Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Predigt vom 8. Oktober 2017 – Pastor Breckling-Jensen

Predigttext Mk. 9, 17-27

Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist.

Und wo dieser Geist ihn erwischt, reißt er meinen Sohn zu Boden; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht.

Er antwortete ihnen aber und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!

Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn hin und her. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.

Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf.

Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!

Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Als nun Jesus sah, dass die Menge zusammenlief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!

Da schrie er und riss ihn heftig hin und her und fuhr aus. Und er lag da wie tot, sodass alle sagten: Er ist tot. Jesus aber ergriff seine Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

 

Predigt

Na toll, liebe Gemeinde, dachte ich, als ich den Predigttext das erste Mal las.

Meine erste Predigt seit Urlaub und Jugendfreizeit.

Und dann sowas:

Jesus treibt einen unreinen Geist aus.

Wer soll das denn bitteschön glauben?

Unreine Geister?

Und Heilungswunder?

Soll ich Ihnen und euch heute nahebringen?

Der Kirchengemeinde Altenholz?

Mit vielen klugen, vorurteilsfreien Köpfen?

Der Weg entsteht ja erst beim Gehen.

Lassen Sie uns mal schauen, wo uns dieser Predigtweg hinführt.

Langweilig geht’s hier jedenfalls nicht zu:

Streit, ein Mensch mit Schaum vor dem Mund, der sich auf den Boden wirft, Verzweiflung, Unfähigkeit, Hilflosigkeit, tiefer Glaube, Rettung.

Und da behaupte noch mal jemand, die Bibel sei langweilig.

Zutaten für einen spannenden Film, ein faszinierendes Bild.

Lasst uns diese Zutaten einmal unter die Lupe nehmen:

Hilflosigkeit: der Vater sieht das Leiden seines Kindes, kann ihm nicht helfen, leidet mit, ohne etwas tun zu können.

Hier hat mich die Geschichte das erste Mal gepackt:

Jemanden, der einem nahesteht, leiden zu sehen, ohne eingreifen zu können, tut weh.

Seelisch.

Manchmal auch körperlich.

Mitzubekommen, dass ein Mensch aus meiner Nähe krank ist, Hilfe braucht, diese aber aus welchen Gründen nicht annehmen kann, führt mich an Grenzen.

Viele Gespräche, Hilfsangebote, gute Hinweise, stundenlanges Zuhören ändern nichts.

Das kostet Kraft.

Entmutigt.

Der Vater in der Geschichte gibt nicht auf.

Bleibt dran.

Um seines Kindes willen.

Das krank ist.

Heute sagt man: Epilepsie dazu.

Aber, mal ehrlich:

Von bösen Geistern besessen:

Das gibt’s heute immer noch:

Angst vor Fremden ist für mich so ein böser Geist.

Hass auf andere.

Und auch Selbsthass.

Und so manches Mal, wenn ich die Tagesschau sehe, habe ich den Eindruck, als wenn immer mehr Menschen von bösen Geistern besessen sind.

Schaum vorm Mund haben die wenigsten, zugegeben.

Aber das Verhalten bei einigen kann ich mir schwer anders erklären.

Der Vater in der Geschichte:

Er verzweifelt.

Verzweifeln klingt nach einer Steigerungsform von Zweifeln.

Und doch:

Er schafft es, sich Hilfe zu holen.

Erst bei den Jüngern von Jesus.

Darf man hier die Parallele zur Kirche ziehen?

Wie oft werden wir um Hilfe gebeten?

Und versagen?!

Schaffen es nicht, Hilfe zu geben.

Obwohl man uns das zutraut?

Dabei empfinde ich das als sehr großen Vertrauensbeweis, um Hilfe gefragt zu werden.

Die Jünger jedenfalls schaffen es nicht.

Und dann kommt Jesus.

Und der ist, auf gut deutsch, echt genervt von seinen Freunden und Freundinnen.

Dieser ach so sanfte, liebe Jesus wird laut:

Ihr Ungläubigen!

Wie lange muss ich euch noch ertragen.

Ich bewundere das:

Bin ja selber eher harmoniebedürftig!

Das könnte für mich vorbildlich sein:

Rechtzeitig zu sagen, wenn mir was nicht passt.

Und dann sein Dialog mit dem Vater des Kindes:

Die Frage von Jesus nach der Krankheit.

Jesus als Arzt?

Der kurze Dialog der beiden.

Und dann der Satz von Jesus:

Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt.

Dieser Satz hatte es meinen Konfirmanden am Donnerstag sehr angetan.

Dieses Urvertrauen:

Wenn man an eine Sache glaubt, bekommt man extra Kraft und auf einmal werden Dinge möglich, die vorher unmöglich erschienen:

Im Sport.

Oder auch bei anderen Dingen.

Warum glauben wir nicht an die Dinge, die uns eigentlich doch am Herzen liegen?

Freundschaft?

Liebe?

Zusammenhalt in der Gemeinde?

Nachbarschaftshilfe?

Nächstenliebe?

Warum zucken wir zynisch mit den Schultern?

Denken: Ja früher, da hätte ich noch?

Sind wir so abgebrüht?

Oder erschöpft?

Der Mann in der Geschichte fängt an zu brüllen:

Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Ein Konfirmand erklärte diesen Satz so:

Der Mann will anfangen zu  glauben und braucht die Hilfe von Jesus dazu.

Jesus aber ergriff seine Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

So endet diese Geschichte.

Ein Happy End, das uns in der Konferstunde beeindruckt hat.

Aufgerichtet werden:

Nicht mehr hilflos, ausgeliefert zu liegen.

Nicht mehr Angst haben müssen vor den Attacken.

Kraftvoll, aufrecht dem Leben entgegengehen.

Wir haben dann im Konfer eine kleine Übung gemacht, zu der ich Sie und euch jetzt einmal herzlich einlade:

Wenn es Ihnen möglich ist, und Sie sich darauf einlassen mögen, dann stehen Sie doch bitte einmal auf!

Und stehen Sie völlig zusammengesunken da.

Fühlen Sie, wie es Ihnen dabei geht.

Und dann richten Sie sich einmal zu ganzer Größe auf.

Und das Ganze noch einmal:

Zusammengesunken.

Und aufrecht.

Und dann dürfen Sie sich gerne setzen.

Ist Ihnen dabei etwas aufgefallen?

Die Konfirmanden waren beeindruckt, wie groß und kraftvoll sie sich fühlten, als sie aufrecht standen.

Und sie die Kraft verließ, als sie zusammengesunken standen.

Welch ein Unterschied war da zu spüren, zu fühlen.

Ist das die Botschaft dieser Geschichte:

Gott verhilft uns zu innerer Stärke, zu einer aufrechten Haltung, wenn, ja, wenn wir uns auf Gott einlassen?

So werden die Puzzleteile, die sich in dieser Geschichte bieten, zu einem Bild, das zusammenhängt.

Ich wünsche uns auf jeden Fall, dass wir immer wieder aufgerichtet werden, dass wir darauf vertrauen können, dass eine Hand sich uns ausstreckt.

So sei es:

Amen