Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Estlandreise, Erlebnisse 2019

„MINU ARM“ Sängerfest in Tallinn (Foto: Konzertabschlusstag 07.07.2019, weitere Fotos unter „Kirchenmusik“)

„Minu arm“ – meine Liebe, Estnisches Sängerfest 2019,
Reise einer Altenholzer Gruppe in die Partnerstadt Paldiski, 03. – 08. Juli 2019            
                                 

(Rainer Wiechert am Altenholz, 09.07.2019)

Singen erfreut, wirkt spirituell, kann aber bis zur Begeisterung aufsteigen. Dies ist immer der Fall bei den großen Sängerfesten in den baltischen Staaten. Eine Altenholzer Gruppe ließ sich dies nicht entgehen beim Estnischen Sängerfest 2019. 150 Jahre nach dem ersten Sängerfest 1869. Es reisten 12 Teilnehmer aus Altenholz in die Partnerstadt Paldiski, vom 03. – 08. Juli 2019, und mit dem gemischten Chor aus Paldiski dann gemeinsam zum Mitsingen in das Sängerstadion nach Tallinn. Alle marschierten beim langen, fröhlichen Zug durch die Stadt zum Eröffnungskonzert mit, die neun Sänger (ca. 25% der Altenholzer Kantorei) unter der Leitung von Susanne Schwerk sangen mit. Gekleidet in den schleswig-holsteinischen Farben blau-weiß-rot. Drei Vertreter der Gemeinde Altenholz, aus Kommunalpolitik und Verwaltung konnten währende des Aufenthalts die Kommunalpartnerschaft mit Paldiski vertiefen. Sie wurde feierlich durch Bürgermeister Carlo Ehrich und die kommunalen Partner dort auf das Umland „Lääne-Harju vald“ erweitert.
Die Altenholzer Gruppe wohnte in einem Offiziershaus des früheren sowjetischen Marinestützpunktes. Die Vergangenheit des Casinos im Offiziershaus ist nun heftig Estnisch umfirmiert. Nur ein Bild alter Marineveteranen mit strengem Blick erinnerte an alte Zeiten. Nun blickten die früheren estnischen Präsidenten, und die jetzige Präsidentin von Bildern auf die „Casino“-Besucher aus Altenholz.

Freude im verbindenden Massengesang wird hart erarbeitet. Am Freitag, 05. Juli, fuhren die nun verbundenen Gesangesschwestern und – brüder zum Sängerstadion zu einer Probe. Der Paldiski-Chor in farbenfrohen Trachten. Nach Stimmen getrennt und sehr eng positioniert kam ein gemeinsamer rauschender Großklang zustande. Jeweils eine Dirigentin, ein Dirigent auf einem hohen Podest führten und bewegten mit klarer Gestik, und unterschiedlicher körperlicher Heftigkeit Tausende Sänger (ca. 25000 erwachsene Sänger und 5000 Kinder), im Publikum saßen am Abschlusstag 100000 Zuhörende. Alle Chöre, auch die Altenholzer Sänger, hatten lange vorher anhand eines Liedheftes mit estnischen Texten geübt. Denn nur dadurch konnte der Massengesangsauftritt gelingen. Das Motto des Festivals und auch der Grundton der estnischen Nationalhymne konnte insbesondere bei dem Lied „Mu isamaa on minu arm“ erkennbar werden (Meine Heimat ist meine Liebe).

Die Eröffnung des Festivals fand am Samstag, 06. Juli statt, nach Einzug der Sängermarschsäulen durch die Stadt ins  Sängerstadion. Nun wurde es zum klingenden Hauptereignis des Jahres in Estland. Die neue estnische Präsidentin Kersti Kaljulaid brachte den Stellenwert des Festivals für Estland in einer konzentrierten Rede auf den Punkt (auch spürbar ohne estnische Sprachkenntnisse). Nach dem Gemeinschaftsauftritt folgten einzelne Gruppen. Munteres Treiben auf dem Rasen gestaltete sich friedlich, letztlich in Begeisterung. Und im Geschiebe der Massen gab es immer Geduld und freundliche Gesichter.
Bleibt nachzutragen, dass auch am Sonntag, 07. Juli, gegen Abend wieder ein Großauftritt kam, ansonsten Einzelkonzerte. Es gab genug Zeit, bei Festzelten, Buden zu promenieren. Gut organisierte Massenspeisungen in einer Halle erinnerten an unsere Kirchentage. Die jeweiligen Rückfahrten im Bus ins ca. 50 km entfernte Paldiski ließen die gängigsten Lieder nochmals heftig erklingen.
Die Freunde aus Paldiski, allen voran Asso als Hauptbegleiter, hatten ein volles Programm strukturiert: am Anreisetag Fahrt nach Tartu und Übernachtung dort, Abendessen in einem riesigen Bierkeller, mit munteren Studenten. Der Rang Tartus als Universitätsstadt wurde deutlich, in gewisser Konkurrenz zu Tallinn.
Beim Besuch des Estnischen Nationalmuseums in Tartu trat die wechselvolle Geschichte Estlands hervor, bis hin zur heutigen High-Tech-Gesellschaft. Eine Sonderausstellung „Uurali kaju“ – Echo vom Ural vermittelte die erkennbare Verwandtschaft der Esten mit ugrischen Völkern im Ural- und Wolgabereich.  Ein Uralsprachen-Stammbaum – „Uurali keelepuu“ vollzog dies anhand von Kernwörtern bis ins Estnische, Finnische, Karelische nach. Die diesen Sprachen gemeinsame „agglutinierende Struktur“ (nachklebend) macht Estnisch (und auch Finnisch, Ungarisch) zu einer harten Lernaufgabe (z. B. Bedeutungen am Ende präzisiert: linn-Stadt, linnas- in der Stadt, maa- Land, maal – im Land). 

Auch die frühe Musik der finno-ugrischen Völker wurde im Museum erläutert: „“Regilaulud“ – Runenlieder, mit teils gleichförmigen Melodien. Es war zu ahnen, dass sich hier der Ursprung für die uns zum Teil ungewohnten Melodien im Festival-Chorheft erschließt.
Von den Runenliedern gab es nun in Paldiski den Weg hinauf zur Spitze des Gegenwartsschaffens in der estnischen Musik: Besuch im Oktober 2018 eröffneten Arvo-Pärt-Zentrum. Ein Spitzenereignis der Reise, denn: plötzlich ging die Tür auf, und der Komponist Arvo Pärt kam aus seinem Arbeitszimmer hinzu, unterhielt sich locker, humorvoll mit der Gruppe. So war das Arvo-Pärt-Haus auch eine gute Wahl für die hier angesetzte feierliche Unterzeichnung der erweiterten Partnerschaftserklärung Altenholz-Lääne-Harju vald. Die Altenholzer Chorsänger sangen nach der Unterzeichnung „Lobe den Herrn, meine Seele“.
Der Chor hatte sich auch kundig gemacht über das kirchliche Leben in Paldiski. Die Gruppe besuchte die estnisch-orthodoxe Kirche nahe am Hafen. Ein junger estnischer Priester erläuterte, warum die estnische orthodoxe Kirche – direkt an den Patriarchen in Konstantinopel/Istanbul angebunden, und die russisch-orthodoxe Kirche (nicht weit entfernt im Ort) – direkt an den Moskauer Patriarchen angebunden, getrennte Wege gehen. Die Chormitglieder sangen auch hier ein Lied, posierten dann in der Kirche mit dem freundlichen Priester für ein Foto.
Susanne Schwerk konnte am Sonntag mit einem Chormitglied noch die evangelisch-lutherische Nikolai-Kirche beim Gottesdienstanfang besuchen (Kirche: kirik, Gemeinde: kogudus). Es gab einen freundlichen Meinungsaustausch und einen Partnergruß aus Altenholz an die aus Tallinn angereiste Pastorin. Diese war (wie in Schweden, Finnland) ganz in einem weißen Talar mit leuchtend-grüner Schärpe gekleidet, mit weißem Rundkragen im schwarzen Hemd darunter. Es gab nur wenige Gottesdienstbesucher. Die Esten hadern nach einem Aufbruch 1991 nun mit der Religion. Susanne und das Chormitglied sprachen anhand des Ablaufzettels wacker das Glaubensbekenntnis und das Vater Unser auf Estnisch mit.
Beim Stadtrundgang am Abreisetag in Tallinn wurde am mittelalterlichen Stadtbild deutlich, dass es in der Hansestadt ähnliche Kirchenbauten und Kirchenbenennungen (Dom zu Tallinn) wie in unseren Ostseestädten gibt. 

Jeder Dirigent winkt am Ende eines Stücks ab. So nahm die Gruppe dann am Morgen des 08. Juli im Offiziershaus Abschied von den Freunden aus Paldiski, und auf dem Flughafen von Tallinn von Asso. Wir warten auf einen Gegenbesuch der Freunde aus Paldiski in Altenholz. Diese haben aber hohen Maßstab gesetzt, waren großzügig. Wir müssen uns Mühe geben. Es gilt: „Minu arm“ – meine Liebe.