Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Der 8. Mai

Auch nach 75 Jahren regt der Gedenktag zur Diskussion, zum Innehalten und zum Gedenken an. Hierzu Gedankengänge von Pastor Breckling- Jensen und Pastor Große.

Nordfriedhof Kiel

Pastor Okke Breckling-Jensen

Der 8. Mai:

Zu meiner Schulzeit war es der Tag der Kapitulation, der Niederlage Deutschlands. Ich kann mich noch gut an eine Geschichtsstunde erinnern: Unser Lehrer hatte eine Landkarte an der Wand, erzählte uns mit leuchtenden Augen: Wenn Hitler im Krieg dies so gemacht hätte, sich dort mit denen verbündet hätte und diese Schlacht so geschlagen hätte: Dann hätte Hitler den Krieg gewonnen! Ein Mitschüler fragte daraufhin trocken: Ja und dann? Dann wäre wir alle jetzt Nazis… Darauf hatte unser Geschichtslehrer keine Antwort.

Für mich ist der achte Mai der Tag, an dem Deutschland von der Naziherrschaft befreit wurde, und nicht nur Deutschland.

Der Zweite Weltkrieg, von Deutschland angezettelt, hatte über Europa, über die Welt, entsetzliches Leid gebracht, er endete hier am 8. Mai 1945.

Was hat dieser Tag mit uns heute zu tun?

Natürlich: Es ist unsere Verantwortung, dass es so etwas nicht noch einmal passiert. Das klingt mittlerweile so abgedroschen, nach einer pflichtschuldigen Phrase. Aber angesichts des wachsenden Populismus, der alternative Fakten erfindet, um die Welt nach seinen Vorstellungen zu manipulieren: Es liegt an uns, genauer hinzuschauen, wenn uns Pseudowahrheiten präsentiert werden, wenn Verschwörungstheorien, so abstrus sie auch sein mögen, nachgeplappert werden.

Was beschäftigt mich als Pastor an diesem Datum?

Kirche muss für Frieden eintreten. Kirche ist ja kein Selbstzweck. Deswegen ist es unsere Aufgabe, die Stimme zu erheben für Gewaltlosigkeit, für Wahrhaftigkeit, für ein gutes und gerechtes Miteinander. Als Christinnen und Christen folgen wir Jesus Christus nach auf seinem Weg der Nächstenliebe, der Gerechtigkeit, der Menschenfreundlichkeit, des Friedens.

Schön wäre es, wenn irgendwann ein Geschichtslehrer sagen könnte: Seit 2020 gab es keine Kriege mehr. Dazu haben die Kirchen beigetragen.

Nordfriedhof Kiel

Pastor Dirk Große

„Mein“ 8. Mai

Als ich konfirmiert wurde, kam es zu einem emotionalen Ausbruch meines Großvaters. Unter dem Eindruck von Alkohol sprach er über seine Kriegserinnerungen. Er sprach nicht, er brüllte. Aus meinem Lieblings-Opa brachen schlimmste Kriegserlebnisse hervor. Die Stimmung damals war eisig. Mit meinem 15 Jahren dachte ich: der Krieg ist längst noch nicht vorbei! Bis heute begegne ich immer wieder Menschen, die Ähnliches erfahren hatten. Eine inzwischen Verstorbene berichtete, wie sie als junges Mädchen mehrfach missbraucht wurde. Inmitten ihrer Erzählung versteinerte sie und sprach nicht weiter.

Der 8. Mai beendete vor 75 Jahren den zweiten Weltkrieg. Dennoch lebt er in den Überlebenden weiter. Ich „erlebe“ den Krieg in vielen Erzählungen der noch lebenden Kriegsgeneration. Ich ahne, was da geschehen sein muss. Umso dankbarer bin ich, in einem Land zu leben, dass vor 75 Jahren einen zunächst sehr schmerzhaften Neuanfang gehen durfte. Ich empfinde es als ein „Geschenk“ in einem Europa der Gemeinschaft und des Friedens zu leben. Auf meiner Radtour 2011 durch Frankreich bin ich durchweg freundlichen Franzosen begegnet. Sie halfen mir, als mir in Toulouse mein Rad gestohlen wurde. Im vergangenen Jahr bin ich so vielen freundlichen Polen, Letten, Slowaken, Ungarn und Slowenen begegnet. In solchen Momenten erlebe ich ein Europa unter Menschenfreunden.

Aber dieser Frieden und dieser neu gewonnene Zusammenhalt ist zerbrechlich. Ich beobachte einen zunehmenden Populismus und Nationalismus. Auch in Deutschland.  All das Erreichte ist gefährdet.

Zum Wesen des christlichen Glaubens gehört, sich für Frieden und Völkerverständigung einzusetzen. Wir sind alle Geschöpfe Gottes! Wir sind aufgerufen, „Licht der Welt“ zu sein. Dafür zu kämpfen ist und bleibt unsere Aufgabe. Alles andere bedeutete, seinen Glauben „über Bord“ zu werfen, der besagt: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Röm.12,21).

Nordfriedhof Kiel
Nordfriedhof Kiel
Nordfriedhof Kiel
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