Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Verstummt

Manchmal verschlägt es uns die Sprache. Wie ein Ko-Schlag kann unsere Seele durch sehr belastende Ereignisse ausgeknockt werden, sodass wir verstummen. In dem Buch „Die Erfindung des Lebens“ beschreibt der Autor Ortheil diesen traumatischen Vorgang einfühlsam. Ein Kind spricht über Jahre nicht, gilt als nicht beschulbar. Sein Vater begegnet ihm voller Liebe und Empathie. Nach Jahren dieser außergewöhnlichen Zuwendung beginnt der Sohn unerwartet zu sprechen. Die väterliche Liebe hat es möglich gemacht.
Bei Frau L. war es ähnlich. Sie wirkte verhärmt und blieb stumm, als ich ihr zum 65. Geburtstag gratulierte. Beim nächsten Mal war es genauso. Dennoch blieb ich 20 Minuten. Beim Abschied sagte sie überraschend „Danke“. Ich lächelte sie an. Ich besuchte sie weiter, so oft ich konnte. Im Juli 2019 lud ich sie in ihrem Rollstuhl zu einem Spaziergang ein. Am Obststand kaufte ich Erdbeeren, die Frau L. mit spürbarem Genuss verspeiste. Wenige Monate später sprach ich sie auf ein Foto mit einer jungen, hübschen Frau an, das über ihrem Bett hing. Sie wandte sich ab und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Schweigen! Nach einer langen Pause begann sie zu reden. Lisa, ihre Tochter, sei vor 10 Jahren tödlich verunglückt. Sie erzählte mir viel von ihr. Und dann stockte ihre Stimme. Nach einer längeren Pause begann sie mir vom Tod ihrer zweiten Tochter zu erzählen. Sie erwähnte, dass sie mit 56 an Parkinson erkrankt sei, wenige Jahre später wurde sie berufsunfähig. Ich schwieg. Jetzt war ich verstummt. Ihr Leid hatte mir die Sprache verschlagen. Aber sie redete. Ihre Seele bekam Luft zum Atmen. Mitten in diesem Neuanfang wirkte Gott.

Dirk Große, Pastor in Altenholz