Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altenholz

Wort zum Sonntag

Neues Leben

Seit drei Jahren hatte Herr P. seine Unterkunft nicht mehr verlassen. Obwohl er erst 67 Jahre alt ist, lebt er seit 2013 im Pflegeheim. Das Schicksal von Herrn P. hatte mich nach unserer ersten Begegnung sprachlos gemacht. Nach dem Tod seines Sohnes war seine Ehe zerbrochen. Der zweite Sohn starb an den Folgen eines Aneurysmas vor 20 Jahren. Danach erkrankte Herr P. an Parkinson und wurde mit 54 Jahren als Krankenpfleger berufsunfähig. Inzwischen vermag er nicht mehr zu schreiben. Zu zittrig sind seine Hände.

„Wie geht es Ihnen, Herr P.?“, frage ich ihn letzten Samstag. Er blickt aus seinem Rollstuhl in die Leere und nach gefühlt einer halben Ewigkeit antwortet er mit kaum hörbarer Stimme „Richtig schlecht!“.  Neue Medikamente, die ihn antriebslos und schläfrig machen. Kein Appetit mehr! Keine Besuche! Keine Abwechslung. Lesen geht nicht mehr, weil der Kopf so unruhig ist. Alles Scheiße!

Nach einer Weile sage ich: „Herr P., schauen Sie mal aus dem Fenster. Es ist schönes Wetter. Wollen wir nicht eine Runde rausgehen?“ Herr P. schüttelt den Kopf. Ich gebe nicht auf: „Das ist unsere Chance. Ich habe Zeit, die Sonne lacht, es ist warm. Eine kleine Runde nur!“ Herr P. reagiert nicht. Mein letzter Versuch: „Es gibt frische Erdbeeren! Ich kaufe uns welche und die naschen wir dann zu zweit.“ „Vielleicht ein anderes Mal“, antwortet Herr P. schließlich. Okay, denke ich. Nichts zu machen. Also reden wir ein wenig über G 20 und Fußball. „Ein paar frische Erdbeeren. Das wär eigentlich nicht schlecht“, höre ich Herrn P. unvermittelt sagen. „Ich brauch meine Fußstützen für den Rollstuhl noch.“  Danach schiebe ich Herrn P. im Rollstuhl zum Erdbeerstand und lasse ihn die Erdbeeren aussuchen. „Die sind aber lecker“, sagt Herr P. und verdrückt gerade seine fünfte Erdbeere. „Soll ich noch ne zweite Schale besorgen?“, frage ich. Herr P. nickt und dann fängt er an zu erzählen. Von seinem zweiten Sohn, der ein super Handballer war. Der sein Abi auf der Gelehrtenschule gemacht hat. Der immer so viel gelacht hat. Der ein Stipendium fürs Studium bekommen hat. Ich sitze und erlebe erstaunt, wie lebendig Herr P. geworden ist. „Können wir da im Blumenladen noch einen kleinen Blumenstrauß besorgen? Schwester Angelika hatte gestern Geburtstag.“

Nach einer Stunde fahren wir zurück ins Pflegeheim. „Kommen Sie noch mit in mein Zimmer? Ich möchte Ihnen noch ein Foto von meinem Sohn zeigen.“ Ich betrachte das Foto und sehe einen jungen Mann lachen. Schließlich verabschieden wir uns. Herr P. sieht mir in die Augen und sagt: „Den Tag muss ich mir merken!“ Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er dabei lächelte.

Ich schwinge mich auf mein Rad und bin voller Freude! Denn: heute bin ich Gott begegnet.

Dirk Große, Pastor in Altenholz