Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Letzte Dinge

November. Graue, dunkle Tage. Tage, die von Nachdenklichkeit, Gedenken, Erinnerungen geprägt sind.

In diesen Tagen verabschiedet sich mein Vater aus dem Leben. Ein Sturz vor zwei Monaten hat den Alltag auf den Kopf gestellt: Oberschenkelhalsbruch, zwei Operationen. Sein Zuhause ist nun das Krankenhaus in Hamburg. Mich erschrickt, wie rasant das Leben meines Vaters dem Ende zurast. Vor drei Wochen hatte er noch gefragt: Was macht Tobias? Wie geht es Manuel in Saarbrücken? Vor zwei Wochen kam Merle aus Mainz. „Hallo Opa,“ sagt sie mit Tränen in den Augen und umarmt ihn warm. Mein Vater: „Du siehst blass aus, Merle!“ Genau hingesehen hat er. Jetzt geht sein Blick in die Leere. Sein Gesicht wirkt immer eingefallener. Seine Stimme schweigt inzwischen die meiste Zeit.

Was zählt, ist soziale Wärme. Das Netz der Familie und Freunde trägt. Ich staune über meine erwachsenen Kinder. Die demente Oma in Ahrensburg, der sterbende Opa in Hamburg. Sie sind so einfühlsam und liebe-voll. Siegfried, der Freund meines Vaters seit 75 Jahren, schickt eine Video-Botschaft. „Achim, du darfst nicht aufgeben. Halt die Ohren steif!“

Ich würde so gerne noch so viele Dinge mit meinem Vater besprechen. Mir zerrinnt die Zeit.

Letzte Dinge.

Jede Begegnung mit meinen Eltern ist ein Tasten. Was tut gut? Zum Abschied küsst mich mein Vater. Das hat er früher nie getan. Er sagt mit gebrochener Stimme „Danke für deinen Besuch!“

Wenn ich traurig bin oder nicht mehr weiterweiß, falte ich meine Hände. Manchmal kommt mir ein Liedtext in den Sinn:
„Der Lärm verebbt,
die Last wird leichter,
es kommen Engel und tragen mit.
Gott segne alle, die dir vertrauen.
Gib Nacht und Ruhe, wo man heut litt.“

Letzte Dinge.

Dirk Große, Pastor in Altenholz