Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Passionsandachten 2015 – 11. März – Dr. Andreas Zeddel

Herzlich Willkommen – schön, dass Sie gekommen sind!
Eine Andacht, wie jeder Gottesdienst wird traditionell eingeführt durch die Nennung von drei Namen, die wir Gott geben. Wir in der Kirchengemeinde Altenholz spielen seit langer Zeit in den offiziellen Schriftstücken mit der Dreiheit von Begriffen – ja Sie werden dabei sogar indirekt dazu aufgefordert noch einen vierten Begriff hinzuzufügen. Sie sehen dieses auch am Rand des verteilten Liederzettels.

Ich möchte die heutige Andacht in diesem Sinne auch unter die folgenden Begriffe stellen: Lassen Sie uns diese halbe Stunde miteinander sein – im Namen der der Bedeckung, und der Turbulenz, und des Angesichts.

Impuls
Ich bin evangelisch getauft und konfirmiert, kirchlich sozialisiert und meine Frau und ich haben ökumenisch geheiratet und unsere Kinder evangelisch taufen lassen … Ich bin seit über 12 Jahren Mitglied des Kirchengemeinderates – und ich leide an dieser Kirche. ‚Leiden‘ ist ein großes Wort und ich hätte es selbst so nicht zuerst gewählt und auf der anderen Seite der ‚Kirchenmedaille‘ stehen viele Glücksmomente und ‚Zufriedenheiten‘ – aber dennoch… Ich will heute diesem Gefühl Ausdruck geben:
Diese Kirche muss etwas ändern – sonst verspielt sie ihre Zukunft und damit auch ihr Erbe!

Ich möchte zuerst einem Altenholzer das Wort geben und mich in einem zweiten Abschnitt mit der Kirche bzw. der kirchlichen Sprache beschäftigen.

An einem Sonntag im Februar nach dem Gottesdienst traf ich vor der Kirche einen Altenholzer, der schon sein 50 Jähriges Altenholz-Jubiläum feierte. „Mit Kirche hat er nichts am Hut“, sagte er – ich bringe nur die Papprollen für die Kerzen. „Warum denn nicht?“ frage ich. „Wenn man bedenkt, wie schnell so viele Pastoren der NSDAP beigetreten sind – schrecklich, was ist das für eine Kirche“.
Auf meine Antwort, dass das wirklich eine schreckliche Zeit war fuhr er fort: „Und gelernt hat die Kirche nicht daraus!“ Mein fragender Gesichtsausdruck ließ ihn fortfahren: „Sagt die Kirche irgendwas gegen den Rüstungsexport? Wissen Sie, dass Deutschland weltweit an dritter Stelle beim Waffenexport steht? Es ist ein Skandal – Deutschland hat nichts gelernt und die Kirche sagt nichts dazu“. Nun bin ich für dieses Thema sicher der ganz falsche / oder auch richtige Ansprechpartner; ist dies doch genau eines der Themen der Friedensgruppe …
Ich erzähle ihm, was ich weiß und was auch gerade Thema im kleinen Kreis eines Friedensgebetes war. Ich erwähne die „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel“ bei der die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käsmann Schirmherrin ist.
Aber diese ‚kleine Bestätigung‘ war ihm deutlich zu klein: „Die Kirche muss sich da öffentlich positionieren … übrigens genauso wie mit den Schweinen und Hühnern. Ein Skandal ist es auf welchem engen Raum die Tiere gehalten werden!“
Ich teile viele Einstellung mit diesem Altenholzer – bis hin zu der Grund-Einschätzung: ‚Die Evangelische Kirche‘ – wenn man dieses Wort als Summe aller Wahrnehmungen über Christliche-Evangelische-Äußerungen in Deutschland nimmt –
‚Die Evangelische Kirche nimmt nicht ausreichend Stellung zu wichtigen Fragen der Menschenrechte und der Kriegsvorbereitungen‘.
Dies sage ich obwohl ich die entsprechenden Stellungnahmen kenne – z.B. den Kieler Appell u.a. von Propst Lienau-Becker – und obwohl ich in dieser Kirchengemeinde mit Pastoren beschenkt bin, die das Thema sehr wichtig nehmen und ihm Raum geben. Aber kennen Sie den Kieler Appell? Würden Sie sagen, dass die Nordkirche eine Friedenskirche ist? Nein? Haben Sie etwas über die ‚Aktion Aufschrei‘ gehört? Auch nicht? Warum?
Es sind ‚Kürthemen‘, die der Eine oder Andere Pastor oder Pastorin mal mit in seinen Gottesdienst nimmt – man hört 15 min freundlich oder ablehnend zu aber zentral und auch theologisch fundiert sind diese Themen gesamtkirchlich nicht …

Dies wäre Grund zum Leiden genug – aber da bin ich bei meinem zweiten Punkt – Was ist denn zentral? Was sind denn die Themen um die gerungen wird? Was ist Kirche den dann?
Da es heute um das Leiden an der Kirche geht, gehe ich an dem vielen positiven Engagement für alle Altersgruppen in allen guten wie schlechten Lebenslagen vorbei hin zu der offenen Frage, die für mich nicht beantwortet ist: Hat Kirche denn etwas ‚zu SAGEN?‘ Haben Sie die Jahreslosung schon gesehen? Ein Zitat aus einem Brief von Paulus an die Römer:

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

So richtig bewusst habe ich das entsprechende Plakat in einer anderen Kirche gesehen. ‚Oh je‘ habe ich gedacht, wieder so eine frommer Spruch im Schaukasten. Das muss eine Gemeinde sein, die sich selbst genug ist und keinen auf der Straße wirklich ansprechen will.
Bis ich dann den Spruch bei uns auch entdeckte – und sogar dazu singen sollte.
Ich singe sonst viel mit und spreche auch viel mit was mir doch zweifelhaft vorkommt – aber diese Floskel, dieses Versatzstück mitzusingen – habe ich letztlich nicht geschafft.
Unser Prädikant Leonhardt hat zu den ersten drei Worten ‚Nehmt einander an‘ einen sehr guten Gottesdienst gestaltet … und vielleicht würde ich es schaffen, einen Zugang zu dem zu finden, was Paulus vielleicht fühlte … wenn es nicht schon damals nur eine Floskel war!
Aber das isolierte Verbreiten solcher Satzphrasen ist ein Symptom eines kirchlichen Selbstverständnisses, und – ich sage es aus meiner Sicht sehr pointiert – Symptom der Krankheit dieser Kirche. Eine chronische Krankheit mit schubweisen Ausbrüchen.

Das Leiden, dass ich empfinde entsteht aus dem so häufigen völligen Auseinanderklaffen von Inhalt und Sprache.

Jeder von uns kann dem nachspüren, dass die gegenseitige Annahme, die Toleranz, das Wahrnehmen der verschiedenfarbigen Hintergründe eines jeden Menschen zu den Kernbotschaften gehört, die wir alle hier leben wollen, weitergeben wollen und auf dem sich einzig eine menschenwürdige Zukunft bauen lässt. …
Und dann..? Hat mich Christus angenommen zu Gottes Lob?! Oder Sie? Was ist das, was mich so leiden lässt, bei diesen ‚Satz-Formeln‘?

In der Zeitschrift Publik Forum vom November letzten Jahres hat Christian Modehn zwei Glaubensformen unterschieden, die Religionen anbieten können: Die Esoterische und die Exoterische Glaubensform.

Esoterische Gruppen suchen verborgene Wahrheiten. Sie gehen in die Tiefe, stoßen vor „zum Kern des Wesentlichen“, wie Modehm zitiert. In der Gruppe sind Esoteriker ‚Wissende‘ und Eingeweihte.

Exoteriker dagegen, sind wohl die Mehrzahl der momentan Kirchensteuer zahlenden Christen hierzulande. Exoteriker geben dem Verstand Raum, nähern sich der Bibel auch historisch, sind kritisch und ggf. auch skeptisch was ein ‚Esoteriker‘ in der Tiefe denn erlebt.

Ja – auch Christen sind esoterisch oder exoterisch – manchmal auch beides. Dabei geht es um die Frage, welche Bedeutung der Vernunft im Christentum zukommt. Exoteriker haben es geschichtlich nicht einfach gehabt in der Kirche. Immer wieder sind sie ausgegrenzt oder ausgelöscht worden.
Ja man muss feststellen, dass die ‚klassisch-christliche Frömmigkeit‘ immer schon esoterisch geprägt war und ist. Paulus war ein Esoteriker. Er sah Bedeutungen im historischen Geschehen, die ein Realist nicht ’sehen‘ konnte und kann. Der Begriff Christus selbst ist ein esoterischer Begriff – es ist kein Familienname von Jesus, sondern das erste Glaubensbekenntnis: Jesus ist der Christus, der Lang-Erwartete. Paulus macht Poesie über eine innerlich geschaute Wahrheit, dass eine Lebens-Verheißung in Erfüllung geht auch wenn man es – eigentlich – gar nicht sehen kann.

Die zentrale Frage von Christian Modehn ist: Kann man diese existenziellen Erfahrungen auch exoterisch, also allgemeinverständlich formulieren?

Ja man kann und man muss – so das Votum von Christian Modehn.
Im christlichen Gottesdienst dominiert bis heute eine esoterische Geheimsprache. Wer die Jahreslosung so wählte, wählte Sie als Eingeweihter für Eingeweihte. Die Formeln sind nicht zum ‚Diskutieren‘ gedacht, die Jahreslosung ist so kryptisch wie die Dreieinigkeit, und genauso ‚unantastbar‘.
Es muss eine andere Sprache – eine ganz andere Übersetzung – geben, wenn wir wieder miteinander über unsere eigenen Erfahrungen reden wollen!

Und es gibt einen, der es uns vorgemacht hat!
Jesus war kein Esoteriker. Er hat die eigene Gotteserfahrung, das erfahrene Vertrauen in einer allgemein verständlichen Sprache vermittelt. Schlicht, in Gleichnissen des täglichen Lebens, zugänglich; sich den ‚Verklausulierungen‘ der Religion seiner Zeit entzogen. Und damit war er offensichtlich in einer Weise auch politisch, dass die Mächtigen seiner Zeit diese Rede nicht dulden konnten.

Es wäre also ein gutes Zeichen, wenn die Sprache, die die Kirche in Zukunft redet, nicht nur innen wie außen verstanden wird, sondern dadurch auch aneckt! Denn der Kern dieser Botschaft, das Erbe ist wertvoll. Menschlichkeit entsteht, wo jeder sich angenommen fühlt. Das ‚urchristliche‘ unserer Religion ist dieser vorbehaltslose Annahme die zur Menschlichkeit und zu Frieden führt. Christliche Kirche ist eigentlich – und muss wieder deutlich – Friedenskirche werden!

Auch und gerade im Angesicht der Gräueltaten dieser Welt im Angesicht der Not und Kälte braucht es eine Vorstellung davon, dass Gräuel, Tod, Not und Kälte nicht das Letzte sind – ich wünsche Ihnen eine gute vorösterliche Zeit!

Gebet:
Beten ist wünschen und beten ist hoffen und beten ist in Gedanken vorwegnehmen.
Gott wir hoffen so sehr:
auf eine Welt, in der kein Mensch des anderen Feind ist, sondern nur – Mensch.
Gott, wir hoffen so sehr
auf den Frieden zwischen Juden und Moslems auf dem Boden von Israel und Palästina, – auf den Frieden in Europa … in Afrika … und in Asien.
Gott wir hoffen so sehr, dass kein Mensch einen anderen mehr foltert. Was Jesus am Kreuz erlitt war Folter – Folter hat nie aufgehört in dieser Welt. Alle Foltergefängnisse dieser Welt – sie gehören geschlossen und gebannt! Folter zerstört: den Gefolterten wie den Folterer, zerstört die Menschlichkeit bei allen Beteiligten und Zuschauern – ja man möchte fast sagen: zerstört die Hoffnung an sich – lass nicht zu, dass unsere Hoffnung zerstört wird!

Ich möchte diese Andacht mit einer Segensformulierung in Anlehnung der ‚klassischen‘ Formulierung aus dem 4. Buch Mose schließen:
Gott sei bei uns und gehe mit uns,
durchdringe unsere Bedeckung mit Deinem Licht
und sei uns gnädig in unseren Turbulenzen …
erhebe Dein Angesicht in unserem Angesicht
und gebe uns den wirklichen Frieden
Amen