Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Predigt vom 25.02.2018

Predigt „Reminiscere“ 25. Februar 2018 – Jesaja 5, 1-7

Person A
Wissen Sie, mir ist das wirklich zu heavy! An so einen Gott kann und mag ich nicht glauben, wie wir ihn von dem Propheten Jesaja um die Ohren geschlagen bekommen. Ich hab schon kapiert, dass Gott der Weinbergbesitzer ist. Ich habe auch kapiert, dass der Weinberg ein Symbol, ein Bild für das Leben der Menschen auf der Erde sein soll. Ich habe auch verstanden, dass Gott den Menschen darin eine besondere Verantwortung zuweist. Aber ich verweigere mich jedoch, an einen so zornigen Gott zu glauben. Einen, der bereit ist, seinen Weinberg – also sein Volk oder seine Schöpfung – der Zerstörung preis zu geben. Anders jedenfalls kann ich diese Aussage nicht deuten: „Ich will, dass er verwüstet werde. … Ich will, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen.“ Daraus entnehme ich einen Gott der Rache und der Vergeltung. An einen solchen Gott will ich und kann ich nicht glauben!!

Person B
Nehmen wir mal an: Gott sieht das, was da gerade zum wiederholten Mal in Syrien geschieht. Gott sieht, wie Menschen eingekesselt sind und von oben Bomben geworfen werden. Und sieht, wie diese Fassbomben ihre tausendfachen Todesstifte in Menschenfleisch rammen und stechen. Nehmen wir mal an, Gott hat mitgehört beim Weltsicherheitsrat in New York und musste feststellen, dass es dort zu keiner Einigung über den Einhalt schlimmster Völkerrechtsverletzungen kam. Nehmen wir mal an, Gott ist in einem dem Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien und sieht dort 80.000 geflüchtete Syrer in Zelten: Kinder, Alte, Frauen und Männer ohne Perspektive, hungrig, ohne Arbeit …. dahinvegetieren, weil das kein Leben ist.

Was würde in Gott vorgehen?

Nehmen wir mal an, Gott sieht, wie ein kleines Mädchen, etwa 5 Jahre jung, vermittelt wird. An einen 43 Jährigen und danach an einen 51 Jährigen und danach an einen Jährigen. Und die machen Dinge mit diesem Mädchen, die sich vorzustellen verbietet und die dennoch geschehen, weil ein Stiefvater daran verdient, ein Pornoring unzählige Nutzer findet. Nehmen wir an, Gott schaut in das Cybernetz und entdeckt all die Links, all die Opfer, all die verletzten Seelen, all die zu Sexobjekten degradierten Kinder und Frauen.

Was würde in Gott vorgehen?

A
Ich …. Ich bin mir nicht sicher. Ihre beiden Beispiele finde ich extrem heavy. Ich meine aber, dass – sofern man sich überhaupt in Gott hineinversetzen kann – er schockiert oder betroffen wäre….

B
Nehmen wir mal an, Gott beobachtet, wie wohlhabende Menschen ihr Vermögen durch Scheingeschäfte in Steueroasen deponieren, um so der Steuer zu entgehen. Nehmen wir mal an, Gott sieht durch sein himmlisches Schlüsselloch, wie Herr X und Frau Y junge Frauen aus Russland oder der Ukraine oder aus dem Baltikum mit gut bezahlten Jobs nach Berlin und nach Hamburg locken, um sie hier als Prostituierte arbeiten zu lassen.

Was würde in Gott vorgehen?

Nehmen wir mal an, Gott betrachtet aus seiner himmlischen Perspektive, wie Müll und Plastik und Chemikalien ins Meer gekippt werden. Nehmen wir mal an, Gott stellt fest, dass der Kohlendioxidausstoß Jahr für Jahr ansteigt. Nehmen wir mal an, Gott beobachtet, wie in Südamerika und Asien riesige Wälder abgeholzt werden, um die landwirtschaftlichen Flächen auszubauen oder Nutzholz zu gewinnen, obwohl die Menschen längst wissen, wie lebenswichtig die Wälder sind.

Was würde in Gott vorgehen?

Nehmen wir mal an, Gott würde Menschen in der Pflege sich so äußern hören:
„Urlaub zu ende, 3 Kollegen krank, mein Dienst heute : früh, mittag und spät“
oder:

An

„Wenn du gefragt wirst: „Wo sehen Sie denn die Probleme in der #Pflege?“ und Du erst 3 Mal tief einatmen und priorisieren musst, um nicht einfach: „ÜBERALL! ES BRENNT ÜBERALL!“ zu brüllen“.
oder:
„Du bist fassungslos, wenn du morgens um 7.00 Uhr die liebe, alte Dame auf der Toilette sitzend findest, weil die Nachtschwester ihr um 02.08 Uhr gesagt hat, sie komme gleich wieder. Und sie es vor lauter Arbeit vergessen hat, weil sie für 60 Patienten verantwortlich war.“

Was würde in Gott vorgehen?

Sie hatten doch den von Jesaja dargestellten Gott sehr kritisch angefragt.
Würde Sie dann bei diesen aktuellen Beispielen immer noch einen lieben Gott erwarten?
Würden Sie immer noch einen barmherzigen Gott erwarten?
Würden Sie sich dann immer noch einem Gott anvertrauen, der seinem Weinberg in all seiner väterlichen Güte zulächelt; so als gälte es „gute Miene zum bitterbösen Spiel zu machen!?

Jesaja zeigt uns den Spiegel und was entdecken wir darin? Wir entdecken, was damals 800 v.Chr. wie heute Menschen verursachen: Leid, Schmerz, Zerstörung, Gewalt, Machtmissbrauch, Völkermord, Tod.

Dieser Gott, der den Weinberg, also das Leben in all seiner Schönheit und Lebendigkeit geschaffen hat, leidet. Er kann gar nicht anders. Sein Auftrag an uns war und bleibt, dass aus dem Weinberg wunderbare Früchte hervorgehen. Nämlich: Freundschaft, Nachwuchs, Frieden, Gerechtigkeit, Recht, Gemeinschaft. Aber es kam anders. Ganz anders:
„Er wartete auf Rechtspruch, stattdessen kam Rechtsbruch.
Er wartete auf Gerechtigkeit, stattdessen kam Geschrei über Schlechtigkeit:“ (Jes.5,7)

Was für ein Desaster! Wozu ist der Mensch fähig?!

Wer jetzt noch einen lieben Gott erwartet, der hat den Ernst der Lage nicht begriffen.
Wer angesichts der brennenden Herausforderungen sich lieber auf einen gütigen Gott zurückzieht, der verharmlost die Wirklichkeit.
Wer jetzt lieber sein Vertrauen in einen immer barmherzigen Gott legen will, der will offenbar nicht erkennen, was die Stunde geschlagen hat und was es tun gilt.

In Wahrheit spricht aus den Sätzen des Jesaja ein unruhiger, aufgerüttelter, uns mit uns selber konfrontierender Gott. Und wenn Sie darin einen zornigen Gott heraushören, meinetwegen. Aber dann verbirgt sich hinter diesem Zorn ein immer noch um sein Eigentum leidenschaftlich ringender Gott. Ein Gott, der mit großer Sorge und noch größere Liebe Einsatz für die Zukunft seines Weinbergs zeigt. Ein Gott, der dessen Lebensfähigkeit erhalten will.

Ich frage Sie: Was können Sie dazu beitragen? Ich frage Sie und jeden anderen auch: wo und wie können wir zeigen, dass wir verstanden haben, wie es um das Leben steht und welche Verantwortung jede/r von uns darin trägt?!

Amen