Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Barmherzigkeit

Die Jahreslosung für 2021 lautet:
Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater
barmherzig ist.
Barmherzigkeit? Was bedeutet das eigentlich genau?
Dazu eine kleine Geschichte:
Einst stritten sich zwei Freunde in der Wüste. Der Streit wurde
so hitzig, dass einer den anderen erschlug. Der Täter wusste,
dass ihm nun Vergeltung drohte, – der Tod. Er sah seine einzige
Rettung darin, beim Stammesführer Schutz zu suchen. Er
wartete, bis es dunkel wurde und rannte dann durch die Wüste
zur Oase und direkt zum Zelt des obersten Stammesführers.
Dieser nahm den Geflüchteten auf und versicherte ihm, dass er
unter seinem Schutz stehe – bis die Angelegenheit vor dem
Stammesgericht geklärt werden könne. Am nächsten Morgen
kamen die Zeugen dieser Bluttat und forderten lauthals vom
Stammesführer die Auslieferung des Schuldigen. Sie wollten
eine gerechte Vergeltung an dem Täter – sein Blut sollte
fließen.
Der Stammesführer sprach: „Ich kann euch diesen Mann nicht
ausliefern, denn ich habe ihm mein Wort gegeben! Er steht
unter meinem persönlichen Schutz!“ Die Kläger antworteten:
„Oberster Stammesführer, Sie wissen wohl nicht, wen er getötet
hat.“ Das Stammesoberhaupt wiederholte: „Nein, aber ich habe
mein Wort gegeben.“ Dann sagte jemand in der Menge: „Er hat
Ihren Sohn getötet.“ Der Stammesführer war erschüttert, denn
er liebte seinen Sohn über alles. Er beugte seinen Kopf, damit
die Menge seine Tränen nicht sah und überlegte. Was sollte er
machen? Alle Blicke ruhten auf ihm, alle warteten gespannt auf
seine Entscheidung. Würde es Gerechtigkeit, Vergeltung
geben?
Schließlich schaute das Stammesoberhaupt hoch, blickte in die
Menge und sprach mit fester Stimme: „Dann soll er mein Sohn
werden. Und eines Tages wird er alles bekommen, was mir
gehört.“
Diese Geschichte trifft meine Vorstellung von Barmherzigkeit
gut: Keine Vergeltung, kein Abweisen eines in Not Geratenen,
sondern: Barmherzigkeit. Ausbrechen aus dieser scheinbar so
vorgegebenen Spirale aus Gewalt und Gegengewalt, aus Hass
und Lieblosigkeit.
Gerade in diesen Monaten der starken Einschränkungen, die
auch weh tun, die anstrengend sind für uns, dem Nächsten, der
Nachbarin mit Barmherzigkeit zu begegnen, mit tätiger Liebe,
wird diese Zeit erträglicher machen.
Ich wünsche uns in diesem noch so jungen Jahr immer wieder
die Möglichkeit, Barmherzigkeit zu üben, und auch zu erfahren.
Uns allen ein gesegnetes Jahr 2021,
Pastor Okke Breckling-Jensen