Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Das ICH aus pädagogischer Perspektive

Ich, ich, ich – Ist das das Zentrum, um das unser ganzes Denken und Tun kreisen? Leben wir in einer reinen Ego-Welt?

Auf dem Cover des Romans „Ego“ von John von Düffel prangt in der Mitte ein durchtrainierter Bauchnabel und darüber eine Sixpack-Männerbrust, zugleich passendes Leitmotiv eines Romans, der den egomanen Helden unserer Zeit zu beschreiben versucht, einen Turbo-Egoisten im Fitness- und Karrierewahn. Der Nabel seiner Welt sind Körper, Karriere und Erfolg. Doch hinter der egozentrischen Fassade ist der Romanheld ein Getriebener, Gehetzter.

Die Literatur kennt noch mehr Egomanen:

Goethes Werther offenbart in seinem Brief vom 8. Juli seine Egozentrik: „Ich suchte Lottens Augen: ach, sie gingen von einem zum andern! Aber auf mich! Mich! Mich! Der ganz allein auf sie resigniert dastand, fielen sie nicht! – Mein Herz sagte ihr tausend Adieu! Und sie sah mich nicht! Die Kutsche fuhr vorbei, und eine Träne stand mir im Auge. Ich sah ihr nach und sah Lottens Kopfputz sich zum Schlage herauslehnen, und sie wandte sich um zu sehen, ach! Nach mir?“

Sicher ist, dass der Mensch grundsätzlich über ein hoch entwickeltes Ich-Bewusstsein verfügt und dadurch über einen höchst subjektiven Blick auf die Welt. Die Folgen sind ambivalent. Diese „Erste-Person-Perspektive“ kann Selbsterkenntnis, Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl bedeuten, aber eben auch Eigenliebe, Egoismus, Egozentrik.

In modernen Gesellschaften wird das Individuum immer radikaler in den Mittelpunkt gerückt als in früheren. Dieser Kult um das Ich könnte zu immer mehr Egoismus und Rücksichtslosigkeit führen: Ich-AG statt Wir-Gefühl? Narzissten, also Selbstverliebte, dominieren scheinbar die Welt, zumindest die Welt der sozialen Medien, sie stellen sich in „sozialen Netzwerken“ wie Facebook, Twitter, Instagram öffentlich dar, sie posten, wo sie gerade sind, was sie gerade tun, wie sie sich gerade fühlen, sie fotografieren sich unentwegt mithilfe so genannter Selfies selbst. Narzissten können sogar Präsident werden.

Allen Narzissten gemeinsam ist ein übersteigertes Selbstwertgefühl, ein grenzenloses Gefühl der eigenen Bedeutung, der Glaube, nur von besonderen Menschen verstanden zu werden, ein ständiges Verlangen nach übermäßiger Bewunderung, ein erschreckender Mangel an Empathie. Narzissten beeindrucken zwar ihre Mitmenschen durch ihren grandiosen Auftritt auf der Bühne des Lebens. Aber hinter einer glänzenden Fassade verbirgt sich oft eine brüchige Existenz. Narziss, der Jüngling aus der griechischen Mythologie, der sich in sein eigenes, im Wasser gespiegeltes Bild verliebte, konnte es nicht erreichen und ging daran zugrunde.

Natürlich haben wir auch in den Schulen kleine Egozentriker, sogar zunehmend. Andererseits, und das bereitet mir viel mehr Sorgen, ist aber gerade unter vielen Jugendlichen gegenwärtig ein fatales Schwinden des Selbstwertgefühls zu beobachten, eine Zunahme des Zweifels an sich selbst, des Zweifels an ihrem Selbstwert, hervorgerufen durch Tendenzen in ihrer sozialen Umwelt wie immer höher geschraubte Anforderungen und Erwartungen, Körperkult, Ausgrenzung durch Mobbing usw. Manche Schüler erleben in der Schule Isolation, haben Probleme mit Klassenkameraden, leiden unter Schulängsten, unter Schulstress durch zu hohen Leistungsdruck, verbunden mit Konkurrenzkampf, mangelnder Kooperation und Angst. Es entstehen, gar nicht nur vereinzelt, Erkrankungen wie Zwänge, Ängste, Magersucht, Depressionen.

Wenn man den Uraltspruch „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“ ernst nimmt, dann muss es in der Schule neben der Aneignung intellektueller Fähigkeiten vor allem auch um emotionale und soziale Fertigkeiten gehen, um Einstellungen und Werthaltungen, kurz um Persönlichkeitsbildung.

Eine wesentliche Aufgabe jeder Erziehung, auch und gerade in der Schule, muss darin bestehen, die soziale Kompetenz der Kinder zu fördern durch gegenseitige Wertschätzung, durch einen sicheren Rahmen, durch die Verhinderung von Druck und Angst, durch Solidarität und Übernahme von Verantwortung für die Gemeinschaft, die Jugendlichen also zu befähigen, sowohl das eigene Tun und die eigenen Gefühle zu reflektieren als auch die Gefühle der anderen zu achten. Gleichzeitig gilt es, die Jugendlichen in ihrem Ich-Bewusstsein, in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken. Wer sich selbst mag, fühlt sich sicher und kann auch positiv auf andere zugehen. Die Entwicklung eines stabilen „ICHs“  gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Persönlichkeitsentfaltung.

Ins Zentrum schulischer Erziehungsarbeit gehört deshalb die Entwicklung der Jugendlichen zu kritischen und selbstbestimmten Individuen, die ihre Lernbiographie und ihre Persönlichkeit eigenständig und gemäß ihrer Begabungen individuell und lebenslang zu entwickeln in der Lage sind. Eine starke Persönlichkeit ist gleichzeitig immer auch wichtiger Teil einer Gemeinschaft und interagiert mit ihrer Umwelt und ihren Mitmenschen. Eine wahre und starke Gemeinschaft erweist ihre Kraft vor allem auch durch ihre Fähigkeit zur Integration, zum Beispiel von Einzelgängern und scheinbar Ausgeschlossenen.

Jedes Ich sollte die Chance nutzen, einmal die Perspektive zu wechseln, Neues, Ungewohntes, Anderes zu entdecken, den Blick auf die Dinge zu verändern. Veränderung beginnt grundsätzlich bei einem selbst. Veränderungen zu wagen, auch veränderte und neue Sichtweisen einzunehmen, bedeutet Anstrengung, Arbeit an sich selbst, aber auch Überraschung, die positive Erfahrung, Veränderungen, Perspektivwechsel und damit zusammenhängende Toleranz anderen Menschen, Andersdenkenden, Anderslebenden gegenüber als etwas sehr Positives und Wichtiges zu erleben. Eine Einstellung, die in unserer leider unsicherer gewordenen Welt, in der ein Verlust an Orientierung, an Konsens, an Werten, an Sicherheit droht, immer entscheidender wird. Eine Einstellung aber, die den jungen Menschen auf ihrem weiteren Weg zugutekommen, ihnen helfen wird, sich in einer zunehmend komplexen und individualisierten Gesellschaft zurechtzufinden, und die sie zum gesellschaftlichen Engagement befähigen und vor allem ermutigen wird. Solche Werte bilden einen wichtigen Orientierungsrahmen bei der Entwicklung zu einer starken, autonomen Persönlichkeit.

Das autonome Ich ist für mich gekennzeichnet durch: eine eigenständige und emanzipierte Persönlichkeit, ein gesundes kritisches Selbstbewusstsein, durch ein erfolgreiches Selbstmanagement und durch kreative Leistungsfähigkeit, aber auch durch bewusste und fördernde Einordnung in die Gemeinschaft, durch die Bereitschaft, mit eigenen Ideen in die politische und gesellschaftliche Diskussion einzugreifen und den eigenen Standpunkt zu vertreten. Identität mit sich selbst als Individuum, mit dem, was man ist und was man tut, und zugleich Identität mit der Gemeinschaft zu schaffen, sind die Aufgaben unserer Gesellschaft und vor allem auch der Schule.