Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Passionsandachten 2015 – 4. März – Dr. Volker Clauß

Meine Damen und Herren, liebe Konfirmanden,

vor einiger Zeit sprach mit Herr Pastor Breckling-Jensen an, ob ich bereit wäre, mich im Rahmen einer Passionsandacht einzubringen. Ich sagte ja! Dann aber wurde ich nachdenklich, als er mir sagte, wie das gedacht sei: Ich möge doch einmal meine Gedanken darlegen, was ich an unserer evangelischen Kirche allgemein, aber auch an unserer Altenholzer Gemeinde zu bemängeln hätte.

Zunächst einmal meine Achtung vor dieser Initiative, sich freiwillig der Kritik zu stellen. Ich tue das gern, da ich mich meiner Kirche eng verbunden fühle und mich deshalb einige Dinge schon bewegen und sehr nachdenklich machen.

Ich war – wie einige von Ihnen wissen – mehrere Jahre in unserer Gemeinde politisch engagiert. In dieser Zeit habe ich mich immer um engen Kontakt zwischen der politischen und der Kirchengemeinde bemüht. Ich habe immer betont, wie viele lebensnotwendige, unverzichtbare Aufgaben die Kirche hat.

Aber Politik – insbesondere aktuelle Politik – ist in einer Demokratie Sache der Parteien, der Parlamente und der Regierungen.

Jetzt einige Beispiele, die mich irritiert haben und von Kirchenvertretern geäußert wurden:

So hat sich beispielsweise der ehemalige EKD Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider anlässlich einer Synodentagung 2010 sehr drastisch einseitig zur Atompolitik der Bundesregierung geäußert. Wir wissen, wie problematisch die Atomkraft ist. So haben wir ja auch sinnvollerweise eine Kehrtwende in der Energiepolitik gemacht. Aber das Energiethema ist sehr kompliziert und differenziert.

Ein weiteres Beispiel:

2013 hat der Umweltbeauftragte der Nordkirche Pastor Jan Christen sich zur eventuellen Wiederaufnahme der Ölförderung im Kieler Umland folgendermaßen geäußert: „Es ist nicht sinnvoll, die letzten Ölreste aus der Erde herauszupressen.“

Mit diesen beiden Äußerungen habe ich Probleme. Ich zweifle daran, dass die beiden Herren – nicht als Privatpersonen – sondern als Kirchenvertreter diese sachlich so vielschichtigen Probleme ausreichend differenziert dargestellt haben. Es ist für mich nicht akzeptabel, dass sie als Vertreter der Kirche gesprochen haben.

Auch die vielen Stellungnahmen zur staatlichen gesetzlich beschlossenen Sozialpolitik sollten Kirchenvertreter nicht abgeben.

Soziales Engagement ist selbstverständlich eine Kernaufgabe der Kirche. Sozialpolitik aber ist Sache des Gesetzgebers.

Als Privatmann kann sich jeder selbstverständlich zu Problemen äußern, aber nicht im Namen der Kirche.

 

Kirchenasyl

Deutschland hat in langen politischen Diskussionen ein ausgewogenes Asylrecht geschaffen. Lange haben die politischen Parteien gerungen, wie es in einer Demokratie üblich ist. Dann ist es nicht korrekt, wenn mehr als 200 Kirchen in Deutschland ca. 400 Menschen nach Durchlaufen des Asylverfahrens Zuflucht gewähren. Kirche darf sich aus meiner Sicht nicht eigenmächtig über vom Parlament beschlossene Gesetze hinwegsetzen. Und wenn Verbesserungen erforderlich sind, dann ist das Sache des Gesetzgebers.

Kirchenasyl darf kein eigenständiges neben dem Rechtsstaat stehendes Institut sein.

Das ist selbstverständlich völlig losgelöst zu sehen von der hervorragenden, engagierten Betreuung von Flüchtlingen in unserer Gemeinde.

 

Friedensgebete

Sehr besorgt war ich anlässlich der Friedensgebete im März 2014 in Kiel anlässlich der Krim-Besetzung. Diese wurden auch von der Friedensgruppe Altenholz mitgetragen. Ich war erschrocken, wie in den Flugblättern mit falschen und teilweise nicht „zielgerichteten“ Aussagen politisch argumentiert wurde.

Ich sage hier ganz deutlich, das kann nicht Aufgabe der Gemeinde Altenholz sein, die – ich wiederhole es – auch meine Kirche ist. Besonders bemerkenswert war, dass die Argumente des Altenholzer Flugblattes überwiegend von der Vertreterin einer politischen Partei stammten. Nicht nur das: Auch das originale Flugblatt der Parteienvertreterin wurde verteilt.

Ich habe seinerzeit dem Initiator geschrieben: „Bei meinen Freunden und Bekannten werde ich von den Unterlagen keinen Gebrauch machen. Ich will vermeiden, dass noch mehr Bürgerinnen und Bürger unserer Kirche den Rücken kehren.“

 

Anrede

Wir leben in einer gut funktionierenden Demokratie. Wir haben politische Parteien, in denen sich jeder engagieren kann. Und wir haben gewählte Parlamente und Regierungen. Dort werden derartige Konflikte ausgetragen. Ich kann nur appellieren: Engagieren Sie sich in einer politischen Partei. Die Parteien sind Grundpfeiler unserer Demokratie.

Mir wurde bei meinen Argumentationen entgegengehalten – nicht bei dem letzten Fall – : Im Dritten Reich hätten die Kirchen zur Judenverfolgung weitgehend geschwiegen und deshalb müsse sich Kirche auch heute politisch äußern.

Da kann ich nur antworten: Nazidiktatur und unsere Demokratie sind nicht vergleichbar.

Lobenswert war die Fragebogenaktion der Kirchengemeinde vom Februar 2013. Schade, dass sich nur eine begrenzte Zahl von Bürgerinnen und Bürgern beteiligt hat. Ich habe die Fragen sehr ernst genommen und meine Bemerkungen daher mit vollem Namen unterschrieben. Selbstverständlich können bei einer Auswertung nicht alle Argumente aufgenommen werden. Ich hoffte dann allerdings aufgrund meines mit Namen unterzeichneten Fragebogens auf eine vielleicht persönliche Ansprache hinsichtlich meiner Probleme.

Aber Fehlanzeige!

Dabei wäre das eine gute Gelegenheit gewesen, ins Gespräch zu kommen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich will aber nicht nur kritisieren. Ich will versuchen darzulegen, was Kirche vielleicht noch mehr tun kann:

Kirche soll sich nicht wegducken. Im Gegenteil: Meine Kirche sollte offensiv vertreten, was unsere Gesellschaft an ihr hat. Ich brauche vor Ihnen nicht die vielen Aufgaben aufzulisten.

Kirche sollte manchmal auch lauter werden: Wo bleiben die lauten Aufrufe, die die weltweit dramatischen Christenverfolgungen anprangern?

Kirche sollte selbstbewusst und offen darlegen, dass unsere Gesellschaft vom Christentum mitgeprägt wurde. Unsere Leitkultur hat jüdisch-christlichen Ursprung. Das sollten wir als Kirche offensiv nach außen darstellen. Dazu brauchen wir Mut.

Auch den vielen kirchenfernen Menschen sollten wir darlegen, dass sie ohne es wahrzunehmen, von der christlich geprägten Geschichte profitieren. Ein Blick in viele Länder dieser Welt zeigt uns doch sehr deutlich, wie es anders sein kann.

Unsere Kirche ist nicht nur für die schwachen und benachteiligten Menschen da. Kirche sollte versuchen, vielmehr auch die Menschen anzusprechen, denen es gut geht und die erfolgreich sind. Auch die erfolgreichen sollten Gott dankbar sein, dass sie gesund, glücklich und zufrieden sein dürfen.

Anrede

Unsicherheit und Angst gegenüber dem Islam sind weit verbreitet. Dazu schreibt Jan Fleischhauer im Spiegel vom 6. Januar 2015 sinngemäß: In einer ungläubigen Welt wie der unseren reicht schon der Glaube an sich, uns Angst zu machen, so wie z. B. viele Moslems ihren Glauben praktizieren und diesen offensiv vertreten.

Dazu ein Beispiel: Anlässlich einer Studienreise nach Israel und Jordanien im November vergangenen Jahres hatten wir zu zweit in einer Moschee in Aqaba (Jordanien) – natürlich ohne unsere Frauen – ein langes Gespräch mit dem Iman. Zum Abschied schenkte er uns einen Koran in deutscher Sprache. Gedruckt in Saudi-Arabien, gerade Saudi-Arabien. Da macht man sich seine Gedanken und zuckt. Das ist eine Offensive, die nachdenklich macht.

Zu diesem „Angstproblem“ vor dem Islam haben Sie, lieber Herr Pastor Große, mir einen wichtigen Satz geschrieben: „Wer selbst auf festem religiösem Fundament steht, braucht sich gegenüber anderen religiösen Erscheinungsformen nicht zu ängstigen.“

Ich würde mich freuen, wenn dieser Satz von unserer Kirche viel mehr transportiert und offensiv vertreten würde. So lassen Sie mich abschließend festhalten: Kirche sollte nicht versuchen, sich dem säkularen „Main Stream“ anzupassen, damit sie als gesellschaftlich verträglich gilt. Das haben wir nicht nötig und sollten es vermeiden.

Im Gegenteil: Auch wir sollten viel offensiver werden und für unseren Glauben werben.