Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Passionsandachten 2015 – 1. April – Pastor Dirk Große

Mein Leiden an dieser Kirche

Um mein Leiden an dieser Kirche zu verstehen, muss ich eine Unterscheidung deutlich machen.

Es gibt die sichtbare, verfasste Kirche. Die Kirche als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Sie zeigt sich in Strukturen wie der Landessynode, Kirchenkreissynode, Kirchengemeinderat, aber auch dem Kirchenamt als der höchsten Verwaltungsinstanz mit seinen Dezernaten Recht, Personal, Ökumene, Bildung… usw, den Hauptbereichen, dem Verhältnis von Laien und Hauptamtlichen.
Und es gibt die Kirche als Gemeinschaft der Getauften und der Glaubenden. Diese Kirche ist theologisch betrachtet die Zusammenkunft der Christen, die sich um das Evangelium versammelt und daraus ihr Handeln in dieser Welt ableitet.

Mein Leiden, auf das ich gleich zu sprechen komme, bezieht sich auf den zweiten Gedanken von Kirche: der Kirche als Gemeinschaft aller Getauften. Diese Kirche bezeichnet Paulus als Leib oder als Körper. Er meint damit einen zusammenhängenden, aufeinander bezogenen Organismus. Alle Teile dieses Körpers haben eine unverzichtbare Aufgabe. Was wäre der Körper ohne Ohr oder ohne Hand? Wenn der Fuß Schmerz leidet, so leidet der ganze Organismus. Wenn es dem Auge schlecht geht, so geht es dem ganzen Körper schlecht. Alles hängt zusammen. Alles ist die Gemeinschaft. All das macht die Gemeinschaft der Getauften aus. Jeder und jede ist vollwertiges Mitglied dieser Gemeinschaft: Herr Petersen genauso wie Luisa oder Susanne Schwerk.
Warum wird jede/r eigentlich vollwertiges und damit gleichberechtigtes Mitglied in der Gemeinschaft? Wie geschieht das? Es ist die Taufe, die die Mitgliedschaft in dieser Gemeinschaft begründet. Denn es ist niemand anderes als Gott selbst, der sich in der Taufe an den Täufling bindet und dessen Leben segnend begleitet. In der Taufe vollzeiht sich also der uneingeschränkte Liebeserweis an uns Menschen. Das bedeutet: weil Gott seine Liebe in jeden Getauften hineinlegt, werden wir durch Gott zur Gemeinschaft der Getauften.

Was uns alle verbindet, ist der Liebesbund Gottes. In der Gemeinschaft aller Getauften –anders kann es ja nicht sein- soll diese in der Taufe empfangene Liebe sichtbar werden. Das bedeutet nichts weniger, als dass jede/r innerhalb dieser Gemeinschaft Verantwortung für die Kirche als Gesamtorganismus zu tragen hat.

Und genau hier befindet sich mein Leiden an dieser Kirche. Eine solche Kirche, die sich als Gesamtorganismus versteht, die sich gegenseitig in Solidarität oder Hilfsbereitschaft stützt und gemeinschaftlich Verantwortung für eine lebenswertere Welt übernimmt, zerbricht zusehends. Sie erodiert und verabschiedet sich sukzessive aus der Wirklichkeit. Dabei ist es gerade dieses Verständnis von Kirche, dass mich mit Freude und Enthusiasmus den Beruf des Pastors 1989 hat ergreifen lassen.

Denn:
Was geschieht, wenn immer mehr Menschen der Kirche den Rücken zukehren? Was geschieht, wenn eine zunehmend größere Zahl Getaufter aus der Kirche austreten? Was geschieht, wenn jemand an Stammtischen oder in der Mittagskantine mit den Worten belächelt wird: „Was, bist du etwa immer noch in der Kirche?“

Es geht mir nicht um das Geld, was der Kirche weniger zur Verfügung steht, wenn ich hier mein Leiden an dieser Kirche benenne. Mein Leiden macht sich vielmehr an der Einstellung fest, die solchem Denken und solcher Haltung zugrunde liegt. Was wird dann aus der Kirche als Gemeinschaft der Getauften, wenn die Getauften dieser Gemeinschaft keine Bedeutung mehr geben? Was wird aus der „Seele“ unserer Kirche, wenn zunehmend mehr Menschen sich gar nicht mehr als Teil des einheitlichen Organismus verstehen? Welche Auswirkung hat das auf den Organismus?

Was man beobachten kann, ist ein Paradox: Menschen treten aus der Kirche aus und verlassen damit den Organismus, nehmen aber gleichzeitig die Dienste dieser Gemeinschaft in Anspruch: sie lassen ihre Kinder taufen, sie melden sich zu Trauungen an, sie besuchen an Festtagen Gottesdienste, sie nehmen die kirchliche Notfallseelsorge -, wie überhaupt Seelsorge in Anspruch … Kurz und gut: sie betrachten Kirche als Dienstleister. Kirche leistet einen Dienst, ohne dass dieser Dienst sie etwas kosten soll. Das aber widerspricht dem Gedanken und der theologischen Grundlegung einer Gemeinschaft, in der jede/r etwas gibt und empfängt. Es höhlt den Gedanken eines einheitlichen Organismus aus, in dem jede/r seinen „Liebes“-Beitrag leistet, um dadurch diese Gemeinschaft überhaupt erst zu ermöglichen. Kirchenmitgliedschaft und der darin zu leistende Solidarbeitrag entspricht faktisch einem Liebes-Beitrag. Wer diesen Liebesbeitrag nicht mehr bereit ist zu leisten, der legt also den Liebesbund Gottes (durch die Taufe) auf Eis. Die Menschen sind und bleiben zwar getauft, aber was es tatsächlich heißt, getauft zu sein, wird dann nicht mehr sichtbar und erfahrbar. Die „Seele“ der Kirche geht langsam aber sicher verloren. Eine Kirche, die nur noch als Dienstleister verstanden wird, widerspricht dem Gedanken der Nächstenliebe.

Darunter leide ich. Es ist nicht die Kirche, für die ich als Pastor angetreten bin.

Und dennoch werde ich weiter als Pastor zusammen mit Luisa, Herrn Petersen und Susanne Schwerk für die Kirche als „Gemeinschaft aller Getauften“ leben und mich engagieren. Auch wenn sie auf den ersten Blick ein „Auslaufmodell“ sein sollte. Lieber bin ich ein Teil der Kirche.

Lieber bin ich Teil einer Kirche, die sich der Liebe Gottes verpflichtet weiß, als einer Dienstleistungskirche, die dem Mainstream hinterher rennt.
Die Kirche als Gemeinschaft der Getauften ist und bleibt alternativlos!