Denken und Fühlen zeichnen uns aus. Wir verbringen unser Leben damit. Und können nicht anders. Wir denken z.B. erstaunlich viel über andere Menschen nach: warum machen die Nachbarn heute so viel Krach, warum sind sie so früh auf, haben sie sich mit dem neuen Auto übernommen? Wir denken über unser Leben nach. Wie sieht der Tag morgen aus? Werde ich gerecht behandelt? Gehe ich gut mit meinen Freunden um? Dabei schleichen sich natürlich Gefühle ein. Denken ohne Gefühle ist selten. Meist denken wir aufgrund von Gefühlen. Freude, Lust, Unlust, Trauer, Unsicherheit, vielleicht auch Neid oder Hass können uns zu Gedanken über uns und andere führen.

Wir kommen gar nicht aus dem Denken und Fühlen heraus. Sie machen uns aus. Wenn wir „ich“ sagen, sind das Denken und Fühlen dabei, begleiten unsere Ich-Werden, machen es aus, ohne Denken und Fühlen kein ICH. Ich denke, also bin ich, hat Descartes gesagt. Ergänzen müssen wir mindestens: Ich denke und ich fühle, also bin ich.

Mich fasziniert das Denken. Weil immer neue Welten erschlossen werden, durch neue Gedanken – wenn ich in einer schwierigen Lage merke, dass es einen ganz neuen Zugang gibt, eine Lösung gibt, auf die ich bisher nicht gekommen bin und die ich jetzt durchdenken darf. Mich beeindruckt das Fühlen, wenn mir tief aus dem Inneren mein Körper signalisiert, da ist noch eine weitere Ebene, du hast gedacht, aber noch nicht gefühlt. Da ist Ärger, zum Beispiel, der mir den Weg weist, um mich deutlicher abzugrenzen.

 

Aber erlauben Sie mir eine Unterbrechung mit einer Probefrage: Was würden Sie sagen, wenn Sie Ihrem Nachbarn oder Ihrer Nachbarin alles erzählen würden, was Sie im Moment denken und fühlen, würde diese oder dieser Sie erfassen, würde er oder sie wissen, wer Sie sind, könnte man Sie wirklich verstehen?

 

Ich möchte über zwei Bewegungen reden, die wir mit unserem Denken und Fühlen leisten, um ein Ich zu werden. Die erste Bewegung ist ein Schließen und Verschließen, die andere Bewegung ist ein Öffnen.

Zunächst zum Schließen. Das Schließen stellt Sicherheit dar, Verborgenheit und Privatheit, aber auch eine Grenze, die fremden Zugang abwehrt.

Bin ich in meinem Denken und Fühlen verschlossen? Bin ich mir also selbst ausgeliefert? Zunächst scheint die Antwort „ja“ zu sein. Ich kann nicht aus meinem Denken und Fühlen, aus meinem Ich heraus. So lange ich lebe, werde ich die Dinge so sehen, wie ich sie sehe, wie ich sie fühle. Selbst in den einfachsten Fragen merken wir, dass wir unterschiedlich fühlen und denken. Wir sind an unsere Perspektive gebunden. Selbst bei den engsten Freunden, nächsten Familienmitgliedern und intimen Partnerinnen und Partnern spüren wir Differenz, sie denken und fühlen anders, sie verstehen uns nur bedingt, manchmal gar nicht. Letztlich sind wir alleine. Bei einer guten Bekannten hängt ein Bild, das eine Frau zeigt, die alleine steht. Verschwommen und nur leicht konturiert, steht die Frau in rotem Gewand mit dem Rücken zum Betrachter. Als wir mal über die Deutung des Bildes sprachen, sagte mir die Freundin, die ich für ihre Lebensklugheit in Beziehungsfragen sehr schätze: Wir sterben alleine. Ich zuckte zusammen. Alleine denkend und fühlend zu sterben – das forderte mich. Da sagte sie weiter Und wir dürfen uns schon jetzt mit unserer Einsamkeit versöhnen.

Und sie hat recht. Für die Theologie ist diese Erfahrung grundlegend. Ja, die Anfänge der Religion liegen meines Erachtens in der Erfahrung der Grenzen des eigenen Ich, des Nicht-Herauskönnens aus dem eigenen Denken und Fühlen. Auch vielleicht des Leidens an diesen Grenzen.

 

Zugleich erleben wir auch Öffnung und Begegnung. Berührungen können von anderen kommen, anderen Menschen oder Tieren oder der Natur. Die Berührung eines Menschen tief in meinem Inneren ist eines der schönsten Erfahrungen der Zärtlichkeit und Authentizität, die uns begegnen können. Momente des Gemeinsamen sind unbeschreiblich bereichernd. Und manchmal begegnet mir im Denken und Fühlen der Zuspruch: Du bist gut – in Ordnung. Du darfst sein, so wie Du bist. Dann kann ich mich öffnen und fallen lassen.

 

Wie können wir das Verschließen und das Öffnen bewusst erleben?

Kluge Menschen sagen, indem wir uns bewusst werden, dass wir atmen. Fast schon unverschämt simpel und schlicht, aber tiefgründig. Der Atem ist Lebensspender. Wir erhalten Sauerstoff, geben CO2 ab, das Blut trägt den Erfolg jedes Atemzugs in die einzelnen Winkel unseres Körpers. Bildlich gesprochen ist das Atmen eine Erneuerungsbewegung. Wir atmen ein und erhalten neue Perspektiven, neue Hoffnung, neue Sichtweisen. Wir atmen aus, lassen Altes los, geben Verbrauchtes ab. In jedem Atemzug nehmen wir unbewusst, reflexartig an der Erneuerung des Lebens teil, lassen uns durch die leiblichen Prozesse immer wieder neu auf das Leben ein.

In besonders aufregender Weise sprechen Religionen vom Atem. In der Bibel, genauer gesagt in der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments finden wir die bildhafte Beschreibung der Erschaffung des Menschen aus Staub, in den der göttliche Atem eingehaucht wird.

So heißt es in Genesis 2,7: „da bildete Gott, der HERR, den Menschen, aus Staub vom Erdboden und hauchte in seine Nase Atem des Lebens; so wurde der Mensch eine lebende Seele.“ Eine zauberhafte Darstellung, die mich elektrisiert.

Durch den Atem nehmen wir teil am Göttlichen; das Göttliche als Kreativität, Erneuerungskraft. Der Atem ist ein Bild für den göttlichen Geist. Durch die Fokussierung auf den Atem kann man sich der eigenen Lebenskraft bewusst werden. Das Denken wird heruntergefahren, das Fühlen hochgefahren.

 

Ich will aber zum Schluss kommen. Das Kennenlernen unseres Ichs ist eine Abenteuerreise. Wir können ungeahnte Höhen und Tiefen dabei erleben. Oder wir bleiben beim Atem, der kommt von selbst und versorgt uns mit neuen Gedanken und Gefühlen.

Ich wünsche uns ein Abend des Durchatmens. Vielen Dank.