Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Passionsandachten 2017 – 5. April – Schuld

Perspektiven aus der Polizeiseelsorge – Volker Struve (Polizeiseelsorger für Schleswig-Holstein)

2 Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie.
3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte
4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.
5 Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
6 Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
9 Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.
10 Da richtete Jesus sich auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?
11 Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Schriftgelehrte und Pharisäer bringen eine Frau zu Jesus, die gegen die Mosaischen Gesetze in puncto Ehebruch verstoßen hatte. Es ist eine Art „Torah-Polizei“, die Verstöße gegen die Heiligen Schriften verfolgt und anzeigt.

Menschen, die darin geübt sind, Vergehen Anderer zu verfolgen – tun die sich schwerer mit ihren eigenen Verfehlungen? Vielleicht, weil siere es gewohnt sind, sich stets auf der Seite der „Guten“ zu wähnen? Macht das unter Umständen auf mindestens einem Auge blind für die eigenen Verfehlungen?

Sind Polizisten besonders gefährdet im Umgang mit Schuld?

Tja, was kann ich Ihnen als Polizeiseelsorger dazu sagen?

Mit Sicherheit gibt es Risikogruppen: Menschen, die sich ans Steuer setzen, wähnen sich gern im Recht und die Anderen im Unrecht – denken Sie nur an die Geschichte mit dem Mann, der eine Radiodurchsage hört: „Wir warnen vor einem Geisterfahrer, der Ihnen auf der A7 Höhe Owschlag entgegenkommt“ – und der Mann sagt zu sich: „Was heißt hier einer – hunderte!“

Eine weitere Risikogruppe sind Menschen, die sich in einer Partnerschaft befinden: Dann gibt es immer einen Sündenbock: „Schatz, wo hast Du wieder meine Schlagbohrmaschine hingelegt?“ Aber im Ernst: Wie viele Menschen besinnen sich oft erst nach einer Trennung, wie ungerecht sie oft gegenüber ihrem Partner gewesen sind – und wie oft sie ihre eigene Schuld an gemeinsamen Problemen nicht gesehen haben? Manche besinnen sich aber auch nie…

Pharisäer, Autofahrer, Partner, Polizisten – sind sie Risikogruppen, wenn es um das Wahrnehmen und Begreifen der eigenen Schuld geht?

Wenn Sie mit einem Polizisten oder einer Polizistin liiert sind, vermeiden Sie wenigstens Diskussionen über Schuld, während Sie gemeinsam Auto fahren…

Aber mal im Ernst: Natürlich werden Polizisten, was Schuld und das Eingestehen von Schuld besonders geprägt: Ein Kollege der Kripo schilderte das so: „Wenn Du ständig mitbekommst, dass Täter, die wir hundertprozentig einer Tat überführt haben, einfach sagen: „Ich war das nicht!“ – und vor Gericht damit durchkommen, dann kommt man selber schon ins Grübeln…“. Am Heiligabend war ich auf der Wache selber Zeuge, dass die Beamten einen Intensivtäter mit 56 Eintragungen wegen Straftaten, die letzte drei Tage zuvor wegen gefährlicher KV und an dem Tage wegen versuchten Betruges, wieder auf freien Fuß setzen mussten, da nach Auskunft des zuständigen Staatsanwalts kein Richter über die Feiertage einem sog. beschleunigten Verfahren zustimmen würde.

Ich kann nicht sagen, welcher Mensch daraus welche Konsequenzen für sein Handeln und den persönlichen Umgang mit Schuld ableiten wird, aber solche Erlebnisse prägen…

Auf der anderen Seite erlebe ich viele Polizistinnen und Polizisten als besonders aufrichtige Menschen, ein Beispiel: Wir haben eine Gruppe von Polizistinnen und Polizisten mit behinderten Kindern. Ein Problem der Betroffenen ist, dass es zu wenig Sonderurlaubstage für deren Bedarf gibt, beispielsweise für die Betreuung ihrer Kinder bei ärztlichen Maßnahmen, die je nach Art und Grad der Behinderung sehr häufig erforderlich sein können – es gebe zwar die Möglichkeit zu tricksen, das wird auch von einigen Ärzten empfohlen, aber das Selbstverständnis vieler Kollegen lautet: „Wir sind doch Polizei, wir dürfen doch nicht schummeln!“ Mitglied einer Risikogruppe mit erhöhtem moralischen Anspruch an sich selber – dass das zu einem inneren wie äußeren Dilemma werden kann.

Bemerkenswert im der jesuanischen Geschichte mit der Ehebrecherin ist folgendes: Die Schriftgelehrten und Pharisäer legen ihre Steine aus der Hand uns ziehen sich zurück. Ein passives allgemeines Schuldeingeständnis! Niemand ist ohne Schuld und daher steht keiner über dem Gesetz – auch und schon gar nicht diejenigen, die für Recht und Ordnung sorgen. Ich weiß nicht, wie Staatsrechtler die Geburtsstunde der Gewaltenteilung sehen – ich sehe sie schon in diesem Gleichnis: Wer den Gesetzesverstoß ermittelt, hat kein Recht, diesen auch zu bestrafen!

Das gilt auch umgekehrt, denn niemand ist so frei und unabhängig, oder gar frei von Sünde oder Schuld, dass er bedenkenlos Polizist und Richter in einer Person sein sollte.

Jesus befreit nicht nur die Ehebrecherin – auch die Torah-Polizei wird vor einer schweren Sünde bewahrt – von der Tötung eines Menschen. Auch Polizistinnen und Polizisten stehen in der Gefahr, auf einen Menschen schießen, ihn vielleicht sogar töten zu müssen, unter gewissen Umständen der Not- oder Gefahrenabwehr sind sie dazu berechtigt. Es kommt gottseidank sehr selten vor, aber oft hinterlässt so etwas Spuren auf der menschlichen Seele – unabhängig von der Schuld im juristischen Sinn.

Ich weiß nicht, wie das bei Schriftgelehrten und Pharisäern war – in den Polizeien der Länder gibt es unter anderem die Polizeiseelsorger als Ansprechpartner bei Gewissensfragen, seelischen Nöten – oder um sich einfach mal was von der Seele zu reden. „Mein Kollege hat da so etwas geäußert – ich mache mir Sorgen, dass er sich etwas antun könnte – sollte ich seinen Vorgesetzten ansprechen, damit er ihm die Waffe abnimmt?“ Werde ich schuldig als Denunziant – oder dann, wenn er sich etwas antut…? Wichtig finde ich, die Schuldgedanken und -gefühle nicht weichzuspülen oder auszureden.

Jesus verurteilt die Ehebrecherin nicht, er redet die Sünde aber auch nicht klein. Das führt mich auf einen meiner Lieblingssprüche: „Gott hasst die Sünde, aber er liebt die Sünderin, bzw. den Sünder!“ Weil er Sünderin und Sünder liebt, schützt er hier die Ehebrecherin vor der Steinigung. Der Schutz besteht darin, dass er an das Gewissen der Verfolger appelliert und sie an ihre eigene Sündhaftigkeit erinnert: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ – so lautet ein Satz in Martin Luthers letztem schriftlichen Vermächtnis. Gerade, wenn wir denken, es stehe uns zu, Andere zu verurteilen, sollten wir daran denken, dass wir vor Gott Bedürftige sind. Bedürftig nach seiner Gnade und seiner Liebe.

Schuld und somit auch Schuldgefühle sollte jede und jeder für sich ernst nehmen. Diese auszusprechen ist der erste Schritt der Heilung. Ich sehe es als gelungenes Ziel an, wenn jemand aus einem seelsorgerlichen Gespräch über Schuld so gestärkt hervorgeht, dass er seine Schuld tragen und ertragen kann.

Nachdem Gott seine Liebe am Menschen erwiesen hat, verdammt er wieder die Sünde an sich: „Geh hin und sündige hinfort nicht mehr!“ Matin Luther Regel lautet: „Pecca fortiter“, also „Sündige tapfer!“ Das bedeutete für ihn nicht, ständig im Leben Kurs auf die nächste Sünde oder Schuld zu nehmen. Luther setzt der Schuld oder Sünde den Glauben entgegen: „Pecca fortiter – sed fortius fide“ Das Vertrauen darauf, dass Gott mich schützt und stärkt, macht mich nicht frei von Sünde oder Schuld, aber Gott befreit mich zum Leben. Nach Luthers Einschätzung sollen wir Menschen dazu stehen, dass wir schuldig werden an Gott, am Nächsten oder an uns selbst. Wichtig ist, Sünde und Schuld unerschrocken ins Gesicht zu sehen und zu vertrauen, dass in jeder Versuchung auch ein Weg verborgen ist, der aus der Versuchung wieder heraus führt, egal wie tief man sich verwickelt hat – ob als Pharisäer, Polizist, Autofahrer oder Lebenspartner.

AMEN