Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Migration in der Bibel

Vorbemerkung

Migration, Flucht: Das sind keine neuzeitlichen Phänomene, sie sind so alt wie die Menschheit, ja, sie sind Ursprünge der Menschheit. Auch die Bibel spiegelt diese Erfahrungen vielfach wider.

Die erste Migrationsgeschichte ist die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies, sie müssen fern ihrer paradiesischen Heimat unter erschwerten Bedingungen neu anfangen. Von Flucht ist die Geschichte ihres Sohnes Kain geprägt, der nach dem Mord an seinem Bruder rechtlos durch die Welt irrt.

1. Abraham

Abram kommt ursprünglich aus Ur in Chaldäa. Mit seinem Vater kam er nach Harran (1. Mose 11, 31). Auf Geheiß Gottes wanderte Abram mit seiner Frau Sara und seinem Neffen Lot von dort weiter mit unbekanntem Ziel in das Land, das ich dir zeigen werde; Gott verhieß ihm seinen Segen und reiche Nachkommenschaft (1. Mose 12, 1). Sie kamen über Aleppo – das heutige Halab und Damaskus nach Kanaan; in dieser Route ist der historische Kern, die Einwanderung von Nomaden aus Nordsyrien nach Kanaan in den Jahren vor 2000 v.Chr., bewahrt.

Mehrere Verheißungen prophezeiten Abram Nachkommen, aber Sara blieb unfruchtbar und gab Abram ihre Magd Hagar, damit diese ihm Kinder schenke (1. Mose 16). Als Abram 99 Jahre alt war, schloss Gott einen Bund mit ihm: er werde ihn zum Vater einer Vielzahl von Völkern machen, deshalb werde sein Name in Abraham geändert.

Der Alttestamentler Frank Crüsemann bringt es auf den Punkt: „Gott als Fremder“, nur so lässt sich darüber reden. Gott kommt selbst als Fremder dem Abraham nahe (1. Mose 11-25), es sind drei Gäste, die ihn aufsuchen. Sie sind es, die die Verheißung bringen. Er nimmt sie auf, bereitet ein Festmahl und wird dann beschenkt. Obwohl Sarah es nicht fassen kann, dass sie es sein wird, die einen Sohn noch in ihrem Alter gebären wird, ist dies das besondere Gastgeschenk. Abraham und Sarah brechen auf, allein mit einer Verheißung im Herzen – und migrieren, verlassen den heimatlichen Ort und suchen nach dem gelobten Land. Auf ihrem Weg tun sie das, was Migrantinnen und Migranten bis heute manchmal aus Angst tun, sie täuschen über ihre Identität (Genesis 20).  Abraham gibt Sarah als seine Schwester aus, statt sie richtigerweise  als seine Ehefrau dem Pharao vorzustellen.

Abraham gilt allen drei monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam als Vater der Glaubenden.

Volk Israel

Gott erscheint Mose als brennender Dornbusch (2. Mose 3,6) und verheißt die Freiheit von der Sklaverei.

Das ist Gottes Selbstvorstellung, vor den 10 Geboten: Ich bin dein Gott, der dich aus der Sklaverei befreit hat.

Er wandert mit, ist da und zieht mit seinem Volk – ein wandernder Gott. Gott zieht mit als erziehender und leitender, maßregelnder und Maß-schenkender Gott in der Zeit der Wanderung durch die Wüste – eine vierzig Jahre währende Migrationsgeschichte. Gott ist der Fremde, und er schützt die Fremden in vielen Gesetzestexten. „Mein Vater war ein herumirrender Aramäer“ lautet das älteste Glaubensbekenntnis (5. Mose, 26,5). Wandernd, migrierend ist der Mensch – ein homo migrans. In all den Geboten wird darauf verwiesen, dass jeder sich dieser Wanderung, dieser Herkunft, bewusst zu sein hat und der  Befreiungstat Gottes aus der Sklaverei, die in einer langen Wanderung mündete.

Bis heute weiß man nicht, welchen Weg das Volk Israel wirklich gegangen sein soll.

Und statt einer Eroberung des Heiligen Landes wird es wohl eher eine Assimilation gegeben haben.

Die Heilige Familie

Auch so eine Migrations- und Fluchtgeschichte:

Erst müssen sie sich, Joseph und seine Verlobte Maria von Nazareth nach Bethlehem auf den Weg machen.

Dieses Kind kommt schon unbehaust in einem besetzten Land zur Welt. An einem fremden ungastlichen Ort, da die Besatzungsmacht zur Einnahme der Steuern überprüfen will, wieviele Einwohner eigentlich das Land so hat.  Jesus verweist immer wieder darauf, dass er nicht nur für die gekommen ist, die eigentlich sein Volk sind, sondern darüber hinaus sich das Heil Gottes an alle ansagt (Markus 7,24-30).

Und, dort in Gefahr, müssen sie fliehen, nach Ägypten, weil Herodes ein Blutbad plant, alle kleinen Jungen will er töten, damit ihm niemand seinen Thron streitig machen kann.

Paulus, der Weltbürger

Die Vorgeschichte

Paulus mit dem Doppelnamen Saulus wächst als gesetzestreuer Jude auf. Die Einhaltung der von Gott übermittelten 613 Gesetzesvorschriften ist ihm heilig. Saulus fühlte sich, wie andere Juden auch, herausgefordert, mit aller Härte gegen die Christen vorzugehen.

Das Damaskusereignis

 „Vom Saulus zum Paulus“, mit dieser knappsten Formulierung wird seine Wandlung vom Christenverfolger zum überzeugten Christen beschrieben. Die für ihn einschneidende Begegnung mit dem auferstandenen Christus in einer Lichterscheinung ereignete sich in Damaskus. Paulus fühlte sich als Apostel beauftragt, es den Jüngern Jesu gleich zu tun. Doch die Glaubwürdigkeit dessen, was er jetzt verkündete, war überschattet von seiner Vergangenheit als Christenverfolger.

Paulus, der Wanderprediger

Wo Paulus als Wanderprediger auch auftrat, immer musste er damit rechnen, dass ihm Misstrauen und Argwohn entgegenschlugen. Gewalt gegen ihn war keine Seltenheit. Die gesetzestreuen Juden lehnten ihn genauso ab wie die Heiden. Wurde Paulus auch mancherorts davongejagt, seine Botschaft wurde gehört. Taufen und Gemeindegründungen waren sichtbare Zeichen.

Mit Paulus bis nach Rom

30000 km sollen es gewesen sein, die Paulus per Schiff, Fuß oder Esel in den Jahren 46 bis 62 n. Chr. zurücklegte. Eine Wegstrecke voller Beschwernis und Gefahren. Krankheit, Schiffbrüche, Gefangenschaft, Steinigung, Auspeitschung, nichts konnte ihn aufhalten, weite Missionsreisen zu unternehmen. Die vierte Reise führte ihn als Gefangenen der Römer nach Rom, wo er jedoch ungehindert predigen konnte. Vermutlich wurde er im Zuge der Christenverfolgung 62 n.Chr. durch Nero hingerichtet.

Weitere Migrationsgeschichte in der Bibel sind zB die Nomaden, Verschleppung (Babylonische Gefangenschaft) oder Krieg.

Biblische Aussagen

Einen Fremdling sollst du nicht bedrängen; denn ihr wisst um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen seid. (2. Mose 22,20)

Wenn ihr aber die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr nicht alles bis an die Ecken des Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten, sondern sollt es den Armen und Fremdlingen lassen. Ich bin der HERR, euer Gott. (3. Mose, 23,22)

Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. (5. Mose, 10,19)

Zähle die Tage meiner Flucht, / sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie. (Ps. 56,9)

Fluchtgründe in der Bibel

Wirft man einen Blick auf biblische Flüchtlingsgeschichten, so kommen ohne eine Wertungsdifferenz ganz unterschiedliche Gründe der Flucht ins Bild. Da sind Menschen, die ihre Heimat in einer Hungersnot verlassen mussten und in einem anderen Land Zuflucht fanden. Das gilt für Abraham und Sara (Gen 12), für Isaak und Rebekka (Gen 26) und für Jakob und seine Familie in der „Josefsgeschichte“ (Gen 37-50).

So ist es aber auch bei Elimelech und seiner Frau Noomi am Beginn des Buches Ruth. Sie verließen in einer Hungersnot ihren Heimatort Betlehem und fanden in fremdem Land, in Moab, Zuflucht. Nach dem Ende der Hungersnot kehrt Noomi, die inzwischen zur Witwe geworden ist und deren Söhne ebenfalls gestorben sind, nach Betlehem zurück. Ruth, ihre moabitische Schwiegertochter, geht mit ihr und sie, die Fremde, heiratet nach mutigen und risikoreichen Aktionen in Betlehem einen Israeliten.

Biblische Flüchtlingsgeschichten handeln aber auch von Menschen, die vor politischer Verfolgung fliehen müssen. So ist es in Ex 2, wenn Mose, der einen ägyptischen Aufseher der hebräischen Zwangsarbeiter erschlagen hat, vor dem Pharao flieht. Kommt Mose hier als rechtsstaatlich zu verfolgender Terrorist ins Bild oder als – zunächst scheiternder – Freiheitskämpfer? Das ist, offenkundig nicht nur in diesem Fall, eine Frage des Standorts.

Und da gibt es schließlich auch Erzählungen von Menschen, die einem unerträglichen Leben als Sklavinnen und Sklaven entfliehen wie die ägyptische Sklavin Hagar in Gen 16, die vor den Demütigungen ihrer Herrin Sara (Saraj) flieht.

Kirche und Flucht

Die og. Aussagen, die biblischen Zeugnisse der Menschen, die sich auf den Weg machen mussten:

Gott ist ein Gott der Umherwandernden, der Suchenden, der Findenden.

Nicht derjenigen, die Grenzen hochziehen.

Das versucht Kirche sich auch immer wieder klar zu machen:

Die erste Reise des Papstes Franziskus: Auf die Insel Lampedusa, wo viele Geflüchtete unter unwürdigen Verhältnissen leben.

Ein paar Impulse dazu von der EKD:

  • Gottes Liebe gilt der ganzen Welt und macht nicht an Ländergrenzen halt. Alle Menschen leben gleichermaßen in Gottes Nähe und Gnade – unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Nationalität, Religion und Vermögen.
  • Gott hat alle Menschen nach seinem Bild geschaffen und ihnen so eine unantastbare Würde gegeben. Niemand muss sich diese Würde verdienen. Alle Menschen sind verschieden und doch gleich wertvoll. Herkunft, Religion, Aussehen, sexuelle Identität oder aufenthaltsrechtlicher Status ändern daran nichts. Diese Grundeinsicht des christlichen Glaubens findet in den Menschenrechten eine säkulare, rechtliche Form.
  • Abschiebungen in Konfliktgebiete bringen Menschen zurück in Lebensgefahr. Ein Land wie Afghanistan für sicher zu erklären, ändert daran nichts.
  • Für Christinnen und Christen ist Nächstenliebe das höchste Gebot. Sie helfen daher, wo es Not tut
  • Der Staat muss die Sicherheit aller Menschen im Land gewährleisten. Gerade die freie, offene Gesellschaft braucht Sicherheit. Das Bedürfnis nach Sicherheit muss jedoch sorgfältig abgewogen werden gegen Freiheit und Toleranz. Denn sie sind die Grundlagen einer offenen Gesellschaft.
  • Christinnen und Christen öffnen die Augen für Ungerechtigkeit und ihren Anteil daran. Deswegen schaffen sie mit kirchlichen Partnern neue Anfänge für globale Gerechtigkeit: durch fairen Handel, Nothilfe und nachhaltige Entwicklung.
  • Als Christinnen und Christen treten wir für Religionsfreiheit ein. Toleranz endet, wo Religion und Religionsfreiheit missbraucht werden, um Menschen und ihre Würde zu verletzen. Deswegen stehen wir an der Seite bedrängter und verfolgter Christen weltweit.
  • Jeder Mensch hat das Recht, einen Glauben zu haben – oder nicht – und entsprechend zu leben.