Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Predigt vom 31.12.2014

Silvester – Altjahresabend 2014

Manchmal spüren wir es ganz unmittelbar: dass unsere Lebenszeit immer ein Geschenk ist.
Eine etwas über 50 jährige Frau lässt sich Ende November am Herzen operieren. Invasiv. Das bedeutet also einen minimalen, chirurgischen Eingriff. Routine für die Uni-Kardiologen.
Doch es kommt zu unerwarteten Komplikationen. Die sehr sportliche Patientin muss ins künstliche Koma versetzt werden. Eine Woche, zwei Wochen …., die wachsende Sorge um sie beeinflusst emotional nicht nur die Familie, sondern deren Freunde in der Vorweihnachtszeit.
Erst kurz vor Heiligabend ist die Patientin über den Berg, wird von der Intensiv- auf die Normalstation verlegt. Sie wacht auf und reibt sich verwundert Ohren und Augen, als sie von dem verheerenden Brand unserer Stifter Ladenzeile hört.
Allen fällt eine große Last von der Seele.
Man möchte mit Hans Dieter Hüsch einstimmen:
„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit,
Gott nahm in seine Hände meine Zeit.“
Alle, die sich der Patientin verbunden fühlen, werden ihren nächsten Geburtstag als zweiten Geburts-Tag feiern.
Sie tragen die unmittelbare Erfahrung in sich, dass die Zeit zu leben ein Geschenk ist.
Liebe Gemeinde am Altjahresabend,
darüber möchte ich mit Ihnen in dieser Stunde mit Ihnen nachdenken, wo sich die Jahre 2014 und 2015 die Hand reichen.
Wer sich tiefergehend mit dem Thema „Lebenszeit“ beschäftigt, kommt schnell dahinter, dass unser Leben selbst eine Art „Gottesbeweis“ ist. Wir leben von Voraussetzungen, die wir selbst nicht geschaffen haben. Unser Leben ist eingebettet in einen großen, wunderbaren Zusammenhang des Werdens, dessen Ermöglichung nicht in uns, sondern „außerhalb“ von uns („extra nos“) liegt.
Insofern hat die Betrachtung der uns geschenkten Lebenszeit immer eine religiöse Dimension. Aus dieser Perspektive ist für alle Menschen, die ihre eigene Existenz reflektieren, der 3000 Jahre alte Satz des Psalm 31 geradezu aktuell: „Meine Zeit steht in Gottes Händen.“
Mit diesem Bibelvers wird darüber hinaus verdeutlicht: unser Leben und die uns gewährte Zeit ist gewollt. Sie ist kein Zufall. Sie gibt unserem Dasein unabhängig von unserer sozialen oder ethnischen oder kulturellen Zugehörigkeit einen heiligen Wert und ein göttliches Daseinsrecht.
Das muss man in diesen Tagen allen Pegida-Anhängern entgegenhalten und zurufen.
Man muss sich noch ein Weiteres vergegenwärtigen:
„Meine Zeit steht in Gottes Händen“ wäre missverstanden, wollte man daraus eine Art „Firewall“ gegen alles Böse, alles Schicksalhafte, alles Schlechte oder Gewaltsame ableiten.
Denn: liest man den Kontext von Psalm 31 mit, erkennt man, dass Beter und Mitbetende sich in einer ganz großen Krise befinden.
Indem der Psalmist anknüpft an alle göttlichen Befreiungsgeschichten, die im AT erzählt werden, stemmt er sich mit Kräften der realen Krise entgegen: Er nimmt dem erfahrenen Schicksal seine Absolutheit.
„Ich aber, Herr, hoffe auf dich. Du bist mein Gott. Meine Zeit steht in deinen Händen.“
Begründet durch die geschichtliche Erfahrung besagt dieses Vertrauen:
Der EINE, der Herr, wird mich nicht verlassen, was immer auch kommt. Ich bin eingebettet in seine Wirklichkeit, seine Zeit, sein Geheimnis. Denn:
„Meine Zeit steht in deinen Händen.“
Nicht nur die Vergangenheit, auch die Gegenwart ist gut aufgehoben, hineingewoben, aufbewahrt, geborgen in einen größeren Zusammenhang.
Meine, unsere Existenz ist Teil des großen Ganzen. Meine kleine Lebenszeit ist eingebettet in jenes unbegrenzte, unzeitliche, ewige Lebewesen, das wir Gott nennen.
Und darin ist schließlich auch die Zukunft meiner Lebenszeit einbezogen. Somit auch das kommende Jahr 2015. Wir leben unser Leben besser, wenn wir es so leben, wie es ist, nämlich befristet. Dann spielt auch die Dauer der uns gewährten Lebenszeit kaum eine Rolle, da alles sich an der Ewigkeit misst.
Die Minuten, die Stunden, die Tage, die Monate, die Lebensjahre sind – das klingt nur scheinbar paradox – durch ihre Befristung qualitativ aufgewertet.
Geschenke sind im Bewusstsein des Beschenktseins wertvoll. Sie sind unendlich kostbar.
Somit lehrt uns der Psalmvers schließlich Gelassenheit.
Was biologisch betrachtet endlich ist, ist dagegen aus theologischer Perspektive eine Weitung und Öffnung unseres Lebenshorizontes. „Meine Zeit steht in deinen Händen“ wird zum bleibenden Fundament unseres Lebens.
Spätestens seit jenem Ereignis, in dem Gott Mensch wurde, ist die Beziehung zwischen Gott und Mensch keine Spekulation, sondern als Lebensrealität geerdet und erfahrbar.
Bethlehem wird zum Ausgangspunkt einer Beziehung, in der das Endliche aufgehoben wird ins Ewige, in der das Befristete eingewoben ist in das Unendliche. Das Weihnachtsereignis wird zur Heimkehr unseres menschlichen „Ichs“ in das große „Du“ Gottes.
Leben heißt in Beziehung-Sein. Wenn nun der Urgrund allen Seins, der Zeitlose, weil Ewige, … sich mit unserem kleinen „Ich“ in Beziehung setzt, was kann uns dann wirklich passieren?
Dann ist auch meine Zukunft aufgehoben, geborgen, eingebettet in dem „Du“, das uns GOTT ist.
Das Psalmwort „Meine Zeit steht in deinen Händen“ könnte also auch im 3. Jahrtausend nach Christi Geburt Ausdruck einer tiefen Gelassenheit sein, durch die unser Leben und dessen geschenkter Zeit trotz aller Unsicherheiten und Unwägbarkeiten einen tragenden Grund hat.
„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit,
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.“
So gesehen wird 2014 wie 2015 vor allem eines sein:
ein gesegnetes Jahr!
Amen

Dirk Große, Pastor