Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Die Vergangenheit

Vor 44 Jahren hatte sie geheiratet. Mit 25 Jahren wurde sie Mutter eines Sohnes, der mit 10 Monaten starb. Zwei Jahre später brachte sie ihre Tochter Andrea zur Welt. Andrea verunglückte mit 25 Jahren tödlich, als ein Auto sie auf ihrem Rad erfasste. Ein Jahr später zerbrach ihre Ehe. Mit 54 Jahren erkrankte sie an Parkinson. Mit 57 wurde sie berufsunfähig. Mit 63 Jahren musste sie ihre Wohnung in Kiel aufgeben. Seit 2014 lebt sie in einem Pflegeheim.

Die Gegenwart

Frau K. nimmt viele Tabletten. Sie sitzt im Rollstuhl. Ihren Hobbies „Kochen und Handarbeiten“ kann sie wegen ihrer zittrigen Hände und ihres Tremors im gesamten Oberkörper nicht mehr nachgehen. Schreiben kann sie ebenfalls nicht mehr. Selbständig lesen? Geht nicht, da sie den Kopf nicht ruhig halten kann. Einmal im Monat kommt ihr Bruder aus Hamburg zu Besuch. Ihre wässrigen Augen schauen meist in die Leere. Wenn Frau K. spricht, ist sie kaum zu verstehen. Von Monat zu Monat wird ihre Stimme leiser. Sie scheint sich aus dem Leben zurückzuziehen. Sie isst kaum noch. Viele haben sie im Pflegeheim aufgegeben. Sie sagen es nicht, aber sie zeigen es. Swantje, die Ergotherapeutin, gibt Frau K. nicht auf. Sie legt eine besonders schöne Muschel auf den Nachtisch, die sie am Wochenende am Strand gefunden hat. Swantje schenkt Frau K. jeden Tag ein warmes Lächeln. Die Physiotherapeutin bringt täglich ein paar saftig-süße Zwetschgen aus ihrem Garten mit. Lichtblicke im Dunkelgrau des Alltags!

Die Zukunft

Letzten Dienstag habe ich Frau K. besucht. Wir reden über ihre Zukunft. Frau K. setzt zweimal an, um dann zu verstummen. Nach drei Minuten kommt über ihre Lippen: „Ich habe Angst… Vor dem Sterben“. Danach schweigt sie fünf Minuten. Sie braucht 50 Minuten, um mir zu erklären, dass sie nicht einsam sterben will. Dass sie Angst hat, ihr Bruder würde vor ihr sterben. Dass sie nicht irgendwo verschachert werden will ohne ein persönliches Wort über sie. Ich frage sie, ob sie nicht neben ihrer Tochter beerdigt werden möchte. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. „Das wäre schön!“ Es wird Zeit zum Mittagessen. Frau K. will nicht. Stattdessen fragt sie: „Und wie soll das gehen…. Wer soll…?“ Ich ahne, was Frau K. bewegt. „Möchten Sie, dass ich Sie verabschiede?“, frage ich. Sie nickt. Wir reden über ihren Abschied, ihre Stimme wird jedoch immer lebendiger. Schließlich verabschiede ich mich.

Dass ich mir fast zwei Stunden Zeit für Frau K. nehmen konnte, empfinde ich als Segen. Kirche ist dieser Segensraum. Sie ist Gemeinschaft, von vielen getragen und finanziell ermöglicht, in der ich als Pastor so wirken kann.

„Was ihr einem von meinen geringsten Geschwistern getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt. 25,40).
Wenn das gelingt, sind wir Kirche.

Dirk Große, Pastor in Altenholz