Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Das christliche Menschenbild als Grundlage ethischer Entscheidungen

Dr. Kord Schoeler

Gliederung:

I.      Ethik als Verständigung über menschliches Verhalten

II. Das christliche Menschenbild gibt es nicht – Wandlungen des christlichen Denkens über den Menschen.
II.1.      Die Anpassung der christlichen Anthropologie an das Denken der Zeit.
II.2.      Beispiele

III.     Grundgegebenheiten für jedes christliche Menschenbild
III.1.      Der Mensch ist Mensch in Beziehung und Austausch.
III.2.      Der Mensch ist Bild Gottes.
III.3.      Der Mensch entspricht nicht seinem Wesen.
III.4.      Beispiel: Der Wille

IV.      Beispielhafte Folgerungen
IV.1.      Die Seele und die Person in Beziehung
IV.2.      Angewiesensein
IV.3.      Selbstbestimmung

I. Ethik als Verständigung
Was sollen wir tun? Wie sollen wir uns zueinander und zu uns selbst in der Welt, in der wir leben, verhalten. Auf diese Fragen antwortet die Ethik.
Die Antworten liegen nicht ein für allemal fest. Es wandeln sich die Umstände, unter denen wir leben, unsere Möglichkeiten und Einschränkungen, es wandelt sich die Art, wie wir Dinge auffassen und uns darüber austauschen, es wandelt sich deshalb auch stets unsere Sprache. Zu unterschiedlichen Zeiten – seien es Lebensalter, seien es Zeitalter – halten wir unterschiedliche Dinge für erstrebenswert. Überwältigende Ereignisse, Katastrophen oder Bewegungen in unseren Gesellschaften, wälzen unsere Lebensbedingungen um. Unser geistiges Leben weicht gern von seinen bisherigen Bahnen ab. Dies alles bringt mit sich, dass wir uns über eine Antwort auf die Frage danach, was wir tun sollen, immer neu verständigen müssen und diese Verständigung heutzutage auch rege betreiben. Wir leben nach einer Diskursethik, die im Gespräch einen Konsens sucht.

Man mag annehmen, dass im Rahmen des christlichen Glaubens einer Ethik doch einiges vorgegeben sei, worüber nicht zu diskutieren wäre. Tatsächlich nehmen wir aber nicht einmal die Zehn Gebote aus unserem Gespräch, das die Ethik entwickelt, aus. Selbst das Verständnis von der Geltung z. B. des Ersten Gebots („Ich bin der Herr, dein Gott … du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ Exodus 20,2+3) unterliegt in der Geschichte einem erheblichen Wandel. Während wir etwa die Geltung des Fünften Gebots („Du sollst nicht töten!“ Ex. 20,13) mit einer Strafandrohung untermauern, haben wir auch als evangelische Kirche heute nichts mehr gegen den Gedanken der Religionsfreiheit. Dabei übernehmen wir einen aufklärerisch-liberalen Gedanken, der nicht in der Kirche erwacht ist, sondern in weltlicher Philosophie und Gesellschaftstheorie.
Ich halte das für richtig so, auch wenn es uns irritieren mag, wir sollten uns bewusst sein, dass wir als Christen schon immer ebenso denken, wie die meisten zur Zeit denken und dass wir mit unseren auch nichtchristlichen Zeitgenossen immer schon im Gespräch sind und auch unser ethisches Urteil von diesem Gespräch prägen lassen.
Solch ein suchendes Gespräch führt immer dann nicht in Beliebigkeit, wenn wir die Kriterien unserer religiösen Tradition und das heißt insbesondere des biblischen Zeugnisses in das Gespräch einbringen.

II. Das christliche Menschenbild gibt es nicht
Moralische Fragen sind „ernste Fragen“, schreibt Gernot Böhme, insofern „bei deren Entscheidung immer zugleich mit entschieden wird, was für ein Mensch man ist bzw. wie man als Mensch ist“ (Gernot Böhme: Ethik leiblicher Existenz. Über unseren moralischen Umgang mit der eigenen Natur, Frankfurt am Main 2008, S. 233, s.a. S. 71f). Will man z. B. hirntoten Menschen ein Organ entnehmen, muss man zuvor entschieden haben, ob er hirntot, aber mit funktionierendem Blutkreislauf, als tot zu gelten hat. Man muss in dieser Hinsicht sich darüber verständigt haben, was uns als lebenden Menschen ausmacht, was zum Beispiel das schlagende Herz für uns bedeutet.
Deshalb haben wir an den Beginn unserer Reihe über „Menschliches Leben – Ethische Herausforderungen“ einen Abend gesetzt über die Frage: Was ist denn der Mensch? Was macht ihn als Menschen aus? Von welchem Bild gehen wir, und zwar als evangelische Christen, aus, wenn wir uns z. B. über Fragen der Organspende Gedanken machen.

II.1. Die Anpassung der christlichen Anthropologie an das Denken der Zeit.
Ein einheitliches christliches Bild vom Menschen gibt es so wenig wie es eigentlich ein christliches Weltbild gibt. Es gibt zwar einige wenige Gegebenheiten, die sich in jedem Bild vom Menschen wiederfinden müssen, damit es ein christliches genannt werden kann. Diese Gegebenheiten werde ich später nennen. Aber zunächst finde ich es wichtig wahrzunehmen, dass das Denken, Beten und Erzählen, das sich im Alten Testament und in den christlichen Zeugnissen ab dem Neuen Testament niederschlägt, von einer Reihe sehr unterschiedlicher Bilder vom Menschen geprägt ist.
Die Zeugen des Glaubens denken nämlich von der Welt und vom Menschen, vom Menschen in Beziehung zu Gott und damit teilweise auch von Gott unter den gleichen Voraussetzungen, wie es die meisten Menschen ihrer Zeit tun. Natürlich beeinflusst auch der Glaube das Denken. Aber ein rein vom Glauben her theologisch entwickeltes Welt- oder Menschenbild hat es nie gegeben.
Dieser Umstand ist deshalb besonders bemerkenswert, weil er besonders Fragen betrifft, die wir gegenwärtig in Blick auf unser menschliches Leben zu bedenken haben.

II.2. Beispiele
Ich möchte das verdeutlichen am Wandel im Verständnis von Leib und Seele. In der Frühzeit der alttestamentliche Zeugnisse, also sicher noch um das Jahr 800 vor Christus, hätten die Menschen nicht gewusst und wohl auch nicht verstanden, was wir meinen, wenn wir „Seele“ sagen, vor allem Seele im Unterschied zum Körper. Hermann Schmitz beschreibt die heute weithin übliche Seelenvorstellung so, dass die Seele ein irgendwie einheitlicher „Verband aller Erlebnisse eines Menschen sei“, den man vom Körper, der auch als Einheit begriffen wird, unterscheiden kann. Dabei gehöre diese Einheit, die alle unsere Erlebnisse verbindet, in eine Innenwelt, die man von der Außenwelt unterscheiden müsse. Wir verstehen die Seele zugleich oft als unsere Innenwelt selbst, die unseren Erlebnissen als Gefäß dient (Hermann Schmitz: Der unerschöpfliche Gegenstand. Grundzüge der Philosophie, zweite Auflage, Bonn 1995 S. 17 ff). Für oder gegen dieses Verständnis ist theologisch wenig zu sagen, aber in der Frühzeit des Alten Testaments hat man wie in der ganzen vorderasiatischen Kultur und Welt von der Seele ganz anders gedacht.

Zum einen hat man die Seele nicht wie wir vom Leibe unterschieden. Aus den Psalmen kennen Sie den Vers „Lobe den Herrn, meine Kehle!“ (Psalm 103,1f; 104,35b). Luther übersetzt, wie Sie wissen, „Lobe den Herrn, meine Seele!“, und diese Übersetzung ist ebenfalls ganz richtig. Im Hebräischen meint das Wort näfäsch „das sichtbare Organ Kehle,“ aber „auch die hörbare, rufende, krächzende oder jodelnde Kehle und die begierige, nimmersatte, hungrige und durstige, verschlingende oder nach Luft schnappende Kehle … Die näfäsch wird zum Symbol des bedürftigen, begehrenden Menschen. Sie steht für den élan viltal, jene Kraft, die ihn zu einem nach Leben lechzenden Wesen macht“ (Silvia Schroer/Thomas Staubli: Die Körpersymbolik der Bibel, Darmstadt 1998, S. 62). Die ruach geht dort ein und aus, die sowohl den materiellen Atem, als auch die Seele bedeutet.
Man könnte nun, wie Schroer und Staubli es tun, die Organe des Körpers durchgehen und zeigen, wie in dieser Zeit der Antike etwa das Herz eines „mit Verstand“ ist (a.a.O. S. 45), wie Barmherzigkeit unmittelbar mit Bauch und Mutterschoß verbunden ist (a.a.O. S. 75ff), wie Gefühlsregungen, Gedanken, Wahrnehmungen und Stimmungen, die wir in die Seele zu verorten gewohnt sind, als Regungen des Leibes wahrgenommen worden.

Zum anderen hat man damals das „Seelische“ nicht in eine Innenwelt verlegt, die man von einer Außenwelt unterschieden hätte. Auch wir tun das heute ja nicht ganz und gar. Wenn wir z. B. sagen „mich packt der Zorn“ oder „mich ergreift eine Abneigung“, so beschreiben wir unser Gefühl oder auch eine Streben, etwas, das uns treibt, als Gegebenheiten, die wie von außen an uns herantreten. Selbst im saloppen „ich krieg ne Krise“ müssen wir die unangenehme Regung „von außen“ hinnehmen. In der frühen Antike hat man das sehr viel folgerichtiger so gesehen: „wenn in früherer Zeit … ein Seelengedanke aufzutreten scheint, handelt es sich … um ein Konzert von Partialseelen oder, besser gesagt, von nicht integrierten Regungsherden“ (Schmitz: a.a.O. S.18). Eros ist in diesem Verständnis ein den Menschen „treibender Gott“, nicht ein „Trieb in der Seele des Menschen“ (a.a.O. S. 19).
Was damals als „Dämon“ aufgefasst  wurde, der einen Menschen ergreift, sehen wir heute zumeist als Komplikation in der Seele desselben Menschen – obwohl, dies sei angemerkt, auch heute Menschen etwa eine schwere Depression als etwas schildern, was wie an sie herantritt.
Weder das eine, noch das andere Denken über das Verhältnis von Leib und Seele verdient, glaube ich, theologisch einen eindeutigen Vorzug.
Wenn wir also z. B. fragen, inwieweit das schlagende Herz eines hirntoten Menschen seine Seele, sein Leben betrifft, haben wir kein eindeutiges christliches Menschenbild, das uns Antwort gäbe. Wir müssen uns verständigen.

III. Grundgegebenheiten für jedes christliche Menschenbild
Gleichwohl können wir den Menschen nicht in jeder beliebigen Weise betrachten. Es gibt Gegebenheiten, die in jedem Bild vom Menschen berücksichtigt sein müssen.

III.1. Der Mensch ist Mensch in Beziehung und Austausch.
Und Gott, der Herr baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch … Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. (Genesis 2,22-24)
Dies ist nur ein Text von sehr vielen, die zeigen, wie die biblischen Zeugen den Menschen denken: als Person und das heißt als Partner in Beziehungen. Den Mensche gibt es nur und ein Mensch ist nur er selbst in personalen Beziehungen, im Austausch mit einer anderen Person. Er ist ein Wesen in Kommunikation.
Besonders zeigt die kurze Stelle aus der Genesis, wie diese Wesensart bis ins Leibliche hinein geht. Der Mensch nimmt die Beziehung ausdrücklich auf, indem er spricht: „Das ist doch …“ Aber die Beziehung rührt her aus leiblichem Austausch und strebt in leibliche Kommunikation, indem sie die erotische Anziehung und Zusammengehörigkeit begründet. Ähnlich hat, wie Böhme ausführt, „Aristophanes in Platons Dialog Symposion die Liebe erklärt: Sie ist die Sehnsucht nach der anderen Hälfte. Der souveräne Mensch wird sich deshalb in der Geschlechtlichkeit in seiner Relationalität verstehen. Er ist, was er ist, nicht in sich, sondern in Bezug auf den anderen, er ist also nicht autark, sondern nicht nur in seiner Subsistenz, sondern auch in seiner Essenz, seinem Was-Sein auf andere Menschen angewiesen“ (Böhme: a.a.O. S. 192).

III.2. Der Mensch ist Bild Gottes.
Jener Schöpfungsbericht, der diesem in der Genesis vorausgeht, verdeutlicht, wie der Mensch deshalb ein kommunikatives Wesen ist, weil Gott ebenso ist.
Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei … Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. (Genesis 1,26f)
„Gott schuf den Menschen“ ist gleichbedeutend mit „er schuf sie“. Den Menschen  gibt es nicht für sich und allein, sondern nur in Beziehung, und zwar in Beziehung zum anderen Menschen und zu Gott.
Darin ist er Gott ebenbildlich, dass er in Beziehungen ist. Denn Austausch ist schon in Gott selbst: „Lasset uns Menschen machen!“ Unter anderem in diesem Sinn wird später der Evangelist Johannes dichten:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Johannes 1,1

Durch die Einsicht in diese wesentliche personale Bezogenheit des Menschen wird jedes christliche Menschenbild vom Gottesbild geprägt.

III.3. Der Mensch entspricht nicht seinem Wesen.
Jedes christliche Menschenbild ist geprägt von der Einsicht, dass der Mensch seinem Wesen nicht entspricht. Man sieht ihm Gott nicht an, insofern man ihm seine Gottebenbildlichkeit nicht ansieht. Was ihn zum Menschen macht, nämlich das Leben in personalen Beziehungen, macht ihm sichtlich Schwierigkeiten. Es gehört ja zu den entsetzlichsten Unsinnigkeiten, die wir täglich erfahren, dass Menschen dauernd zerstören, was ihr Leben eigentlich aufbaut: die guten Beziehungen zu den Menschen ihrer Umgebung, zur Lebenswelt, in die sie eingebettet sind, und nicht zuletzt – was besonders unser Thema betrifft – zum eigenen Leib.
Eberhard Jüngel hat in Blick auf uns doch so beziehungsbedürftige Menschen von einem „Drang in die Verhältnislosigkeit“, und weil wir offenbar gar nicht anders können, vom „Zwang zum Drang in die Verhältnislosigkeit“ gesprochen (Eberhard Jüngel: Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christliche Glaubens. Eine theologische Studie in ökumenischer Absicht, 3., verbesserte Auflage, Tübingen 1999, S. 95f). Tatsächlich leben wir nicht, was uns wesentlich ist.
Nun betrifft dieser „Zwang“ nicht alle unsere Regungen und Lebensäußerungen. Vieles an uns ist gut und lebensförderlich, man kann daran unsere Gottebenbildlichkeit erahnen. Aber für unser Thema ist wichtig, dass etwas, was wir tatsächlich an uns feststellen, uns nicht bereits deshalb auch wesentlich ist.

III.4. Beispiel: Der Wille
Ich möchte Ihnen das am Beispiel des Willens vorführen.

Nichts möge, sagen wir heute allgemein und wie selbstverständlich, gegen den Willen eines Menschen geschehen. Kann ein kranker Mensch seinen Willen nicht mehr äußern, finden wir es verunsichernd und bedrohlich. Es verunsichert diejenigen, die sich dann um ihn kümmern, und stellen wir uns seine Lage für uns selbst vor, so schreckt uns der Gedanke, wir könnten anders, als wir es dann vielleicht wollten, behandelt werden.
Um dem vorzubeugen versuchen viele, mit Patientenverfügungen sich vorzustellen,  was sie in einem solchen Fall wollen würden, und legen diesen Willen dann als Projekt für den möglichen Fall in der Zukunft fest.
Ich möchte das hier nicht bewerten, aber darauf hinweisen, wie wir z. B. in dieser Sache unseren Willen für eine Instanz halten, der wir unbedingt Geltung verschaffen müssen,  als sei der Wille eine Regung, auf die wir uns immer zu unserem Guten verlassen können.
Dabei wissen wir: unser Wille ist nicht immer gut. Wir wollen oft auch das Falsche. Das christliche Menschenbild bestärkt uns, diesen Umstand gelassen wahrzunehmen. Es hat deshalb Zeiten gegeben, die unsere Höchstschätzung des Willens gar nicht hätten nachvollziehen können. Manche hätten eingewandt, der Wille müsse zumindest von unserer Vernunft kontrolliert werden, gelegentlich hat man den Willen insgesamt für etwas gehalten, dem man gerade in  geistlicher Hinsicht nicht Folge leisten oder den man zumindest einer Autorität unterwerfen sollte. Und die frühe Antike hatte sowenig einen Begriff für unser Wort „Wille“ wie für „Seele“. Auch was den Menschen wie der Wille antreibt, verstand man damals eher als Kräfte, die auf den Menschen in der Ganzheit mit seiner Umgebung einwirken.
Entscheidend weist das christliche Verständnis vom Menschen uns jedenfalls darauf hin, dass unser Wille unserem Wesen entgegen sein kann.

IV. Beispielhafte Folgerungen
Die so skizzierte christliche Anthropologie kann auf dem Feld der Ethik Gedanken- und Gesprächsgänge nur anstoßen. Beispielhaft möchte ich hierzu einige wenige Hinweise und Anregungen geben.

IV.1. Die Seele und die Person in Beziehung
Wir müssen den Menschen immer in Beziehung begreifen. Er steht in Beziehung zu seinem eigenen  Leib, zu den Menschen, die mit ihm leben, zur natürlichen Umgebung, in die er eingewoben ist, und zu Gott. Aus diesen Beziehungen stammt er, daraus rührt, was ihn ausmacht. Vielleicht können wir z. B. unseren Willen wirklichkeitsgetreuer fassen, wenn wir begreifen, dass er ein Antrieb ist oder als Widerwillen eine Abwehr, die aus der Gesamtheit unserer Beziehungen erwachsen, über die wie auch nicht verfügen können. Wir können ihn leichter hinnehmen etwa im Sinne der oben genannten „Abneigung“, die uns „ergreift“.
Wir können uns das verdeutlichen an einer verbreiteten Regung, die oft im Zusammenhang mit dem Thema „Patientenverfügung“ eine Rolle spielt: Viele wollen nicht in Krankheit oder Altersgebrechen auf die Hilfe anderer angewiesen sein.

IV.2. Angewiesensein
Mit diesem Willen stehen sie nicht allein. Ich halte es in unseren westlichen Gesellschaften für eine der machtvollsten Regungen. Auf andere angewiesen zu sein, gilt als Einschränkung, die man vermeiden sollte, als Makel, als Verlust, als Problem.
Wir verkennen damit unser Wesen. Hier treibt uns ein Wille, dem wir nicht nachgeben sollten, den wir auch gar nicht hochschätzen sollten.
Gerade an unserem Leibe erfahren wir, dass wir die Teilnahme des anderen Menschen brauchen, seine Zuwendung, sein Aufmerksamkeit, seine Pflege, auch dass er gelegentlich für uns denkt und entscheidet. Im Verhältnis zu Kindern, besonders zu kleinen ist uns das auch noch geläufig – obwohl auch Kindern in den letzten Jahre in erschreckendem Maß abverlangt wird, für sich selbst zu sorgen und zu entscheiden. Warum entdecken wir unser Angewiesensein nicht durch alle Lebensalter hindurch wieder in einem sehr viel weiteren Umfang? Es würde uns näher an unser Wesen heranführen.

IV.3. Selbstbestimmung
Hinfällig wäre dann weitgehend auch eine zur Zeit außerordentlich starke Maxime, nämlich die Annahme, es käme uns zugute, wenn wir selbstbestimmt lebten.
Ich sage nicht, wir könnten ebenso gut fremdbestimmt leben. Beide Möglichkeiten führen uns aus dem Zusammenhang der Beziehungen heraus, in den wir gehören.
Selbstbestimmtheit war freilich nur in kurzen Zeiten des christlichen geistlichen Lebens ein erstrebenswertes Ziel. Längere Zeiten hindurch waren vielmehr Gehorsam und Ergebung geistliche Tugenden. Denen möchte ich auch nicht das Wort reden, aber ihre Wahrnehmung kann uns wiederum aufmerksam dafür machen, dass wir eine Maxime wie „Selbstbestimmung“ nicht einfach deshalb zu übernehmen brauchen, weil es zur Zeit die meisten tun.
Für weiterführend halte ich das Vertrauen, dass es ein Gewinn für das Leben ist, dass wir auf eine Fülle von Beziehungen angewiesen sind, weil wir uns selbst ohne diese Beziehungen gar nicht haben. Wir sind in diesen Beziehungen. Unsere Seele, unser ganzer Mensch lebt in diesen Beziehungen und ist deshalb wesentlich niemals selbstbestimmt.
Dies halte ich für einen Gedanken, der uns im Verhältnis zu uns selbst gelassen, im Verhältnis zu anderen fürsorglich und rücksichtsvoll machen kann.