Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Predigt vom 10. November 2019

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres – Lukas 6, 27-38

I.
Anna ist 19 Jahre alt. Seit Juni hat sie ihr Abi in der Tasche. Seit einem Monat studiert sie Biologie.
Anna ist intelligent und eine wache, politisch interessierte junge Frau. Seit einem Jahr engagiert sie sich für „Fridays for Future“. Ihre Sorge über die Klimaveränderung ist tief in ihr verwurzelt. Sie kennt nahezu alle Szenarien und Ursachen der Klimaveränderung.
Umso fassungsloser beobachtet sie, wie die Politiker im In- und Ausland die Pariser Klimaziele missachten. Sie reden, aber handeln nicht. Als sie vor kurzem den deutschen Wirtschaftsminister im „heute journal“ reden hört, „Wir müssen Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung ergreifen. Ja, aber wir dürfen dabei der Wirtschaft nicht schaden,“ bricht es laut aus ihr hervor: „ARSCHLOCH,“ schreit sie.
3 Tage später überlegte sie mit ihren Freunden von „Fridays for Future“ erste Maßnahmen, die über friedliche Demos hinausgehen. Steine auf die Vattenfall-Niederlassung, Farbbeutel gegen Politiker, Autoreifen von Industriellen zerstechen …
Anna will sich ihre Zukunft erkämpfen. Samstagabend nimmt sie einen Ziegelstein und wirft …

II.
Jonas, gelernter Bankkaufmann, ist 26 Jahre alt, ein guter Mittelfeldfußballer in der Verbandsliga, sympathisch, beliebt, freundlich, sozial. Seit Tagen merkt er ein sogenanntes Ameisenkribbeln in seinen Beinen. Auch Taubheitsgefühle.
Nach einigen Tests wird bei ihm „Multiple Sklerose“ festgestellt.
Ein Schock für Jonas. Sein Leben gerät aus den Fugen.
Er spielt nicht mehr Fußball, lässt sich Monate krankschreiben, zieht sich aus seinem Leben komplett zurück.
Seine Freundin schlägt vor „Lass uns in den Urlaub fahren. Abstand gewinnen. Was Schönes machen!“ Jonas brüllt ihr ins Gesicht: „Was soll da schön sein mit dieser Scheißkrankheit?!“
Die Freundschaft zerbricht. Andreas, seinem langjährigen Freund, knallt er die Tür vor der Nase zu.
Sein Fußballtrainer ruft an: „Jonas, komm doch mal wieder zum Training; oder wenigstens hinterher zum Bier!“ „Arschloch“ schreit Jonas und legt auf.

III.
Erwin war bis vor 2 Jahren ein durchtrainierter Bergsteiger. 4.000 – 5.000er bestieg er – mühelos. Trotz seiner 58 Lebensjahre immer noch. Er ist beruflich sehr erfolgreich.
Eines kann er jedoch nicht: treu sein. All‘ seine Beziehungen sind in die Brüche gegangen. Vier Kinder von drei Frauen. Er hat viele, zu viele Menschen verletzt. Seine Frauen, seine Kinder, seine Schwiegerkinder. Auf der Hochzeit seiner Tochter Susanne kam es zum Eklat. Er kam zu spät und bezeichnete seinen Schwiegersohn als einen brotlosen, verträumten Musiker.
Jetzt soll er Großvater werden und liegt mit Bauchspeicheldrüsenkrebs auf der Palliativstation. Seine Lebenszeit verrinnt. Erwin sieht sein Leben im Rückspiegel. Seine Kräfte schwinden. Aber er kann keinen inneren Frieden finden. Zu viel Schuld lastet  auf seiner Seele.

Anna – die gewaltbereite Umweltaktivistin
Jonas – der aggressive, seelisch verwundete MS-Kranke
Erwin – der Sterbende, der so vielen Menschen tiefe Verletzungen zugefügt hat …

Wir hören dazu den Predigttext: (Lukas 6, 27 – 31)
JESUS SPRACH:
Ich sage Euch, die ihr zuhört:
Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen;
segnet, die euch verfluchen;
bittet für die, die euch beleidigen.
Und wer dich auf die eine Backe schlägt,
dem biete die andere auch dar;
und wer dir den Mantel nimmt,
dem verweigere auch den Rock nicht.
Wer dich bittet, dem gib;
und wer dir das Deine nimmt,
von dem fordere es nicht zurück.
Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen,
so tut ihnen auch!

Wie könnte Frieden werden
für Anna
für Jonas
für Erwin?
Was könnten wir selbst dazu beitragen, dass Anna, Jonas und Erwin Frieden finden?

Musik

2. Teil

I Das Friedensevangelium für Anna
Ich lade Anna ein. In ein veganes Restaurant. „Erzählen Sie, was in Ihnen brennt. Was kotzt Sie an? Was muss sich ändern?“
Anna erzählt. In lauten, aggressiven Tönen.
„Ihr Scheiß-Bonzen. Ihr denkt nur an eure Dividenden. Eure Kohle. Eure Gewinne. Alles andere ist euch egal. Unsere Zukunft zerstört ihr!“
Ich höre zu. Eine halbe Stunde. Annas Stimme wird leiser.
„Was möchten Sie, was wir tun sollen, Anna?“ Anna nennt viele Forderungen.
Ich verspreche ihr, die Forderungen ernst zu nehmen. Ich lade sie mit zwei, drei weiteren Aktivisten, dem Wirtschaftssenator, sowie Mojib Latif von Geomar ein: „Lass‘ uns mit denen über konkrete Maßnahmen reden.“
Ich will Anna ernst nehmen. Ich sage meiner Sekretärin, sie soll den Termin, den Anna genannt hat, blocken.
Ich will es versuchen, mein Unternehmen mit seinen 800 Mitarbeitern den Fragen und Erwartungen der Bewegung zu stellen.
Seit einer Woche fahre ich mit der U-Bahn zur Arbeit.

II Das Friedensevangelium für Jonas
Ich komme mit Ulrich zu Jonas. Ulrich sitzt im Rollstuhl. Als Jonas die Tür öffnet, sage ich sofort: „Bevor du die Tür zuknallst, bedenke, dass Ulrich hier extra 25 km zu dir gekommen ist. Er hat MS. Wie Du. Ich gehe nach 30 Minuten. Jonas und Ulrich unterhalten sich 4 Stunden.
Ulrich erzählt ihm von seinen Erfahrungen mit MS. Sein Schock erlebte er mit der Diagnose vor 15 Jahren. Er berichtet von seinem tiefen Fall und später von seiner Selbsthilfegruppe. Seine Arbeit mit MS. Seine Freunde…. Jonas hört zu.
Als Ulrich aufbrechen will, verabreden sich Jonas und Ulrich für ein nächstes Mal.
Ein Anfang.

III Das Friedensevangelium für Erwin
„Mögen Sie mir die Telefonnummer Ihrer Tochter geben. Ich versuche, sie anzurufen.“
Der Krankenhausseelsorger ruft Susanne in Augsburg an und erzählt von ihrem Vater. Susanne weint.  Und sagt: sie könne nicht kommen. Das Baby könne jeden Moment kommen. Ja, sie würde ihren Vater gerne wiedersehen. Aber wie soll das gehen?
Der Krankenhausseelsorger organisiert einen Krankentransport von Kiel nach Augsburg. Erwin fährt am 12. Dezember nach Augsburg. Das Baby ist zwei Tage jung, als Erwin im Krankenhaus ankommt. Susanne legt ihm ihren Sohn in seine Arme und umarmt ihren Vater.
Eine Woche später hat Erwin seinen Frieden gefunden.

„Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Mt.5,9)

Amen.