Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Predigt vom 16. März 2014

Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. Durch den Glauben empfing auch Sara, die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte. (Hebr.11,8-10)

Ich habe diese Woche ein Interview gelesen mit einem meiner Lieblingstheologen aus meinem Vikariat, Jürgen Moltmann. Er wurde zu aktuellen Entwicklungen in der Kirche gefragt. Und dann drehte Moltmann den Spieß um und fragte seine Gesprächspartner, dass er die emerging churches sehr schätzen würde und was sie von den emerging churches halten würden. Seine Interviewer zeigten sich erfreut über sein aktuelles Wissen und lobten diese Entwicklung.

Und ich war verblüfft.

Haben Sie schon mal den Begriff gehört: Emerging churches?

Ich habe im Internet nachgeschaut. Übersetzt heißt das: Sich entwickelnde Kirchen.

Das ist, wie ich dann bei meinen Recherchen merkte, keine Kirche im eigentlichen Sinne, sondern es ist eine christliche Bewegung, die losgelöst von der Debatte um kirchliche Strukturen daran arbeitet, den Glauben  dem modernen, dem postmodernen Menschen nahezubringen.

Theologisch hat sich diese Bewegung aus den sehr frommen, evangelikalen Strömungen weiter entwickelt, sie betont, dass Christen sich nicht von der Welt abwenden sollen, sondern in der Welt leben sollen. Sie versuchen nicht einfach zu missionieren, sondern durch soziale, diakonische Arbeit auf ihren Glauben aufmerksam zu machen. Sie lehnen die Trennung der Kirche ab, sind sehr ökumenisch orientiert. Weiterhin ist ihnen der Gemeinschaftscharakter der Christen sehr wichtig. Und sie wollen nicht lehrhaft, belehrend sein, sondern vom Glauben erzählen.

Es handelt sich hier also um eine Bewegung von Christen, die ihren Glauben glaubwürdig, überzeugend und einladend leben wollen.

Warum erzähle ich das? Und: Was hat das mit dem alten Abraham zu tun?

Zum Einen erzähle ich das, weil mich die oft rechthaberischen Diskussionen zwischen liberalen und evangelikalen Christen nervt. Wie vor Kurzem, als wir im Pastorenkonvent über das Thema Familie sprachen: Ist die Ehe nun die von Gott gewollte einzige Form des Zusammenlebens? Was ist mit homosexuellen Paaren?

Man kann in der Bibel immer Stellen finden, die einem Recht geben. Aber:

Ist die Gesellschaft nicht längst weiter? Erwarten die Menschen nicht zu Recht unsere Begleitung in ihren individuellen Beziehungen? Hier anzuerkennen, dass es nicht DIE einzige Deutung oder Auslegung der Bibel gibt, hier den Anderen in seinem Bemühen anzuerkennen, die Bibel zu verstehen, erscheint mir persönlich als hilfreicher Ansatz.

Unsere innerkirchlichen Diskussionen gehen den meisten Menschen ziemlich an der Lebenswirklichkeit vorbei. Aber unsere Themen leider so manches Mal auch.

Nun ist die Bibel ja auch schon ein paar Tage älter, meine Konfirmanden vermuten, dass ich noch dabei war, als sie aufgeschrieben wurde, aber spannend ist sie trotzdem.

Kommen wir mal zum alten Abraham. Er entscheidet sich freiwillig für einen Glauben an Gott. Und in hohem Alter macht er sich auf Geheiß seines Gottes auf den Weg, ist also gehorsam.

Und hier höre ich die Kritiker unseres Glaubens, die sagen: Jaja, Gehorsam. Die Gläubigen haben doch keinen eigenen Willen.

So ein Blödsinn: Jeder entscheidet sich doch aus eigenem Antrieb, was er glauben will. Oder was auch nicht. Und aus der  Entscheidung zu glauben, kommen dann gewisse Konsequenzen.

Wie zum Beispiel: Sich auf den Weg zu machen.

Und hier finde ich sehr spannende Parallelen zwischen Abraham und uns: Abraham lebte in einer Welt, die seinen Glauben nicht teilte, der Abrahams Glaube fremd war.

Kommt Ihnen das nicht auch bekannt vor? Auch wir leben in einer Welt, die unseren Glauben kaum noch versteht, nachvollzieht. Die uns komisch anguckt, weil wir „am Sonntag in die Kirche rennen“. Und die uns immer wieder vorwirft, wir wären fremdgesteuert.

Und hier finde ich den Ansatz dieser emerging churches spannend: Nämlich nicht hochtheologisch zu begründen, warum wir glauben, was Glaube ist.
Sondern: Einfach von unserem Glauben zu erzählen.
Erzählen, wie schön es ist, von Aschermittwoch bis Ostern auf Kaffee, Alkohol, Fleisch oder Ähnliches zu verzichten.
Erzählen, wo ich Gottes Licht in meinem Leben gespürt habe.
Erzählen, wo ich heftigst mit Gott gerungen habe, weil ich zutiefst verletzt war.
Erzählen, dass mich niemand zwingt, zu glauben.
Erzählen, dass ich die Freiheit habe, mich auch innerhalb meines Glaubens zu entwickeln.
Und erzählen, dass es Konsequenzen hat, wenn ich mich für Gott entscheide.

Und es geht darum, von meinem Gottvertrauen zu erzählen. Oder, und hier unterscheiden sich die meisten von uns von Abraham, auch von unseren Zweifeln an Gott zu erzählen. Von den Momenten, an denen uns Gott dunkel, entfernt vorkommt.

Unser Predigttext macht auch etwas anderes deutlich:

Abraham war im Zelt unterwegs. Ein Sinnbild für Beweglichkeit. Für uns als Amtskirche eine ständige Herausforderung: Unsere Kirche, sei es evangelisch lutherisch, sei es katholisch, nicht über den Glauben zu erheben. Gottvertrauen, wie es der Hebräerbrief meint, bedeutet, Sicherheit gegen Verheißung einzutauschen, dem Zelt den Vorzug gegenüber dem Haus aus Stein zu geben, die Zukunft in aller Offenheit zu erwarten anstatt Erwartungen an die Zukunft zu stellen und danach zu planen.

Kurz gesagt: Es geht um den Inhalt des Glaubens, nicht um dessen äußere Form.

Von Abraham können wir an dieser Stelle viel lernen, als Kirche, als Gemeinde, aber auch als Christen, die sich auf Gott verlassen wollen. So wie er davon überzeugt war, dass sich Gottes Versprechen einmal bewahrheiten und die Fremde seine Heimat werden würde, so sollten wir darauf bauen, dass Gottes Wort mehr Zukunft verheißt als Unternehmergeist.

Doch dazu müssen wir es wieder mehr in unseren Herzen bewegen und auf den Lippen tragen, was nichts anderes bedeutet, als uns auf unsere ureigensten Aufgaben und das Fundament zu besinnen, das uns trägt.

Und ich merke, dass mich dieser Abraham ansteckt. Dass ich wieder Lust bekomme, mich mit meinem Gott und Gleichgesinnten auf den Weg des Glaubens zu machen. Dass ich wieder Gottes Verheißung vertrauen mag. Dass ich der Liebe Gottes trauen mag. Und, wenn ich gefragt werde, meinen Glauben in die Welt hinaus posaunen möchte.

Und hier kommt noch mal diese Bewegung der emerging churches in den Sinn: Sie ist weniger an den Strukturen der Kirche interessiert, sondern am Glauben.

Ganz im Sinne Abrahams.

Amen

Okke Breckling-Jensen, Pastor